Caroline Cadier - Concorde

15 Jahre Leben an Bord einer Legende (Teil 2)

Martina Roters
24.08.2020
2 Fotos
7 Minuten

Caroline Cadier entführt uns in eine Zeit, in der ihr Beruf noch „Stewardess“ hieß. Fliegen war ein Privileg, und Concorde-Fliegen das Privileg des „Jetsets“. Sie gewährt uns einen Blick durchs Bordfenster – auf eine märchenhaft anmutende Zeit – und auf ihr Leben in einer Umgebung, in der Unerschrockenheit und Professionalität Trumpf waren. Sie glaube an Schicksal, sagt sie, und wenn man mit Lesen fertig ist, dann versteht man sogar, warum. Für alle, die ihn noch nicht gelesen haben, hier geht es zum ersten Teil des Interviews.

Das Interview mit Caroline Cadier – Teil 2

Kamen Sie während Ihrer Berufsjahre auch mal in bedrohliche Situationen?

Die andere Situation war noch ernster. Vielleicht haben Sie den Film „Sully“ gesehen, in dem Tom Hanks den Flugkapitän spielt, der auf dem Hudson River landet, nachdem die Maschine in einen Schwarm Kanadagänse geflogen war. Derselbe Unfall ist uns passiert!

Wir waren im Landeanflug auf New York. Ich war gerade dabei, zu prüfen, ob die Passagiere alle ihre Sicherheitsgurte angelegt hatten, als es einen lauten Knall gab, wie eine Explosion. Zwei Triebwerke auf der rechten Seite waren von den großen Vögeln getroffen.

Das sind die Situationen, für die wir eine spezielle Ausbildung von Flugmechanikern und Piloten hatten. Sie sollte uns helfen, immer professionell zu reagieren. Denn unser Job ist ja auch Sicherheit und Erste Hilfe. Ich musste also die Durchsage machen, um den Passagieren zu erklären, was passiert ist, und sie zu beruhigen, während die Piloten vorn im Cockpit versuchten, die Situation unter Kontrolle zu bringen.

Die Landung gelang und der Kapitän wies mich an, vorn auf der rechten und hinten auf der linken Seite je eine Tür zu öffnen, um frische Luft einzulassen, denn es gab einen stark riechenden Rauch, ein bisschen wie Weihnachts-Gänsebraten. Und was hatten wir an dem Tag serviert? Foie gras – Gänseleberpastete!

Um 18 Uhr hatten wir ein Crew-Meeting und tranken Champagner, um zu feiern. Der Kapitän meinte, wenn uns das beim Start so passiert wäre, dann wären wir alle nicht mehr da. Die Maschine war so stark beschädigt, dass sie viele Tage in Reparatur war.

Aber meine Generation hatte Glück! Mein Vater hat über 50 Prozent seiner beruflichen Bekannten durch Flugzeugunglücke verloren. Fliegen war damals weit gefährlicher. Und er ist bis 60 geflogen. In meiner Familie hatten wir 65.000 Flugstunden alle zusammen: Mein Vater, René Cadier, mein Onkel René Lami, ich selbst und meine Mutter (Maman hatte immerhin 1.800 Flugstunden, obwohl sie zu ihrer Zeit den Beruf aufgeben musste, als sie geheiratet hatte.)

Gab es andere „Passagier-Storys“, die Sie erzählen können?

Nun, wir hatten eine Menge Berühmtheiten, VIPs an Bord. Wenn wir den Check an Bord beendet hatten, ging die Purserette (ich) mit dem Kapitän in die Lounge, um die Passagiere zu begrüßen. In der Zwischenzeit wurde die Garderobe per Kleiderständer vom Bodenpersonal ins Flugzeug zu den jeweiligen Sitzplätzen gebracht. Ein Gentleman bestand immer darauf, dass niemand seine Kleidung anrührte, er nahm sie immer selbst an Bord.

Wir hatten eine spezielle Liste, auf der all die besonderen Eigenheiten der Passagiere vermerkt waren. Das konnten schon mal 45 Eintragungen sein, z. B. „Madame Y trinkt keinen Champagner.“ Aber meistens wussten wir das schon, da viele Passagiere Stammgäste waren. Wie zum Beispiel der berühmte russische Musiker, der immer einen eigenen Platz für sein Cello buchte. Einmal, auf einem Flug nach New York, ging uns der Wodka aus, da er, ein anderer russischer Musiker und ihr berühmter Tänzer-Kollege alles, was wir an Bord hatten, schon ausgetrunken hatten!

Wo waren Sie am Tag des Concorde Crashs? Kannten Sie die Besatzung persönlich?

Wir haben uns alle gekannt. An jenem Tag musste jeder von der Besatzung Deutsch sprechen können, denn es war ein Charterflug einer deutschen Gesellschaft. In New York sollten die Passagiere dann auf ein Südamerika-Kreuzfahrtschiff umsteigen.

