Air Berlin Insolvenz

Air Berlin Insolvenz – 372 Tage danach

Jennifer Weitbrecht
21.08.2018
8 Minuten

Air Berlin, die bis dahin zweitgrößte Fluggesellschaft Deutschlands, meldete am 15. August 2017 Insolvenz an und ist nach wie vor in aller Munde. Schlagzeilen gab es viele: Ein umstrittener Bundeskredit, die Zerschlagung des Unternehmens, die Entlassung von 8.000 Mitarbeitern, eine Auktion für Air Berlin Nostalgiker und Empörung über die Auszahlung eines Managergehalts in Millionenhöhe. 372 Tage später – Was ist seit der Air Berlin Insolvenz passiert?

Air Berlin Insolvenz – Die Gläubiger

Der Air Berlin Insolvenzverwalter Lucas Flöther gab bekannt, dass sich die Zahl der Gläubiger auf rund 1,3 Millionen beläuft. Darunter Kunden und Unternehmen sowie mehrere hunderttausend Passagiere, die auf den Kosten ihrer Tickets sitzen bleiben. Die Masse an Gläubigern erhöhte sich kurz vor der Insolvenz unter anderem durch eine massive Marketingaktion. Das Unternehmen hatte seine Kunden dazu motiviert, bis zum 14. August 2017 vergünstigte Tickets im Voraus zu kaufen. Am 15. August 2017 wurde die Air Berlin Insolvenz bekanntgegeben.

Der letzte Flug wird zum Schauspiel

Der 27. Oktober 2017 wurde zu einem schwarzen Tag der Deutschen Luftfahrtgeschichte. Um 23.45 Uhr flog die letzte Air Berlin Maschine nach 40 Jahren Betrieb von München nach Berlin-Tegel. Sentimentalität lag in der Luft. Der Pilot flog mehrere Schleifen, die auf dem Flugradar ein Herz bildeten. Zu Ehren des roten Schokoherzens, das zu jedem Air Berlin Flug gehörte wie das Amen in der Kirche.

1.600 Zuschauer durften an diesem Tag kostenlos auf der Besucher-Tribüne Abschied nehmen und das besondere Schauspiel miterleben. Die Traurigkeit der Menschen war deutlich spürbar. Einige Menschen, darunter viele Berliner, fühlten eine starke Verbundenheit mit dem Unternehmen und bezahlten aus Solidarität Tausende von Euro für diesen letzten Flug.

Wie erging es den Mitarbeitern nach der Air Berlin Insolvenz?

Deutschland war in Gedanken bei den fast 8.000 Mitarbeitern der Billigflieger-Airline, die bald ohne Job dastehen sollten – liebevoll „Air Berliner“  genannt. Viele waren wütend auf die Politik. Sie hätte versagt und die Mitarbeiter im Stich gelassen, denn bald stand fest: Es gibt keine Abfindungen für die Mitarbeiter.

Glücklicherweise sind in der Zwischenzeit mehr als 85 Prozent der früheren Air Berlin Mitarbeiter wieder im Arbeitsmarkt untergebracht. Sie arbeiten unter anderem für Eurowings, easyJet und Ryanair. Zunächst eine positive Nachricht, dennoch arbeiten viele nun unter schlechteren Bedingungen: Laut Verdi erhalten Flugbegleiter bei Eurowings bis zu 40 Prozent weniger und selbst Piloten müssten Abstriche machen. Wohingegen easyJet für eine faire Übernahme gelobt wurde.

Um die Situation etwas zu entschärfen, hatte das Bundesland Berlin nach der Air Berlin Insolvenz eine Transfergesellschaft für circa 1.200 frühere Mitarbeiter eingerichtet und 10 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Da die Vermittlung von Mitarbeitern besser ablief als befürchtet, werden wohl nur sieben Millionen Euro benötigt – gut für die Steuerzahler.

