Erkältung nach dem Fliegen

Die Erkältung nach dem Fliegen – Warum kommt das so häufig vor?

Martina Roters
04.10.2019
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10 Minuten

Eins und zwei und drei und vier, die Reisemedizin zählt hier die Passagier‘, die tigern beim Ausstieg aus dem Flieger und bist du die Nummer nach der vier kommt – statistisch – die Erkältung dann zu DIR!

Es ist wohl nicht nur ein subjektiver Eindruck. Denn auch das Kabinenpersonal, das ja von Berufs wegen bestimmt am professionellsten mit der Flug-Situation umgeht, ist häufiger erkältet als die „Normal“-Bevölkerung. So leiden Flugbegleiter zum Beispiel 3 x häufiger an chronischer Bronchitis – trotz signifikant geringeren Nikotinkonsums.

Also, woran liegt es – und dann noch wichtiger: Kann man aktiv etwas tun, um das Erkältungsrisiko zu senken?

Dazu müssen wir zunächst ein für alle Mal klären:

Was heißt überhaupt Erkältung?

An vielen Orten in Deutschland – und auch anderswo – springen Leute an Neujahr mit oder ohne Neopren in eiskalte Flüsse, ohne sich zu „erkälten“.

Erkältung kommt also nicht wirklich von Kälte, sondern davon, dass dein Immunsystem einem Angriff feindlicher Keime nicht gewachsen ist.

Oder, um mal einen Werbespruch zu klauen: „Sind sie zu stark, bist du zu schwach.“

Und für diese „Schwäche“, nun, da gibt es bei unserer Flugreise ein paar Ansatzpunkte, die es den Bakterien oder Viren leichter machen. Das Gute daran ist: Wenn wir die erkannt haben, sind wir nicht ganz hilflos. Fangen wir erst mal am anderen Ende an.

Wogegen du erst mal nichts unternehmen kannst:

Nicht alle Menschen, die ein Flugzeug betreten, sind kerngesund.

Die meisten Bakterien und Viren werden durch Tröpfcheninfektion übertragen und immerhin fast zwei Meter weit durch die Luft geschleudert. Außerdem werden sie von infektiösen Personen durch ungewaschene Hände beispielsweise durch Anfassen von Gegenständen im Flugzeug verteilt: an Tür-, Sitz- und Gepäckfachgriffen, Sicherheitsgurtschlössern, Klapptischen, Staufächern usw. Dort können sie länger als 24 Stunden überleben.

Wenn du dir also keinen Privatjet leisten kannst, musst du dir deinen Flieger mit Menschen teilen und trotzdem versuchen, gesund zu bleiben.

Gib deinem Immunsystem die besten Voraussetzungen!

Dazu gehören: Eine gesunde Ernährung, insbesondere eine gute Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen, besonders, Eisen, Zink und Selen, ausreichend Schlaf und keine schädigenden „Drogen“, dazu zählen auch Nikotin und Alkohol.

Du kannst dein Immunsystem auch „trainieren“ – durch Abhärtung, also zum Beispiel durch Saunagänge. Auf der anderen Seite solltest du es nicht überstrapazieren. Zu wenig Schlaf und anhaltender Stress wirken sich negativ aufs Immunsystem aus.

Genauso wie anstrengender Sport unmittelbar vor einer Flugreise. Das Phänomen nennt sich „open window“, weil 3 bis 72 Stunden nach einer sehr anstrengenden körperlichen Belastung den Krankheitserregern Tür und Tor geöffnet werden, da das Immunsystem vorübergehend geschwächt ist.

Halte die Krankheitserreger auf Abstand

Bloß wie?

Das geht schon bei der Sitzplatzauswahl los. Nicht nur der Aussicht wegen ist er so begehrt – der Fensterplatz. Vielleicht haben die Passagiere, die unbedingt einen ergattern wollen, auch von der Studie der Forscher in Atlanta gehört, die diesen Platz als den Platz ausgemacht haben, der am weitesten weg von der Zone mit den meisten Keimen liegt. Die ist nämlich der Platz am Gang. Dort kommen die meisten Menschen vorbei – zu den menschlichen Bakterienschleudern zählen Mitreisende bei der Einnahme der Plätze, beim Gang zur Toilette und das Kabinenpersonal bei der Versorgung der Mitreisenden.

