Airberlin Insolvenzverfahren

Air Berlin Insolvenzverfahren – Wie geht es nun weiter?

Jennifer Weitbrecht
04.09.2018
5 Minuten

Am 15. August jährte sich die Air Berlin Insolvenz. Was mit Mitarbeitern, Unternehmensteilen, Flotte und den Air Berlin Herzen geschah, darüber haben wir in diesem Artikel bereits berichtet. Wie geht es aber nun mit Air Berlin und der deutschen Luftfahrt weiter? Und wie gehen die Fans mit dem Verlust ihrer Lieblings-Airline um?

Für die Mitarbeiter von Air Berlin war es nicht nur irgendeine Airline. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und die emotionale Bindung an „ihr“ Air Berlin zeigten viele eindrucksvolle Aufnahmen. Nicht nur der letzte Flug war ein eindrucksvolles, aber dennoch trauriges Schauspiel. Viele Crew-Mitglieder verabschiedeten sich während ihrer letzten Flüge ebenfalls von den Fluggästen.

Im folgenden Video ist die rührende Ansprache einer jungen Pilotin auf ihrem letzten Air Berlin Flug zu sehen:

Wie geht es mit dem Air Berlin Insolvenzverfahren weiter?

Auch wenn der Medienrummel bereits abgeflacht ist, wird das Air Berlin Insolvenzverfahren noch eine ganze Weile andauern. „Ein Verfahren in dieser Größenordnung dauert normalerweise zehn Jahre und länger“, macht Lucas Flöther, Air Berlin Insolvenzverwalter, deutlich. Laut ihm stehe das Verfahren erst am Anfang.

Die Frage, welche Gläubiger ihr Geld von Air Berlin bekommen werden, wird sich ebenfalls nicht in naher Zukunft klären. Rund 1,3 Millionen Gläubiger, darunter viele Flugticket-Käufer hoffen weiterhin. Flöther betont, dass offene Forderungen von Passagieren erst nach den Masseverbindlichkeiten bedient werden können. Dazu zählen der Hilfskredit der Bundesregierung, die Arbeitnehmerlöhne und die Kosten des Air Berlin Insolvenzverfahrens an sich. Bleibt also abzuwarten, ob nach der Begleichung dieser Verbindlichkeiten überhaupt noch Geld in der Air Berlin Kasse sein wird.

Wird es einen Prozess mit Etihad geben?

Air Berlins Geldgeber Etihad drehte über Nacht den Geldhahn zu und machte ein Insolvenzverfahren unvermeidlich. Probleme bestanden schon lange davor. Dennoch fühlten sich die Air Berlin Mitarbeiter von Etihad im Stich gelassen. Vor allem da der frühere Etihad-Chef Hogan Air Berlin im sogenannten „Letter of Comfort“ zusicherte, das Unternehmen bis Ende 2018 finanziell zu unterstützen.

Von großer Bedeutung ist nun die Frage, ob und in welchem Umfang der ehemalige Anteilseigner Etihad in Haftung genommen werden kann. Tatsächlich wird eine Klage vom Gläubigerausschuss in Erwägung gezogen. Insolvenzverwalter Flöther hält den „Letter of Comfort“ für eine Patronatserklärung, wodurch Etihad rechtsverbindlich zusagte, finanziell für Air Berlin geradezustehen. Nicht nur Air Berlins Insolvenzverwalter ist dieser Meinung: Gutachten von Latham & Watkins (renommierte Wirtschaftskanzlei) und Reinhard Bork (Hamburger Insolvenzrechtler) legen dar, dass Etihad aufgrund der Zahlungszusage haftbar gemacht werden könne.

Flöther signalisierte Gesprächsbereitschaft mit Etihad. Dadurch besteht die Möglichkeit, eine Lösung ohne langjährigen Prozess zu finden. Um genau diesen zu vermeiden, wird allerdings ein Vergleichsangebot in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe erwartet. Ob sich die Golf-Airline darauf einlassen wird?