Besser als den Mitarbeitern ergeht es wohl dem ehemaligen Air Berlin Chef Thomas Winkelmann. Er bestand zunächst darauf, sein rechtlich abgesichertes Gehalt bis 2021 in Höhe von 4,5 Millionen Euro voll ausbezahlt zu bekommen. Nun zeigte er doch Nachsicht und verzichtete auf einen Teil seines Gehaltes, um die Billigfluglinie finanziell zu entlasten. In welcher Höhe sich seine Auszahlung letztendlich beläuft, ist nicht bekannt.

Lufthansa und easyJet schlagen zu

Gleich zu Anfang stand fest, dass sich Lufthansa und easyJet die Air Berlin Flugzeuge sowie Start- und Landerechte sichern würden. Ob es sich um einen klugen Schachzug handelte, wird sich laut Luftfahrt-Experte Schellenberg noch zeigen: „Lufthansa und easyJet haben sich auf Teile gestürzt, mit denen Air Berlin nicht nur kein Geld verdient hat, sondern hochgradig unprofitabel war.“ Wir werden sehen, was letztendlich von den Bruchteilen der Billigflieger-Airline übrig bleiben wird.

Lufthansa übernahm im Verlauf der Insolvenz große Unternehmensteile, einschließlich mehr als 80 Flugzeuge und für 18 Millionen Euro die Regional-Gesellschaft LGW. Die österreichische Air Berlin Tochter Niki Luftfahrt GmbH wurde aufgrund von Wettbewerbsbedenken der EU-Kommission letztendlich doch nicht von Lufthansa übernommen und ging ebenfalls in die Insolvenz. Trotz dieser Niederlagen gilt die Lufthansa als einer der Gewinner der Air Berlin Insolvenz. Die Gesellschaft hat nicht nur einen Konkurrenten weniger, sondern konnte seine Konzern-Tochter Eurowings zudem mit vielen Maschinen aus dem Air Berlin Bestand ausrüsten.

Die englische Billig-Airline easyJet übernahm ebenfalls Dutzende von Flugzeugen sowie Start- und Landerechte für rund 40 Millionen Euro und konnte insbesondere die eigene Position in Berlin stärken. Nur Wochen nach der Air Berlin Insolvenz kündigte easyJets Europachef Thomas Haagensen den Aufbau einer weiteren easyJet-Basis in Berlin-Tegel an, zusätzlich zu Schönefeld. Eine weitere gute Nachricht: Bis Ende des Sommers 2018 sollen bis zu 400 ehemalige Air Berlin Mitarbeiter bei easyJet unter Vertrag kommen.

Wer kaufte den Rest?

Der Verkauf von NIKI musste mehrfach neu aufgerollt werden. Nach der gescheiterten Übernahme durch die Lufthansa war bereits der Verkauf von NIKI an Vueling – spanische Billig-Airline des Luftfahrtkonzerns IAG – in die Wege geleitet. Das Fluggastrechteportal „Fairplane“ legte jedoch Einspruch ein. Letztendlich erhielt Niki Lauda, der Gründer von NIKI, mit seiner Gesellschaft Laudamotion den Zuschlag für circa 46 Millionen Euro. Auf diesem Wege wird NIKI langfristig voraussichtlich bei Ryanair landen. Lauda arbeitet bereits mit dem irischen Billigflieger zusammen, der die Mehrheit an Laudamotion übernehmen soll.

Weitere Unternehmensteile wurden an die British Airways Mutter IAG und die Bietergemeinschaft Nayak/Zeitfracht verkauft. Thomas Cook erwarb die Air Berlin Aviation GmbH noch in ihrer Gründungsphase und sicherte sich somit Fluglizenzen für die Thomas-Cook-Airline Condor.

Wer erhält die Air Berlin Markenrechte?

