Letzter Flug Concorde

15 Jahre Leben an Bord einer Legende (Teil 1)

Martina Roters
17.08.2020
2 Fotos
5 Minuten

Caroline Cadier entführt uns in eine Zeit, in der ihr Beruf noch „Stewardess“ hieß. Fliegen war ein Privileg, und Concorde-Fliegen das Privileg des „Jetsets“. Sie gewährt uns einen Blick durchs Bordfenster – auf eine märchenhaft anmutende Zeit – und auf ihr Leben in einer Umgebung, in der Unerschrockenheit und Professionalität Trumpf waren. Sie glaube an Schicksal, sagt sie, und wenn man mit Lesen fertig ist, dann versteht man sogar, warum.

Das Interview mit Caroline Cadier

Hatten Sie schon immer eine Leidenschaft fürs Fliegen?

Mein Vater, René Cadier, dem im Zweiten Weltkrieg die Flucht nach Spanien gelungen war, gelangte nach England und wurde dort in die Royal Air Force integriert und in Kanada stationiert. Als der Krieg vorbei war, stellte Air France 1945 die ersten Piloten ein. Er und mein Onkel wurden beide Flugkapitäne und flogen Langstrecke. Ich hatte das Glück, später mit beiden von ihnen fliegen zu dürfen.

Meine Mutter, Odile Keller, war eine der ersten Stewardessen in Frankreich – 1946. Vorher gab es nur Männer an Bord, oft stammten sie aus der Hotelbranche. Aber 1946 bekamen sie dann auch Unterstützung durch die Damen. Meine Mutter war noch nicht sehr lange im Beruf, als auf der Strecke Paris-Algier-Paris ein Triebwerksproblem auftrat und die Crew in Algier auf Ersatzteile, die aus Paris eingeflogen werden mussten, wartete. Sie hatte also Freizeit, die sie am Strand verbrachte – mit dem Co-Piloten. Ein Jahr später heirateten sie.

Ich wurde 1952 geboren. Ich war immer sehr fasziniert von dem, was mein Papa machte. Als ich ihm erzählte, dass ich Pilotin werden wollte, antwortete er: “Sorry, meine Kleine, aber Piloten können nur Männer werden!” Leider hatte er Recht. Die ENAC (Ecole Nationale d’Aviation Civile), die französische Flieger-Schule, nahm keine Frauen an.

1974, mit 21 Jahren ging ich zu Air France, um Stewardess zu werden, denn ich wollte fliegen! Mein erstes Flugzeug war übrigens eine Boeing 707. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass die ENAC im selben Jahr endlich ihre Pforte auch für Frauen öffnete, aber für mich kam die Entscheidung zu spät – ich war sechs Monate zu alt, um zugelassen zu werden. Ich tröstete mich damit, mein verdientes Geld in Flugstunden zu investieren und meinen Vater mit meiner privaten Fluglizenz zu überraschen.

Wie kamen Sie in die Crew der Concorde?

Daran war das Schicksal schuld!

Wir hatten eine Woche Dienst in Amerika. Zweimal die Woche flogen wir Houston-Mexico-Houston. Eine Maschine einer anderen Fluglinie hatte ein technisches Problem, so dass Air France einige Passagiere von Aeromexico an Bord nahm, um sie nach Houston zurückzubringen. Auf der anderen Seite des Gangs saß ein junger Geschäftsmann, der mir Blicke zuwarf. Er gab mir seine Visitenkarte, später gingen wir gemeinsam shoppen und blieben in Kontakt.

Ein Jahr später, 1977, waren wir verheiratet. Wir zogen nach Kalifornien, wo unser Sohn geboren wurde. Ich gab das Fliegen ein Jahr lang auf, musste mich dann aber entscheiden: Entweder wieder fliegen oder kündigen. Mein Söhnchen war noch so klein, also …

Vier Jahre später, 1983, war ich zurück in Frankreich und ging wieder zur Air France. Ich musste Langstreckenflüge machen (auf Kurz- und Mittelstrecken wurde man nur eingesetzt, wenn man schon länger dabei war), und das war nicht ideal mit einem Kleinkind. Also bewarb ich mich auf das Concorde-Programm. Zwar Langstrecke, aber in kürzerer Zeit!