Welche Auswirkungen hat die Air Berlin Pleite für Passagiere?

Rund 4,3 Millionen Kunden nahmen am Air Berlin Vielfliegerprogramm Topbonus teil. Für sie gibt es schlechte Nachrichten: Die Meilen sind wertlos.

Direkt nachdem Air Berlin aus dem Markt austrat, gab es nur begrenzt günstige Flugtickets. Einer der Gründe war, dass die Lufthansa nun auf vielen innerdeutschen Strecken konkurrenzlos fliegen konnte. Das Bundeskartellamt schaute daher bei den Preisen der Airline genauer hin. Die Untersuchung blieb jedoch ohne Folgen.

Bis zum Sommer dieses Jahres sind die Preise für Flugtickets nicht nur gesunken, sondern sogar auf einem Tiefpunkt angekommen. Im Juni 2018 kosteten Flüge innerhalb Deutschlands 4,3 Prozent weniger, Flüge zu europäischen Flughäfen 3 Prozent weniger und interkontinentale Flüge 7,1 Prozent weniger als im Juni 2017. Trotz einer für Passagiere positiven Entwicklung der Ticketpreise, sind die Folgen der Air Berlin Insolvenz noch zu spüren. Der Zuwachs des Luftverkehrs an deutschen Flughäfen wuchs lediglich um 2,3 Prozent, im Vergleich zu 6,7 Prozent in Europa.

Die Lücke als Ferienflieger wird vorerst wohl auch bleiben. Selbst diejenigen Wettbewerber, die Teile des Unternehmens übernahmen, konnten sie bisher nicht schließen. „Emotional ist es weder easyJet noch Eurowings bislang gelungen, in die Fußstapfen von Air Berlin zu treten“, erzählt Luftfahrt-Experte Schellenberg. Diese Meinung teilen dennoch nicht alle, für viele Passagiere ist es nicht relevant, wer sie an ihr Ziel bringt. Hauptsache sicher, pünktlich und günstig.

Wie ist die Lage an deutschen Flughäfen ohne Air Berlin?

Der Marktaustritt von Air Berlin ist an einigen deutschen Flughäfen zu spüren. Laut Schellenberg schlage der Ausfall umso härter zu, je kleiner der Flughafen. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutete dies für den Flughafen Nürnberg 30 Prozent, für Erfurt 50 Prozent und für Karlsruhe sogar 70 Prozent Rückgang. Berlin konnte den Einbruch bereits fast vollständig ausgleichen. Zunächst bedeutete die Pleite einen Rückgang der beförderten Passagiere in Schönefeld und Tegel um insgesamt 3,4 Prozent in den ersten sieben Monaten.

Ausfälle und Verspätungen häuften sich in den letzten Monaten. Einige der Airlines, die Air Berlin nachfolgten, hatten mit dem schnellen Zuwachs zu kämpfen. Einiges wurde vielleicht sogar überstürzt.

Air Berlin lebt weiter – in den Herzen seiner Fans

Viel bleibt von Air Berlin nicht übrig, die Bruchstücke wurden verkauft. Was bleibt ist die Erinnerung … Laut Luftfahrt-Experte Schellenberg erinnern sich viele Deutsche bei Air Berlin vor allem an einen Ferienflieger. Das dürfte überwiegend positive Emotionen wecken, sofern man nicht selbst von Ausfällen und Verspätungen betroffen war.

Viele Air Berlin Fans holten sich bereits ein Stück der Airline nach Hause – und legten dafür viel Geld hin … So auch einer der größten Air Berlin Fans Deutschland, Michael Jahns: Zehntausende Euro legte er für Air Berlin Artikel hin und richtete sich ein eigenes Air Berlin Fan-Zimmer ein. Nicht unbedingt zur Freude seiner Familie. Mehr dazu erfahrt ihr im Video.

Auch Wehmut ändert nichts an einer Tatsache: Air Berlin ist und bleibt deutsche Luftfahrtgeschichte!

Titelbild Pixabay – violetta

von Jennifer Weitbrecht

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