Die ersten Air Berlin Flieger wurden bereits im November 2017 umlackiert und anderweitig eingesetzt. Im Februar 2018 gab der Air Berlin Insolvenzverwalter Lucas Flöther bekannt, dass er die Markenrechte und Internetseiten verkaufen möchte. Insbesondere, da Verbraucher positive Emotionen mit der Marke verbinden. Dieser Verkauf wurde nun jedoch bis auf Weiteres vertagt, da der Markenname zur Betreuung der Gläubiger weiterhin notwendig sei.

Was passiert mit dem Bundeskredit?

Mit einem Kredit in Höhe von 150 Millionen Euro versuchte die Bundesregierung im August 2017 dem angeschlagenen Billigflieger unter die Arme zu greifen. Es sollte sichergestellt werden, dass Air Berlin zunächst weiterfliegen könne und Reisende nicht gestrandet zurückbleiben. Außerdem hoffte man auf den Erhalt von rund 8.000 Arbeitsplätzen.

Offen bleibt die Frage, warum die Bundesregierung den Kredit trotz Warnung gewährte, ohne das Gutachten des Wirtschaftsprüfungsgiganten PwC abzuwarten. Das Gutachten wurde drei Tage nach der Bewilligung des Bundeskredits fertiggestellt und ist bis heute unter Verschluss. Klar ist, dass Air Berlin zum Zeitpunkt der Kreditvergabe bereits insolvent war und mit zwei Milliarden Euro in der Kreide stand. Bisher wurden bereits 75 Millionen des Bundeskredits an die Bundesregierung zurückbezahlt. Mit sämtlichen Erlösen aus der Insolvenz werde vorrangig der Bundeskredit bedient, da es sich hierbei um Steuergelder handelt. Nach Einschätzung des Insolvenzverwalters Flöther stehen die Chancen gut, dass der Kredit in den folgenden Jahren vollständig zurückbezahlt wird.

Was wurde aus den Air Berlin Schokoherzen?

Die Idee mit den roten Schokoherzen kam mit der Übernahme von der dba Luftfahrtgesellschaft mbH. Diese hatten bereits Schokoherzen in grün. Weil sie so gut bei den Passagieren ankamen, hatte der damalige Firmenchef, Hans Rudolf Wöhrl, die Idee, rote Schokoherzen kreieren zu lassen – der Kult um die Air Berlin Schokoherzen war geboren.

Die Passagiere liebten sie so sehr, dass die roten Süßigkeiten nach der Air Berlin Insolvenzeröffung auf Auktionen versteigert wurden. Beeindruckend ist die Zahl von 50.000 registrierten Kaufinteressenten und der Preis: 352 Euro für 100 Schokoherzen von Lindt. Umgerechnet 100 Gramm (= 1 Tafel Schokolade) für 17,60 EUR. Bei den Käufern handelte es sich vermutlich um echte Air Berlin Nostalgiker.

Neben den Schokoherzen wurden Sitze, Servierwagen, Modellflugzeuge, Rettungswesten, Kuscheldecken, Reisetaschen sowie Kunststoffbären und vieles mehr versteigert. Auf diesem Wege kamen mehrere hunderttausend Euro zustande und flossen in die Insolvenzmasse ein. Air Berlin Uniformen kamen aufgrund der Hoheitsabzeichen nicht unter den Hammer, um zu vermeiden, dass sich Kriminelle damit Zutritt in Sicherheitsbereiche verschaffen können. Stattdessen kamen einige Uniformen ins Museum. Das Deutsche Technikmuseum kaufte unabhängig von der Auktion fleißig ein und möchte Uniformen, Sitzreihen und natürlich auch Schokoherzen für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Air Berlin lebt weiter – in den Herzen, den Erinnerungen und im Museum.

Nach und nach kehrt der Flugverkehr in Deutschland wieder zur Normalität zurück. Es bleibt jedoch die Frage, wie es überhaupt zur Air Berlin Insolvenz kommen konnte und wie die letzten verbleibenden Scherben aufgeräumt werden können. Die Antworten auf diese Fragen werden wir in weiteren Artikeln geben.  

Titelbild Pixabay – suesun

von Jennifer Weitbrecht

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