Bio-Sprit - Kerosin - Flugzeugtank

Bio-Sprit. 6 Fragen.

Esther Nestle
13.04.2020
5 Minuten

Das Jahr 2019 hat das Zeug, um als Jahr des Klima-Aufschreis in die Annalen einzugehen. Laut wie nie stellten und stellen Kritiker den Luftverkehr an den Umwelt-Pranger. Auch WingMag hat im zurückliegenden Jahr immer wieder Themen rund um Fliegen und Umwelt zur Sprache gebracht. Komplex, das Ganze. Sehr komplex! Heute geht es weiter mit einem Stoff, aus dem die Fliegerträume sind:

Bio-Kerosin

Leider auch der Stoff, der unserer Luft das klimaschädliche CO2 anhängt, der unsere Luft verrußt, der droht, unser Ökosystem auszuhebeln. Der Stoff, der auch als Bio-Version zu haben ist.

Wunschdenken: Die Boliden der Luft mit biologischem „Kraftzeugs“ befüllen, und alles wird klimagut …

Was ist Bio-Sprit?

Bio-Sprit (*) wird aus organischem Material gewonnen.

Basis für die Spritgewinnung sind zum einen Pflanzenöle: Rapsöl, Palmöl, Jatrophaöl (Wolfsmilchgewächs), Algenöl. Mittels Hydrierung – also der Anreicherung mit Wasserstoff – wird aus den Ölen der Luftfahrt-Biokraftstoff gewonnen. Wir hatten beispielsweise bereits über Bio-Sprit aus dem Öl einer Salzwasserpflanze berichtet.

Neuartiger Biofuel aus der Sukkulentenart Salicornia

Zum anderen Pflanzenabfälle wie Stroh, Maisstängel oder Sägemehl. Die Kraftstoffherstellung erfordert hier zusätzliche Zwischenschritte: Die Zellulose wird aus den Pflanzenresten herausgelöst und erhält einige chemische Prozess-Schritte später das erwünschte Upgrade, hin zum ringförmigen = einsatzbereiten Kohlenwasserstoff-Gemisch.

Weitere mögliche Biotreibstoff-Quellen sind erneuerbare Energien sowie tierische Fette. Mehr Details zur Herstellung von Bio-Kerosin findet ihr in unserem Beitrag zu alternativen Kraftstoffen.

(*) synonyme Bezeichnungen: Ökokerosin, Biokerosin, Biosprit, Bio-Kraftstoff u.a.m.

Vorteile Bio-Kerosin gegenüber herkömmlichem Kerosin?

Herkömmliches Kerosin wird aus fossilem Brennstoff gewonnen. Vieldiskutiertes Problem: Fossile Brennstoffe wie Erdöl, Kohle sowie Gas zerstören Klima und Umwelt:

Für die Gewinnung von Bio-Kerosin bohrt niemand in die Erde. Der aus Pflanzenöl und Pflanzenabfällen gewonnene Kraftstoff setzt somit nur die CO2-Menge frei, die die Pflanzen vorher durch ihr Wachstum aus der Atmosphäre aufgenommen haben. Also ein CO2-Nullsummenspiel. Vision und Mission: CO2-neutrales Fliegen.

Unklar ist, wie sehr Bio-Kerosin-betriebene Flugzeuge die Wolkenbildung beeinflussen. Vermutlich würde sich der Kondensstreifen-Effekt spürbar abschwächen, weil viel weniger (Schad)Stoffe in die Luft geblasen würden.

Bedeutung Biokraftstoff für die Luftfahrt?

Biokerosin kommt eine hohe Bedeutung zu, weil die Luftfahrt noch über viele Jahre und Jahrzehnte hinaus am Tropf der flüssigen Kraftstoffe hängen wird. Anders auf der Straße und auf dem Wasser – hier kommen Alternativen wie Elektromobilität und gasförmige Kraftstoffe viel einfacher zum Tragen als in der Luft. Die Luftfahrt braucht biobasierte Flugtreibstoffe, mindestens mittelfristig.

Kerosin - Bio-Sprit - Bio-Kerosin - Ökosprit - alternativer Kraftstoff

Probleme Bio-Kerosin?

Wirtschaftlichkeit. Die Herstellung von Biokerosin ist teuer. Der Preis liegt zwei- bis dreimal so hoch wie herkömmliches Kerosin. Da kann keine Airline mithalten.

Umwelt und Ethik. Biokraftstoff super, aber das bedeutet auch:

Technische Antworten auf ungelöste Bio-Sprit-Probleme?

Wissenschaftler forschen an vielen Ansätzen. Ein vielversprechender Ansatz kommt aus China, wo Wissenschaftler einem neuen Syntheseweg auf der Spur sind. Sie sind in der Lage, aus Zellulose Biokerosin zu erzeugen, und das mit einer nie dagewesenen Energiedichte – höher noch als herkömmliches Kerosin! Hoch spannender Ansatz auch in punkto Wirtschaftlichkeit, denn: Je höher die Kerosindichte, desto niedriger die Preise.

Kräftig in die Biosuppe spuckt den Wissenschaftlern derzeit das giftige Lösungsmittel Dichlormethan, ohne dieses Zeug können sie ihren Hochleistungs-Kraftstoff leider noch nicht zusammenbrauen.

Biokerosin in der Praxis?

1. Drop-in:

Manche Airlines mischen Bio-Kerosin als Drop-in-Treibstoff dem herkömmlichen Kerosin bei. Doch Preis-, Konkurrenz- und Dumpingdruck sind hoch. Entsprechend zögerlich lesen sich die Biokerosinberichte der Airlines.

2. Business-Jets und SAJF in Europa:

Hier geht der Trend mehr und mehr hin zum Bio-Sprit. Bei der letzten Businessjet-Messe EBACE in Genf flogen 23 mit alternativem Treibstoff betankte Flugzeuge den Messe-Standort an. Zuvor mussten die Piloten Dritt-Flughäfen ansteuern, um auf Umwegen an den kostbaren Stoff zu gelangen. „Sustainable alternative jet fuels“ (SAJF), so das Zauberwort.

SAJF ist dem normalen Treibstoff in allen Belangen ebenbürtig und in jeder Hinsicht ein Jet-A-Treibstoff.

Pete Bunce, Präsident der Hersteller-Vereinigung General Aviation Manufacturers Association (GAMA)

Die Business Aviation hat nur einen winzigen Teil der Aero-CO2-Emissionen zu verantworten. Und doch ist es ein Anfang.

Titelbild © Picabay Cegoh 352722

von Esther Nestle

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