Damals hätten fünf Purser für den Flug zur Verfügung gestanden, aber nur zwei davon sprachen Deutsch. Wie gut, dass ich, anders als meine Brüder vor mir, Spanisch als zweite Sprache genommen hatte! Sonst wäre ich vielleicht an Bord gewesen. Ich glaube an Schicksal!

Stattdessen war ich in Buenos Aires. Ich kam gerade vom Einkaufen, als eine Kollegin mich anrief und mir erzählte, was passiert war. Wir von der Besatzung trafen uns jeden Abend. Der Flugkapitän, der ein Freund aus Kindertagen war, hielt eine hervorragende Rede. („Wir müssen weitermachen, wir sind Profis und werden als Profis gute Arbeit machen …“)

Am nächsten Tag flogen wir zurück nach Paris (an Bord einer Boeing 777). Als wir in der Luft waren, fragte mich ein Passagier, ob ich ihm eine Zeitung bringen könnte. Er wollte über den Crash lesen – aber wir hatten niemals Zeitungen an Bord, wenn sich ein Unfall ereignet hat.

Was passierte nach dem Concorde-Crash im Jahr 2000?

2001 ging ich wieder an Bord der Concorde – als Passagier. Als Testpassagier. Sie brauchten Freiwillige für einen Flug nach Châteauroux, wo die Piloten Trainingsflüge absolvierten, um ihre Lizenz wieder zu bestätigen. Viele meiner Freunde sind nie wieder Concorde geflogen. Das war auch kein Problem, weil die Zahlen dramatisch einbrachen. Von 80 Prozent Passagierauslastung auf 12 Prozent. Der schlimmste Tag war der, an dem wir genauso viele Passagiere hatten wie Kabinenbesatzung:
Ein Purser (Mann oder Frau), zwei Stewards und drei Stewardessen, also sechs, und genauso viele Passagiere waren an Bord.

Die Concorde flog wieder ab November 2001 – gerade mal 2 Monate nach dem 11. September. Das Absturzunglück UND der Terroranschlag – das war ein verhängnisvolles Zusammentreffen.

Der letzte Flug war am 31. Mai 2003: Es war ein sehr bewegender Moment, aber wir bekamen gesagt, dass wir uns unsere Gefühle nicht anmerken lassen sollten. Ich war als Purserette an Bord.

Ich erfuhr, dass ein japanisches Ehepaar mitflog. Natürlich ging ich auf sie zu: „Konichiwa!“ Ich erfuhr, dass sie extra die ganze Strecke Tokio- Paris-Tokio bezahlt hatten, um beim letzten Concorde-Flug dabei zu sein.

Nach der Landung in Paris stiegen wir auf den Flügel der Concorde und ich gab dem Flugzeug einen Kuss …

Caroline Cadier - Concorde Purserette
Caroline Cadier küsst „ihre“ Concorde

Was war die größte Herausforderung in diesem Beruf?

Es gab keine!

Nur ein paar schlechte Witze des Schicksals: Ich hatte herausgefunden, dass sie Piloten suchten und mich begeistert sofort beworben. Ich hatte schon den theoretischen Part für die Berufspilotenlizenz absolviert und war in der Warteschleife – aber als sie mir mein Dossier zurückgaben, war ich schon 42 – zu alt!

Genau so ein Pech hatte ich auch am Ende meiner Karriere: Gewöhnlich konnte man bis zu einem Alter von 60 arbeiten (wie die Piloten), aber es gab einen Zeitraum von 3 Jahren, in dem die Altersgrenze bei 55 lag – und genau die traf mich im Jahr 2007.

In meiner aktiven Zeit konnte ich mit meinen Eltern an Bord fliegen: Als Air France Pilot bekam Papa, der 33 Jahre für Air France im Dienst war, eine Weltreise als Abschiedsgeschenk, aber er entschloss sich stattdessen für die Concorde-Strecke Paris-New York. Er wurde bei Start und Landung ins Cockpit eingeladen und war sehr beeindruckt.

Ich flog mit der Concorde drei Weltumrundungen, zwei als Stewardess und die letzte als Purserette. Das war Mai/Juni 2000, kurz vor dem Unglück. Ein besonderes Highlight waren auch immer die Charterflüge, wie der zur Aida-Aufführung in Luxor, die Weihnachtsmann-Tour nach Rovaniemi in Lappland und die drei Flüge nach Cayenne/Kourou. Denn wir hatten das Glück, die Mitarbeiter von Arianespace zum Start der Ariane-Raketen nach Guayana zu bringen.

Ich fühlte mich nie, als würde ich arbeiten. Denn es war eine Freude, die Uniform anzuziehen. Ich sagte auch nie, ich flöge nach New York, ich sagte: „Heute fliege ich Concorde!“

Alle Bilder © Caroline Cadier

von Martina Roters

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