Air Berlin Insolvenz

Air Berlin Insolvenz – Wer hoch hinaus will, kann tief fallen

Jennifer Weitbrecht
02.10.2018
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6 Minuten

Im August des vergangenen Jahres ereilte Air Berlin eine schockierende Nachricht. Sozusagen über Nacht drehte Etihad Airways, der größte Gesellschafter, dem Unternehmen den Geldhahn zu. Noch im Juni sicherten die Araber eine finanzielle Unterstützung bis mindestens Oktober 2018 zu. Doch der versprochene Millionenkredit blieb aus und der chronisch klammen Airline blieb nur noch die Insolvenz. Wir hatten hier schon einmal darüber berichtet.

In der Berliner Konzernzentrale herrschte Enttäuschung. Die Mitarbeiter fühlten sich allein gelassen und tauschten das Schild „Abu-Dhabi“ am größten Besprechungsraum gegen „Tegel“. Nun wäre es natürlich sehr einfach, mit dem Finger nach Abu-Dhabi zu zeigen und alle Schuld dort zu suchen. Doch wie kam es überhaupt dazu, dass die Billig-Airline so sehr von Arabien abhängig wurde? Gründe gab es viele. Bereits in den Anfängen des Unternehmens wurden falsche Entscheidungen getroffen und über die Jahre verschlimmert. Ein großer Teil der Verantwortung für den Air Berlin Untergang mag wohl auch bei den diversen Konzernführungen liegen.

Große Ziele – tiefer Fall…

Air Berlin wollte ein Alleskönner sein: Familienfreundlicher Ferienflieger mit bezahlbaren Preisen, aber auch ernstzunehmende Konkurrenz für die Lufthansa, mit einem weltumspannenden Streckennetz. Die Geschichte und der Untergang zeigen, dass man sich hiermit übernommen hat. „Air Berlin hat den Spagat nie geschafft“, so der Hamburger Luftfahrt-Experte Cord Schellenberg.

Der Erfolg begann mit dem „Mallorca-Shuttle“

Der Ursprung von Air Berlin liegt im Jahre 1978, als die Linie vom US-Amerikaner Kim Lundgren als Charterflieger mit nur zwei Maschinen gegründet wurde – von West-Berlin in die Sonne. Im Jahre 1991 stieg Joachim Hunold als Mehrheitseigner ein. Damit investierte er das Geld aus seiner eigenen Abfindung, da er zuvor seinen Posten als Marketing-Chef der LTU verlassen musste.

Im Jahr 2006 brachte Hunold das Unternehmen an die Börse und rührte die Werbetrommel mit Werbeträger Johannes B. Kerner und dem Slogan „Ich bin ein Air Berliner“. Laut Gerald Wissel, dem Chef von Airborne Consulting übernahm sich Hunold gnadenlos: „Er hatte den Größenwahn, der Lufthansa Konkurrenz machen zu wollen“

Patchwork Luft-Konglomerat – „Hybrid Carrier“

Nach und nach ging Hunold auf Einkaufstour. Zunächst wurde der Wettbewerber DBA zugekauft. Dieser flog hauptsächlich innerhalb Deutschlands und war besonders bei Geschäftsreisenden beliebt. Überraschend kam die Übernahme des früheren Arbeitgebers von Hunold – der LTU – durch Air Berlin. Das Angebot der LTU umfasste insbesondere Langstreckenflüge.

Durch die verschiedenen Zukäufe wurde das Air Berlin Gebilde immer komplexer. Wurde zunächst vor allem Mallorca angeflogen, so wurde plötzlich alles bedient: Kurz-, Mittel- und Langstrecken, Städteziele, Ferienorte, Urlauber und Geschäftsreisende. Das alles wurde teilweise mit bis zu sieben unterschiedlichen Jet-Typen von Airbus und Boeing bedient.

Wer zu viele Ziele verfolgt…

Sein Imperium nannte Hunold auch den „Hybrid-Carrier. Doch eben dies barg Probleme. Air Berlin wollte überall mitspielen, konnte dies aber überall nur ein bisschen. Die Weltfinanzkrise trug ihren Teil dazu bei, das Unternehmen rutschte in dunkelrote Zahlen und baute immer weiter Schulden auf. Zunächst versuchte Hunold, die Lage durch Verkauf und Leasing der verkauften Jets aufzubessern. Die Aktionäre übten jedoch vermehrt Druck auf ihn aus, so dass er 2011 seinen Posten als CEO aufgab.

