aviationscouts

aviationscouts – neues Leben für alte Sitze.

Esther Nestle
25.05.2020
2 Fotos
5 Minuten

Spätestens nach etwa acht Flugjahren fliegen alle Passagiersitze raus. Warum? Und was passiert mit den alten Sitzen? Thomas Bulirsch, Geschäftsführer der aviationscouts GmbH, ist Experte für diese Fragen. aviationscouts zählt zu den führenden Unternehmen rund um den (digitalen) Handel und die Wiederaufbereitung gebrauchter Flugzeugsitze und Kabineninterieurs.

Das Interview mit aviationscouts

aviationscouts - Thomas Bulirsch

Das Geschäftsmodell `gebrauchte Flugzeugsitze´ ist eins, auf das man nicht alle Tage im Web trifft. Wie kam es dazu?

Wir leben im digitalen Zeitalter. Für alles gibt es Marktplätze. Warum nicht auch für gebrauchte Flugzeugsitze? Also haben wir im Jahr 2014 einen digitalen Marktplatz eingerichtet.

Auf dem Portal treten wir an die Fluggesellschaften heran und sagen „Lasst uns ein Geschäft machen. Wir listen eure Sitze im Portal, übernehmen für euch den lästigen Vertrieb – ihr gebt uns dafür eine Vermittlungsprovision.“

Sie nehmen also den Airlines die mühsame Aufgabe ab, deren Surplus-Bestände wieder im Markt unterzubringen …

Exakt. Das taten wir übrigens auch schon in Vor-Portal-Zeiten, aber mit deutlich mehr Zeitaufwand: Auf der einen Seite mussten wir ständig den aktuellen Käuferbedarf herauskitzeln und auf der anderen Seite zusammenstückeln, was der Verkäufermarkt gerade hergab. Diese Arbeit übernimmt jetzt das Portal für uns.

Warum tauschen Airlines die Sitze alle sechs bis acht Jahre aus?

Erstens schreitet die Technologie immer weiter voran. Das zeigt sich besonders gut am Gewicht der Sitze. Diese werden immer leichter und somit auch wirtschaftlicher, da der Treibstoffverbrauch maßgeblich vom Gewicht abhängt. Brachten die alten Sitzmodelle noch 15 bis 18 Kilogramm pro PAX auf die Waage, kommen heutige Sitze auf vergleichsweise smarte 8 bis 11 Kilogramm.

Zweitens achten die Airlines sehr auf ihr Corporate Design. Es ist ihr einziges Unterscheidungsmerkmal! Weshalb sie sehr darauf bedacht sind, ihr Kabinen-Interior in regelmäßigen Abständen aufzufrischen. In diesem Zuge wird dann oft auch das gesamte Kabinenkonzept modifiziert indem Kabinenklassen ergänzt werden.

aviationscouts

Was geht am schnellsten kaputt?

Die Bezüge und die Kunststoffteile. Also alles, was nicht strukturell ist. Die Sitze sind so gebaut, dass die sogenannten kosmetischen Teile unkompliziert ausgetauscht oder wiederaufbereitet werden können. Die strukturellen Teile weisen hingegen eine hohe Haltbarkeit auf. Generell ist unser Ansatz, so viel wie möglich vom ursprünglichen Sitz zu erhalten.

Und die andere Seite: Wer kauft die gebrauchten Sitze? Wer sind Ihre Abnehmer?

Hauptabnehmer der aviationscouts sind

Alles in allem sprechen wir über eine überschaubare Kundengruppe.

Ihr Unternehmen bietet über die Vermittlung hinaus weitere Dienstleistungen an.

Im Laufe der Zeit kam eins zum anderen. So fragten viele Airlines nach Lagermöglichkeiten bei uns an. Heute haben wir rund 6.000 Sitze (über 12.000 Passagierplätze) auf Lager. Viele davon vermitteln wir nicht nur, sondern kaufen die Sitze selbst auf.

aviationscouts - upcycling
Das Sitzlager von aviationscouts

Zudem wollten immer mehr Airlines die Sitze vor dem Kauf gerne überholen und zertifizieren lassen. Also haben wir im Jahr 2016 eine Repairstation an Bord geholt. Der Kunde kann nun auf ein Komplettpaket zugreifen, inklusive Reinigung, Generalüberholung und passender Logistik just in time. Aus unserem einstigen reinen Vermittlerservice wurde sukzessive ein Full-Service.

Auf Ihrer Webseite steht, dass Sie auch mit Kabinen-Interiors handeln.

Damit haben wir letztes Jahr gestartet. Derzeit haben wir zwei komplette Interiors ausbauen lassen und bei uns eingelagert, von Floor-to-Floor mit Bordküche, Sanitärbereich, Gepäckpanels, Kontrollpanels und allem Drum und Dran. Die Idee dahinter: Die Innenausstattung als Paket einkaufen und die Einzelteile sodann exakt so weiterverkaufen, wie sie der Markt benötigt. Der Vorteil für den Markt ist unsere schnelle Reaktionsfähigkeit: Anders als die Hersteller von Neuteilen können wir sofort liefern.

Können Sie uns ein, zwei Sätze zu Ihren Preisen sagen?

Unsere Preise unterscheiden sich gar nicht so sehr von den Preisen für neue Sitze, der Kunde spart vielleicht 30 oder 40 Prozent. Einen alten Sitz bekommen Sie für 400 bis 1.200 Euro, die Preisspanne für einen generalüberholten Sitz liegt bei 2000 bis 4.000 Euro. Entscheidend für unsere Kunden sind allerdings die kurzen Lieferzeiten, die wir ihm bieten können, die Flexibilität. Teilweise wären die Kunden bereit, deutlich höhere Preise zu zahlen. Was zählt, ist die Zeit, bis ein Flieger wieder starten kann. Flugzeuge auf dem Boden zu lassen ist das, was richtig teuer ist!

Welche Rolle spielt bei Ihrem Geschäftsmodell die Umwelt-Thematik?

Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle! Wir wollen so wenige Sitze wie möglich verschrotten und so viele Sitze wie möglich wieder in die Luft bringen. Da der Trend zu immer leichteren Sitzen geht und die schwereren Sitze kaum mehr vermittelbar sind, verfolgen wir für die Schwergewichte einen neuen Ansatz: Wir führen diese einem neuen Zweck und einer neuen Nutzergruppe zu. Das Buzzword lautet Upcycling. Hier arbeiten wir eng mit dem Unternehmen Bag to Life zusammen.

aviationscouts - aviationgate - bag to life

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in fünf, in zehn Jahren? Welche Herausforderungen sehen Sie?

An sich ist unser Konzept risikoarm. Mittelfristig planen wir, unser Geschäftsmodell zu skalieren. Wir wollen eine Art Blaupause schaffen, einen Musterbetrieb für die Knotenpunkte der Welt. Für dieses Ziel haben wir ein Konzept, das uns erlaubt, mit Betrieben überall in der Welt zu kooperieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Thomas Bulirsch ist Geschäftsführer der aviationscouts. Das 17-köpfige Team legt Wert auf ein gemeinsames Wertesystem. Alle agieren nach dem Motto: „Sag was du tust – tu, was du sagst.“ Der Firmenname `aviationscouts´ soll veranschaulichen, dass das in Lichtenfels ansässige Unternehmen mit seiner Expertise die Richtung vorgibt, auf dem Weg hin zu neuen Märkten und Innovationen.

Bilder © aviationscouts

von Esther Nestle

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