Calima - Marokko - Kanaren - Sandsturm

Albtraum Sandsturm: Calima – ein Wüstenwind der Superlative riegelte die Kanaren ab

Martina Roters
26.02.2020
6 Minuten

Nicht nur die Urlauber an Bord von Flug X3-2668, die in Halle/Leipzig beim Start noch vom Karneval auf den Kanaren geträumt hatten, waren enttäuscht, als ihr Flieger über dem spanischen Festland die Kurve machte und sie dann in Nürnberg landeten. Was war passiert, wie konnte es dazu kommen und welche Rechte hat der Fluggast?

Über 800 Flüge mussten ausfallen oder wurden umgeleitet, Zehntausende Fluggäste waren betroffen. Am Sonntag waren auf den Kanarischen Inseln zeitweise alle 8 Flughäfen geschlossen, übrigens auch die Fährverbindungen nach Schiffskollisionen teilweise ausgesetzt. Der spanische Verkehrsminister José Luis Abalos bedankte sich für die Solidarität der umliegenden Länder, zu denen ankommende Flüge umgeleitet wurden: Kap Verde, Mauretanien, Portugal und vor allem Agadir in Marokko.

Im Laufe des Montags normalisierte sich die Lage an den Flughäfen wieder.

Die persönlichen Reaktionen der Touristen in den sozialen Medien fielen gemischt aus – von persönlicher Enttäuschung über das Nicht-Heimkommen nach Österreich aus den Semesterferien über die Freude einer 16-Jährigen, die dadurch nicht pünktlich zu Schulbeginn zurück war, bis hin zu Schimpftiraden auf das Personal von Fluggesellschaften, die es nicht schafften, allen gestrandeten Reisenden Hotelzimmer zu besorgen, so dass diese die Nacht auf dem Flughafen verbringen mussten.

Warum darf ein Flugzeug nicht im Sandsturm fliegen?

Grund Nummer eins ist natürlich die akut schlechte Sicht. Es besteht auch die Gefahr, dass die Cockpitscheibe durch das Aufprallen von Partikeln bei Fluggeschwindigkeit „sandgestrahlt“ wird und dann bei der Landung undurchsichtig wie Milchglas ist.

Hierfür gibt es einen Präzedenzfall mit einer Vulkan-Aschewolke: KLM-Flug 867 im Jahr 1989. Die KLM-Piloten hatten aber noch ein ganz anderes Problem: Sie mussten damals auch den Ausfall aller vier Triebwerke verkraften.

Das ist die zweite große Gefahr. Der Sand in den Triebwerken kann schmelzen, sich anlagern und die Triebwerke verstopfen. Dritte Gefahr: Auch die Strömungssensoren, die den Piloten – oder dem Autopiloten – wichtige Informationen für den Flugbetrieb liefern, sind nicht bei allen Herstellern vor einem „Sandangriff“ gefeit.

Last but not least: Die Außenhaut des Flugzeugs wird aufgeraut, was den Auftrieb reduziert und das Flugzeug schwerer kontrollierbar macht.
Mal ganz zu schweigen vom wirtschaftlichen Schaden. Die Reparatur der KLM Boeing 747 kostete 80 Mio. USD und 3 Monate Arbeitszeit.

Carnavalgeddon – Endzeit-Düsternis, Brände, Atemnot…

Urlaubsfotos von der Inselgruppe sehen dieser Tage so aus, als hätte man den Kanaren einen Sepia-Filter verpasst. Manche schreiben extra dazu: „Auf diesem Bild ist kein Filter!“, damit ihre Freunde begreifen, dass das braun-rötliche Foto die unfassbare Realität abbildet.

Die Calima-Wetterlage ist kein Spaß; sie tritt in diesem Jahr schon zum fünften Mal auf und vor allem nehmen die Auswirkungen diesmal extreme Formen an, wie der kanarische Präsident Angel Victor Torres in der Presse erklärte: „Ein Albtraum infolge der schlimmsten Calima seit 40 Jahren“:

Nicht nur Flug- und Fährverkehr wurden lahmgelegt, Karnevalsveranstaltungen und Fußballspiele abgesagt, Schulen geschlossen und die Bevölkerung aufgefordert, Fenster und Türen geschlossen zu lassen, denn die Feinstaubwerte lagen jenseits von Gut und Böse.

Wüste Marokko
Der Calima bringt den Sand der Wüste Marokkos zu den Kanaren / © Pixabay Greg Montani

Jeder, der an diesem Wochenende auf den Kanarischen Inseln war, atmete die schlimmste Atemluft des Planeten: Zeitweise wurden Werte bis zu 999 Punkte (in Las Palmas) nach dem Air Quality Index erreicht:

Zum Vergleich: Die bekannte Pekinger Smog-Luft bringt es auf weniger als 250 Punkte.

Die schlechte Luftqualität lag zusätzlich an den zahlreichen Bränden, die die Calima befeuerte: auf Gran Canaria z. B. bei Tasarte, einem Naturschutzgebiet, wo zur Brandbekämpfung auch das Militär herangezogen wurde. 500 Menschen waren zeitweise evakuiert.