Unterstützung aus Fernost

Ein bekannter Name trat die Nachfolge von Hunold an: Ex-Bahn-Chef Hartmut Mehdorn. Seine Herangehensweise beinhaltete ein Sparprogramm und eine Neuausrichtung des Drehkreuzes am in Planung befindlichen Hauptstadtflughafen Berlin. Doch auch Mehdorn gelang die vorläufige Rettung von Air Berlin nicht ohne Unterstützung, denn ohne eine Finanzspritze ist Air Berlin schon damals nicht mehr zu helfen.

Die vorläufige Rettung: Etihad aus Abu Dhabi als Partner. Mit rund 29 Prozent wird das Unternehmen der größte Einzelaktionär und leiht Air Berlin das dringend benötigte Geld. Jedoch gerät Mehdorn mit Etihad-Chef James Hogan in Streitigkeiten. Er verlässt Air Berlin Anfang 2013 und wird Chef des Flughafen Berlin Brandenburg (BER).

Die Wechsel gehen weiter – Nummer drei, vier und fünf

Mehdorns Nachfolger wurde der Österreicher Wolfgang Prock-Schauer mit einem ganz anderen Führungsstil. Im Gegensatz zu Mehdorn ist er kein Alphatier und setzte viele Kommandos aus Abu Dhabi schlicht um. Auch unter seiner Führung musste Etihad Air Berlin fortlaufend finanziell unterstützen. Natürlich nicht ohne Gegenleistung …

Im Gegenzug für die finanzielle Unterstützung wurde erwartet, dass die Airline im großen Maße Passagiere von Deutschland nach Abu Dhabi bringt. Der langjährige Luftfahrtmanager und Berater Wissel sieht hier ebenfalls eines der Probleme: „Das hat alles noch komplexer gemacht. Air Berlin musste nicht nur ein bisschen Lufthansa spielen und ein bisschen Tourismus machen, sondern auch noch ein bisschen Zubringer für die Araber sein.“ Air Berlin rutscht immer weiter in die roten Zahlen und 2015 verlor auch Prock-Schauer seinen Posten.

Nummer vier wurde Stefan Pichler. Als Ex-Langstreckenläufer wollte er einen anderen Weg einschlagen: Wieder zurück zur Touristik und weg vom „Wir-Machen-Alles-Hybrid-Modell. Doch damit kam er bei Etihad nicht gut an. Im Jahr 2016 schließlich steckte auch Etihad selbst in Problemen. Als eine der Folgen verordneten sie der Tochter Air Berlin eine Aufspaltung. Daraufhin verleaste Air Berlin unter anderem 38 seiner selbst geleasten Maschinen inklusive Besatzung weiter an die Lufthansa-Gruppe – die Verstrickungen wurden immer komplexer. Ende 2016 nahm auch Pichler seinen Abschied. Mit einem rekordverdächtigen Verlust von 782 Millionen Euro.

Fünfter und letzter Air-Berlin-Chef in nur sechs Jahren wurde Thomas Winkelmann. Zuvor war er für einige Jahre Chef der Lufthansa-Tochter Germanwings. Auch er als enger Vertrauter des Lufthansa Vorstandsvorsitzenden Carsten Spohr kann die rasante Talfahrt nicht aufhalten.

Nicht alle sind traurig über den Air Berlin Untergang

Der Flugdaten-Anbieter Flightstats beurteilte Air Berlin im Mai 2017 als unzuverlässigsten Betreiber Europas. Kein Wunder, bei 548 ausgefallenen Flügen und 5.587 Flugverspätungen in nur einem Monat. Die Motivation der Mitarbeiter ist am Boden und sie betrachten Winkelmann weiterhin als Vertreter der Lufthansa. Berater Wissel schien die Bedenken als begründet zu sehen: „Die Lufthansa hat alles getan, um Air Berlin in den jetzigen Zustand zu bekommen“, meinte er.

Auch wenn die Lufthansa Air Berlin nicht komplett übernehmen konnte, so sind dennoch große Teile des Unternehmens bei der Airline gelandet. Nicht zu vergessen: Die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft ist als Konkurrenz nicht mehr existent.

Bilder Pixabay – violetta, bilaleldaou, Andy_Bay

von Jennifer Weitbrecht

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