Auffrischungsschulung von Linda Luftikuss

Auffrischungsschulung

Linda Luftikuss
26.07.2018
4 Minuten

Zu meinen Hauptaufgaben als Flugbegleiterin gehört es, dass ich alle sicherheitsrelevanten Vorschriften kenne. Weckt ihr mich morgens um drei aus dem Tiefschlaf mit einem bestimmten Trigger, der in Notfallsituationen aus dem Cockpit kommen kann, dürft ihr euch nicht wundern, wenn ich auf einmal anfange zu brüllen und das Schlafzimmer evakuieren möchte.

Einmal im Jahr müssen meine Kollegen und ich bei einer wiederkehrenden Schulung dieses Können unter Beweis stellen. Es gibt dann ein mehrtägiges Auffrischungs-Seminar, bei dem wir erste Hilfe wiederholen oder ernste Zwischenfälle in einer Flugzeugattrappe nachspielen. Als ausgebildete Ersthelferin bin ich richtig gut. Euch steht der kalte Schweiß auf der Stirn und ihr habt Probleme beim Luftholen? Kein Problem, lasst mich eben die Zeitung von dem Herren auf dem Gangplatz vor euch holen, dann kann ich euch frische Luft ins Gesicht wedeln. Wird nicht besser? Nun, vielleicht beruhigt es euch, wenn ihr wisst, dass unsere Flugzeit zum Ziel nur noch eine Stunde und dreißig Minuten dauert. In Palermo gibt es bestimmt auch ganz fähige Ärzte, die einen potenziellen Herzinfarkt final diagnostizieren könne.

Na gut, Spaß beiseite. Als ausgebildete Ersthelfer dürfen wir keine Diagnose erstellen. Aber: Die ganze Besatzung kann lebensrettende und gesundheitserhaltende Sofortmaßnahmen ergreifen, wenn es nötig ist. Wir haben dafür auch einiges an Equipment parat, sowohl in einem First Aid Kit, als auch in einem Koffer, dessen Inhalt fast ausschließlich nur von Ärzten benutzt werden darf. Apropos, mein größtes Learning bei der letzten Erste-Hilfe-Schulung? Ärzte sind immer diejenigen Passagiere, die ihre Zeitung möglichst breitflächig lesen und noch höher halten, wenn man einen Arzt ausruft. Auf meinem letzten Flug nach Berlin-Tegel habe ich das überprüft. In Reihe vier saßen auf den Plätzen A, C und D direkt drei Herren mit grauem Haar in schicken Hemden und mit großen Wochenzeitungen. Während des Services blieb ich in der Reihe stehen und sah den Mann auf Platz 4C an. “Entschuldigen Sie, sind Sie Mediziner?”, fragte ich. Über die Brille hinweg sah er mich etwas erstaunt an. Dann zeigte er auf die Dame eine Reihe vor ihm, die ihre Beine über die leeren Sitze ausgestreckt hatte. “Ja, bin ich. Geben Sie der Frau einfach ein bisschen Magnesium, das wird helfen.”

Wenn ihr also jemals in Sorge seid, dass unser Laienwissen nicht ausreicht, um eure Kopfschmerzen zu behandeln, dann sucht einfach nach einem Gast, der sich hinter einer Zeitung versteckt. Woher ich diesen Zeitungstrick weiß? Von dem Arzt, der den Erste-Hilfe-Kurs gehalten hat.

Ich persönlich gehe immer wieder gerne zu den wiederkehrenden Schulungen. Es bereitet mich auf die schlimmsten Sachen vor, die ich hoffentlich nie erleben werde. Habt ihr euch schon mal gefragt, warum manchmal die Schwimmweste in der Sicherheitsdemo gezeigt wird und manchmal nicht? Immer wenn ein Flugzeug in der Nähe von Wasser startet oder landet, müssen wir zeigen, wo man die Schwimmweste findet und wie man mit ihr umgeht. Eine Notwasserung ist ein ziemlich kompliziertes Verfahren, das selten so glimpflich ausgeht wie 2009, als ein A320 von US Airways auf dem Hudson River notlanden musste. Aber wenn ich doch mal eine Notlandung auf dem Wasser erleben muss, dann weiß ich was wir machen, wenn alle Passagiere und Besatzungsmitglieder einigermaßen heil aus der Maschine geholt sind: Wir werden singen.

In der nächsten Episode erzähle ich euch, was ich an meinem Job so richtig liebe.

Always happy landings,
eure Linda Luftikuss

Titelbild Unsplash – Mpumelelo Macu

von Linda Luftikuss

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