Schwer betroffen war auch der Norden von Teneriffa, wo insgesamt 1.000 Menschen evakuiert werden mussten: Die Brandbekämpfung aus der Luft war nicht möglich und der heiße Wüstenwind fachte die Feuer kräftig an.
Der Albtraum ist mittlerweile vorbei – aber die Aufräumarbeiten werden vermutlich mehrere Wochen dauern.

Die Inselbewohner nahmen diese außergewöhnliche Calima mit Meme-Humor auf Twitter oder sie kritisierten lokale Politiker, wie z. B. die Bürgermeisterin von Santa Cruz, die den dortigen Karneval nicht absagte, obwohl dadurch etliche Einsatzkräfte gebunden wurden, die im Norden dringend gebraucht wurden.

Was ist überhaupt Calima (Kalima)?

Fragen wir die Behörde, die ständig damit zu tun hat – AEMET, den spanischen Wetterdienst:

Schwebfracht von trockenen, sehr kleinen, für das menschliche Auge unsichtbaren Teilchen, deren Konzentration hoch genug ist, um den Himmel zu verfärben. Von Calima spricht man, wenn eine reduzierte Sichtweite und eine relative Luftfeuchtigkeit unter 70 Prozent zusammentreffen.

AEMET, spanischer Wetterdienst

Vereinfacht nennen die Leute so den heißen Saharawind, der diesen Sandstaub mit sich bringt. Wenn er in Deutschland seine rotbraune Fracht ablädt, heißt er Scirocco.

Dieses Video gibt euch einen kleinen Einblick in die Geschehnisse

Wie entsteht Calima (Kalima)? Und gibt es Auswirkungen aufs Klima?

Wenn in der Sahara sehr hohe Temperaturen herrschen, kommt es zu thermischen Turbulenzen. Der Sandstaub wird in bis 5.000 Meter Höhe hochgewirbelt. Die Abkühlung des Bodens bewirkt, dass eine Luftschicht entsteht, die das erneute Herabsinken verhindert. Sobald dann ein starker Wind entsteht, nimmt er diese Staubfracht mit sich.

Unklar sind auch noch die klimatischen Auswirkungen dieser jüngsten Calima, denn die Staubteilchen regen vermehrt Wolkenbildung an, und sie beeinflussen durch ihre Absorptionskraft die Sonnenstrahlung, was sich auf die auf der Erdoberfläche ankommende Energie auswirkt sowie auf die Menge und Verteilung von Niederschlägen.

Die zwei Gesichter der Calima (Kalima)

Das Wort Calima soll von „Calina“ herrühren (Calina + bruma, span. Nebel), was wiederum vom lateinischen „caligo, caliginis“ stammt. Und das heißt „Nebel, Rauch, Finsternis“. Na bitte, wenn das nicht passt!

Doch es gibt auch noch eine zweite Deutung, insbesondere, wenn man Kalima mit K schreibt. Der Saharawind trägt den Namen einer Göttin. Wer erinnert sich noch an den Film Indiana Jones und der Tempel des Todes? Dort ruft der finstere Tempelpriester unablässig: Kali ma! (Mutter Kali). Die Göttin Kali ist nicht nur die Göttin des Todes und der Zerstörung, sondern wird auch als die göttliche Mutter verehrt, die Leben gibt.

Wenn wir jetzt erfahren, dass Kalima ja nicht über den Kanaren halt macht, sondern der Saharastaub bis nach Südamerika transportiert wird – das Fachwort heißt Äolischer Transport – dann wird klar, dass in der Natur alles immer zwei Seiten hat.

Die Wüste der Sahara ist nämlich nicht nährstoffarm, sondern einfach nur zu trocken. Saharastaub ist reich an Calcium und Magnesium und die Sahara-Aerosole liefern den Regenwäldern Südamerikas ihre atmosphärische Düngung. 40 Millionen Tonnen Saharastaub kommen dort jedes Jahr an.

Höhere Gewalt – kann der Fluggast gar nichts machen?

Gegen kosmische Kräfte sind Airlines und Flughäfen machtlos. Insofern ist auch richtig und verständlich, dass man eine Odyssee wegen Sandsturms unter „Pech“ verbuchen muss.

Allerdings hat die Airline die Verpflichtung, „die Beeinträchtigung für die Passagiere so gering wie möglich zu halten“. So hat das Amtsgericht Hamburg (Az.: 36a C 251/13) in einem Fall 22-stündiger Verspätung entschieden, dass bei einem Sandsturm in der Tat ein außergewöhnlicher Umstand vorgelegen hat, der die Airline von der Verantwortung freispricht. Im konkreten Fall allerdings hätte sie bei Nachlassen des Sturms nach Ansicht des Gerichts die Möglichkeit gehabt, die Passagiere noch ans Ziel zu befördern (der Sturm hatte sich rechtzeitig gelegt).
Es kommt also sehr auf den Einzelfall an. Wenn sich eine Airline erkennbar unfähig verhält, sollte man sich ggf. rechtlich beraten lassen.  

Aufgrund des Klimawandels ist zu erwarten, dass derartige Wetterphänomene auch in Zukunft vermehrt auftreten werden. Um präzisere Vorhersagen zu ermöglichen, startete Air New Zealand aktuell eine Kooperation mit NASA.

von Martina Roters

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