Dr. Franz Kirschfink - Hamburg Aviation - Urban Air Mobility

Bereit für urbane Luftmobilität? Hamburg auch! Wie Drohnen den Verkehr entlasten könnten – Teil 2 des Interviews mit Hamburg Aviation

Charlotte Ebert
04.02.2020
6 Fotos
7 Minuten

Wer an Hamburg denkt, dem fallen sofort die Elbphilharmonie, die Landungsbrücken und natürlich Franzbrötchen ein. Dass in Hamburg der drittgrößte zivile Luftfahrtstandort der Welt liegt und jedes sechste Flugzeug der weltweiten Flotte in Hamburg gebaut wird, wissen jedoch nur wenige. Erzählt hat uns das Dr. Franz Kirschfink, Geschäftsführer von Hamburg Aviation e.V. Das Luftfahrtcluster ist ein Verein, der die Entwicklung der Luftfahrtindustrie in der Metropolregion Hamburg fördert.

Interview mit Hamburg Aviation – Dr. Franz Kirschfink

Ich würde mit Ihnen gerne über ein Projekt sprechen, das definitiv ein Thema der Zukunft ist und auch bei Hamburg Aviation liegt: Urban Air Mobility. Worum geht es hier genau?

Es geht darum, die dritte Dimension der Bewegung auch in urbanen Räumen zu nutzen. Und zwar in einer Weise, wie das heute noch nicht der Fall ist. Bisher nutzen wir die dritte Dimension hauptsächlich für längere Strecken. Das hat eine relativ starke Begrenzung. Mit Drohnen und den Möglichkeiten des autonomen Fliegens kam die Frage auf, ob man die Technik nicht auch anders nutzen kann, um urbane Räume in diese Dimension zu bringen und für jedermann zugänglich zu machen.

Die Stadt Hamburg interessiert sich sehr stark dafür. Außerdem haben wir hier ein Umfeld, welches das Zusammenspiel zwischen den verschiedenen benötigten Akteuren sehr stark favorisiert: Einerseits sitzen große Luftfahrtakteure hier – nicht alles an der Technologie muss man vom Autobauer erfinden lassen. Zum anderen haben wir eine Luftaufsichtsbehörde, die für den Luftraum bis 350 Meter im Stadtstaat Hamburg zuständig ist und auch in der Wirtschaftsbehörde angesiedelt ist. Eine ihrer Aufgaben ist es, die Abwägung zwischen Luftverkehrssicherheit und wirtschaftlicher Betrachtung zu gewährleisten. Es gibt also einen engen Draht zwischen Wirtschaft und Zulassungsbehörde.

Drittens, eine große Anzahl von Start-ups und jüngeren Firmen haben sich hier angesiedelt. Viele davon beschäftigen sich mit Drohnen oder unbemannten Fahrzeugen und entwickeln die unterschiedlichsten Arten von Geschäftsmodellen.

Können Sie Beispiele nennen?

Die üblichen Geschäftsmodelle sind Filmaufnahmen, Fotografien und Ernte- oder Schädlingsbekämpfungskontrollen in der Landwirtschaft (mehr zum Thema Drohnen im Alltag). Drohnen ließen sich aber auch gut am Hafen nutzen. Zum Beispiel bei Brücken- oder Umweltkontrollen oder um Abgase zu ermitteln. Denkbar wäre auch ein Einsatz bei der Navigation auf der Elbe, um die Lotsen an Bord zu entlasten.

Ein Projekt, das wir bereits gewonnen haben, kommt aus der Medizin. Dabei werden in einem kurzen Zeitraum Gewebeproben von einem OP-Tisch ins Labor gebracht. Noch während der Patient im OP-Saal liegt, wird das Gewebe analysiert. Bisher wird der Transport per Taxi durchgeführt, aber mit einer Drohne kann natürlich viel mehr Zeit gespart werden, indem man den Stadtverkehr umgeht.

Bei der Feuerwehr kommen Drohnen heute schon bei großen Bränden zum Einsatz: Sie übermitteln Informationen über Brandausmaß und Einsatzorte. Das könnte man alles stark ausweiten.

Und zum Schluss bleibt das ganz große Thema Güter- und Personentransport. Das ist sozusagen die ultimative Anwendung, die auf uns wartet. In diesem Bereich sind wir bis jetzt allerdings noch sehr vorsichtig unterwegs.

Welche Herausforderungen würde der Personentransport mit sich bringen?

Zunächst einmal braucht man Ports, von denen Senkrechtstarter starten und landen können. Wie geht man mit dem entstehenden Lärm um und wie integriert man diese Volocopter in den übrigen Flugverkehr? Man braucht ganz klare Regularien, die befolgt werden müssen. Ein Urban Air Traffic Management müsste diese Verkehrsflüsse regeln und koordinieren.

Das ist ja eine ganz andere Dimension. Es gibt 800 bis 1.000 Anflüge pro Tag am Hamburger Flughafen. Kämen noch Senkrechtstarter dazu, hätten wir diese Anzahl womöglich pro Stunde. Insbesondere wenn man bedenkt, dass diese Transportmittel nicht der Elite vorbehalten, sondern einem großen Teil der Bevölkerung zugänglich gemacht werden sollen.