Ich muss wohl die Bewerbungsfragen richtig beantwortet haben („Ich bewundere dieses außergewöhnliche Flugzeug …“), aber ich vermute, dass meine Sprachkenntnisse den Ausschlag gaben: Französisch und Englisch fließend, dann noch Spanisch: Eine Ferienliebe aus Peniscola/Spanien war ein talentierter, damals noch unbekannter junger Sänger namens Julio –  und seinetwegen wählte ich Spanisch statt Deutsch als zweite Sprache. Vierte Sprache: Russisch (Basislevel), denn mein Schwiegervater stammte aus Odessa (und meine Schwiegermutter aus Wien). Zu guter Letzt sprach ich auch noch etwas Japanisch, denn mein Vater war zwei Jahre in Tokio stationiert: 1972 und 1974. Weil man die Sowjetunion nicht überfliegen durfte, musste man damals übrigens entweder über Anchorage fliegen oder eine Südroute über Iran, Indien, Bangkok nehmen. Damals fand ich Gefallen an Land und Sprache und nahm Japanischunterricht.
So kam ich an Bord dieses wunderbaren Fliegers!

Was war so besonders daran, in der Concorde zu fliegen?

Mein erster Flug war Paris – New York. Als ich das Flugzeug betrat, löste das ein doppeltes „Wow“ aus. Die Decke war niedrig – daher bevorzugten sie Leute unter 1,85 m – der Gang war eng und die Fenster winzig. Aber das Interieur war ganz besonders (das letzte war sogar von Madame Andrée Putman, der Star-Designerin). Teppiche, Sitze, alles wunderschön.

Wir hatten Luxus pur: Französischer Champagner, französischer Wein, Kaviar … Und wir trugen Haute-Couture-Uniformen! Die erste Uniform war von Jean Patou, danach trugen wir Nina Ricci, zuerst in drei Farbvarianten: hellblau, dunkelblau und grau, später dann beige und blau. Wenn der Purser ein Mann war, trug er Uniform, die Stewards trugen einen weißen Spencer mit einer Fliege: „très chic“!

Caroline Cadier - Concorde

Auf diesem ersten Flug durfte ich ins Cockpit kommen und ich sah die Skyline von Manhattan und sagte zum Piloten: „Das ist nicht wirklich!“ Und er erwiderte: „Doch, das ist wirklich, wir sind schon im Anflug auf New York …“ Es war reine Magie!

Die bizarrste Erfahrung mit einem Passagier war…?

Da war die Geschichte mit dem Hund. Sie müssen wissen, dass Haustiere in der Concorde mit in der Kabine reisten. Da war eine Dame, nennen wir sie Madame X, die immer ihre beiden Labradore mitnahm. Daher saß sie auch immer in der ersten Reihe.

Eines Tages hatten wir den Sohn von Madame X mit an Bord. Er saß in der 2. Kabine in der letzten Reihe mit einem Labrador-Welpen. Es war üblich, dass wir gegen Ende des Flugs noch mal die Runde machten bei allen Stammgästen. Bei ihm erkundigte ich mich höflich, wie es denn der Frau Mama ginge und im Zuge der Unterhaltung fragte er, ob wir noch etwas Kaviar hätten. „Selbstverständlich!“ Als die Hostess den Kaviar mit einer Serviette brachte, meinte er, „Nein, danke, eine Serviette brauche ich nicht“, und gab den Kaviar dem Hund!

Am selben Abend, als ich nach Hause kam, sah ich draußen auf der Straße einen Mann mit seinem Hund auf dem Boden sitzen … Da denkt man über das Leben nach!

Ergänzung der Redaktion: Im zweiten Teil des Interviews wird es noch einmal spannend! Caroline Cadier erzählt von besonders brenzligen Situationen, die sie in ihrer Zeit als Purserette der Concorde erlebte …

Über die Begeisterung eines Concorde-Piloten für seinen früheren Beruf und wie er die tragischen Ereignisse erlebte, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Alle Bilder © Caroline Cadier

von Martina Roters

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