Die Begrüßung an Bord

Die Begrüßung

Linda Luftikuss
26.05.2018
3 Minuten

Hallo und herzlich Willkommen auf eurem heutigen Flug mit mir. Eine freundliche und anständige Begrüßung ist schon eine schöne Geste, findet ihr nicht auch? Bekommt man nicht dadurch das Gefühl, man wird wahrgenommen und erkannt? Mir geht es so. Ich freue mich, wenn ich ein nettes “Guten Tag” gesagt bekomme. Mit “Guten Tag” macht man nie etwas falsch, es ist laut Knigge zu jeder Tageszeit richtig und angebracht.

Als Flugbegleiterin fliege ich am Tag mehrere hundert Menschen. Sagen wir, heute sind es 500 Gäste, die ich sicher von einem Ort zum nächsten bringe. In der Theorie freue ich mich heute also 500 Mal, weil ich nett gegrüßt werde. In Worten: Fünfhundert Mal. Wollt ihr wissen, wie oft ich mich wirklich über eine nette Begrüßung freuen darf? Wollt ihr wissen, wie oft mein charmantes “Hallo” erwidert wird? Glaubt mir: Ihr wollt es nicht wissen. Es ist traurig, zu traurig. Menschen haben aufgehört zu grüßen. Dabei gilt nicht zu grüßen im westlichen Kulturkreis als grobe Unhöflichkeit. Mit einer Begrüßung beginnt eine Kontaktaufnahme und ihr und ich, wir verbringen doch jetzt ein wenig Zeit zusammen in dieser Kabine. Ich mache euch sogar euren Kaffee, so wie ihr ihn wollt.

Eins habe ich gelernt. Ein nichtgrüßender Gast teilt mir trotzdem immer etwas mit: “Deine Anwesenheit ist mir egal. Lieber beschäftige ich mich nur mit mir und meinem Handgepäck.” Schade nur, dass ich diejenige bin, die diesen Gast in einer Notfallsituation trotzdem retten soll. Manche Kollegen lassen dieses respektlose Verhalten nicht an sich heran. Es kümmert sie nicht. Ich denke da anders. Ich denke: Manche Personen haben nicht nur ihr Gepäck aufgegeben, sondern auch ihre Manieren.

Natürlich gibt es auch Passagiere, die sich freuen, wenn sie mich sehen. Nette Gäste, die ein sehr anständiges “Guten Tag” über die Lippen bringen, auch morgens um sechs Uhr. Glaubt mir, sowas merken wir uns. Und dann gibt es eine noch seltener vorkommende Gast-Spezie. Ich nenne diese Gattung den über-euphorischen Grüßer. Den über-euphorischen Grüßer gibt es als weibliche und männliche Variante. Schon von weitem erkennt man sie. Mit aufgerissenen Augen lacht sie einen an und brüllt nahezu “GUTENTAGWIEGEHTESIHNEN?” in mein erschrockenes Gesicht. Das wiederum ist ein Hauch zu viel Aufmerksamkeit. Ich bin dann meist ein wenig peinlich berührt. Das erkennt man daran, dass ich rot werde und schnell weggucke. Ich werde rot, weil ich es nicht gewohnt bin, dass ein Fluggast mich so nett (so! nett!) begrüßt. Ist das nicht schade? Nicht, dass ich gerne öfters rot werde. Aber ich fände es ganz ganz toll (wirklich richtig toll), wenn man uns Flugbegleitern öfters zeigen würde: “Guten Tag. Ich sehe Sie und nehme Sie wahr.” Auch morgens um sechs.

In der nächsten Episode erzähle ich euch etwas über das wiederkehrende Training, das wir jedes Jahr absolvieren, um geistig für den Job fit zu bleiben.

Always happy landings,
eure Linda Luftikuss

Titelbild Unsplash – Marc Schiele

von Linda Luftikuss

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