Zum Thema Urban Air Mobility gehört auch das Netzwerk WiNDroVe. Das Akronym steht für die Förderung von wirtschaftlicher Nutzung von Drohnen in Metropolregionen. Wie zahlt das in das Oberziel ein?

Das Projekt WiNDroVe haben wir vor zwei Jahren gestartet und eine kleine Förderung vom Bund bekommen. Das Netzwerk hat das Ziel, dass man sich untereinander offen austauscht, ergänzt und nicht ins Gehege kommt. Die Stadt Hamburg hat nun beschlossen, das Projekt in 6-stelliger Höhe zu fördern, damit wir das Netzwerk weiter ausbauen und die Themen der Zukunft bearbeiten können. Am Ende werden Drohnen aber keine Amazon- oder DHL-Pakete ausliefern. Ich glaube nicht, dass das die Zukunft sein wird.

Sondern?

Ich denke da eher an ganz kritische Dinge, die ich darüber beschleunigen kann, ohne mehr Geld auszugeben. Nehmen wir noch mal das Beispiel mit den Gewebeproben. Der Transport mit einem PKW dauert nicht nur länger, er kostet auch mehr und führt zu einer höheren Umweltbelastung. Solche Nutzungsanwendungen müssen identifiziert werden. Das ist dann kein Einmalaspekt, sondern löst verschiedene Problemstellungen.

Unter anderem entzerren wir dadurch den normalen Verkehr auf der Straße. Diesen kann ich aber nur dann entlasten, wenn ich für die Luft ein anderes Konzept habe, das garantiert schneller funktioniert. Hinzu kommt, dass autonomes Fahren grundsätzlich anders gedacht werden muss. Der Mensch hat ein subjektives Sicherheitsbedürfnis. Das wird eventuell nicht gestillt, wenn ich keine Person an Bord habe, die das Gerät steuert. Die Technik ist längst soweit, aber uns ist bei der ganzen Geschichte wichtig, dass wir das Thema sehr behutsam und von vornherein positiv besetzen. Zum Beispiel indem wir Drohnen bei bevölkerungsnahen Themen wie Brandüberwachung oder Umweltverträglichkeit der Schiffe einsetzen. Man soll erkennen, dass Drohnen kein Teufelswerk sind, die nur beim Militär zum Einsatz kommen oder das Ausspionieren der Nachbarschaft erlauben.

Insgesamt bin ich mit Hamburg Aviation bei diesem Thema sehr auf dem Weg der Akzeptanz unterwegs. Man muss den Leuten erklären, wozu diese Transportmittel gut sind. Und zwar so, dass deutlich wird, wie die Vorteile die „Schäden“ überwiegen. Wenn es sich am Ende nur die oberen Zehntausend leisten können, dann kommen wir nicht weiter.

Als eine der ersten Städte ist Hamburg in der Urban Air Mobility (UAM) Initiative der von der EU-Kommission unterstützten Europäischen Innovationspartnerschaft für Smart Cities (EIP-SCC) begrüßt worden. Was bringt das dem Projekt?

Es dient vor allem dem Erfahrungsaustausch. Als Region und Stadt ist es ein wichtiges Thema für uns, weshalb wir vorher schon WiNDroVe gegründet haben. Wir möchten uns europaweit austauschen, da kam die Initiative ein Jahr später zur rechten Zeit.

Die Projekte werden von den Städten allerdings selbst initiiert und bezahlt. WiNDroVe läuft unabhängig davon und wird auch von der Stadt gefördert. Da wird in den nächsten Jahren viel passieren. Glücklicherweise sind wir nicht die einzigen in Deutschland, auch andere Städte machen mit. Der Austausch untereinander wird eine große Rolle spielen. Wenn Baden-Württemberg und Bayern die Hardware gut vorantreiben, dann müssen wir uns dem Thema nicht noch zusätzlich widmen. Wir sind aber bei dem Thema Organisation des Verkehrs schon ein Stück weiter. Sich austauschen und teilen, das wäre für Gesamtdeutschland eine gute Nummer.

Es wäre auch fatal, wenn ein Wettkampfgedanke entstehen würde.

Ein bisschen „Mia san Mia“ gibt es schon. Das ist auch OK, es muss ja auch einen Anreiz und regionalen Fokus geben. Erschrocken hatte ich mich jedoch dieses Jahr bei einer der ersten größeren Konferenzen in Berlin: Es gibt viel zu wenig Zusammenarbeit zwischen den Ministerien – die allerdings unbedingt vorhanden sein müsste! Das Verkehrs- und Innenministerium streiten sich über Zuständigkeiten, müssten aber eng mit der Wirtschaft und dem Umweltministerium zusammenarbeiten. Ich wünsche mir unterschiedliche Perspektiven, aber eine Sicht und das gemeinsame Vorantreiben.

Vielen Dank für das Interview!

Hamburg Aviation

Über Dr. Franz Josef Kirschfink

Der gebürtige Belgier kommt ursprünglich aus der Physik. Er promovierte in der Fachrichtung Elementarteilchenphysik und begann 1989 seine Karriere bei Lufthansa. Er begeistert sich für komplexe Themen und ist seit 2014 Geschäftsführer der Hamburg Aviation. Privat ist er verheiratet und lebt seit mehr als 30 Jahren in Hamburg.

Fotograf s.h.schroeder / © WingMag

von Charlotte Ebert

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