Auch beim Boarding ist es nicht ratsam, sich schon anzustellen, lange bevor sich die Schlange überhaupt in Bewegung setzt. Auch hier haben amerikanische Forscher herausgefunden, dass es zur Verringerung der Infektionsgefahr von Vorteil ist, wenn Airlines „Zonen-Boarding“ einsetzen, so dass möglichst wenige Menschen noch einmal an Menschen vorbeimüssen, die bereits an Bord sind.

Wenn du an deinem Platz angekommen bist, kannst du deine Gurtschnalle und deinen Klapptisch mit einem Desinfektionstüchlein reinigen. Überhaupt raten Reisemediziner zu einer häufigen Händedesinfektion. Da das bei allem was aus Textilien ist, nicht möglich ist, ist insbesondere vor jedem Essen erneute Händedesinfektion angesagt.

Ist der Flug nicht ausgebucht und in der Reihe vor dir hustet jemand, wird das Kabinenpersonal sicher Verständnis dafür haben, wenn du diskret um einen anderen Sitzplatz bittest.

Nutze die Klimaanlage zum eigenen Schutz

Flugzeugluft ist Wüstenluft!

Also ist Wasser deine Rettung! Wieso? Was wäre denn so schlimm an Wüstenluft?

Das Waffenarsenal deiner Immunabwehr besteht nicht nur aus einem Heer von Killerzellen. Die schreiten erst sehr viel später ein. Die „organische“ Waffe deines Immunsystems ist dein „mukoziliärer Apparat“ (MCC = mucociliar clearance). Das ist die mit beweglichen Flimmerhärchen (Zilien) besetzte Schleimhaut, die sich z. B. in deiner Nase, aber auch in deinen Bronchien befindet und schon mal gleich von vornherein dafür sorgt, dass Fremdkörper wie Staub, aber auch Keime möglichst gleich in Richtung Mund transportiert werden, wo sie abgehustet oder verschluckt und dann durch die Salzsäure im Magen vernichtet werden. Das funktioniert jedoch nur, wenn die Bedingungen für die Arbeit der Flimmerhärchen stimmen, denn sonst stellen diese den Dienst ein!

Und welche Bedingungen brauchen sie? Feuchte Wärme!

Dämmert’s? Während deine Wohnung so circa 30 Prozent Luftfeuchtigkeit hat, kommt die Sahara auf circa 20 Prozent, manche Flieger sogar nur auf 10 Prozent.  (Das ist gut für deren Metallhaut, die nicht so schnell rostet, aber für deinen mukoziliären Apparat ist das gar nicht gut.) Also heißt es trinken! Und zwar nicht alles auf einmal, sondern immer in kleinen Schlucken, um Mund und Rachen zu befeuchten. Und zwar am besten Wasser. Denn Kaffee, Tee und Alkohol dehydrieren deinen Körper nur noch zusätzlich.

Gibt es auch „Mittelchen“ gegen eine Erkältung nach dem Fliegen?

Wenn man Reisende fragt, dann gibt es so manchen Geheimtipp, den die Spatzen schon von den Dächern pfeifen. Alle Arten von bakterienhemmenden Lutschpastillen liegen hoch im Kurs, zum Beispiel mit Salbei oder Isländisch Moos. Um die Nasenschleimhaut zu unterstützen, gibt es Salzsprays, zum Teil in Kombination mit Hyaluronsäure oder ätherischen Ölen wie Eukalyptus oder Aloe Vera. Andere empfehlen Sesamöl und manche schwören auch ganz einfach auf Vaseline, um die Nasenwände vor dem Austrocknen zu schützen. Deine Apotheke hat bestimmt auch noch „ihre“ Extra-Tipps, z. B. Holunderpulver zur Abwehr von „Flug-Erkältungen“.

Richtige Kleidung

Wenn irgendwo das „Zwiebel-Prinzip“ angesagt ist, dann im Flugzeug. Insbesondere dann, wenn man Zeitzonen durchquert oder aus sonnigen Gefilden in den europäischen Winter zurückkehrt.

Ja, es macht keinen Spaß, sich in Griechenland bei 30°C in die Jeans zu quälen. Aber noch weniger, bei 10°C in Frankfurt zu frieren! Oder bei -1°C. Die Travel-Industrie hat doch ein paar coole Angebote:  Da gibt es beispielsweise Zip-Off-Hosen, bei denen ihr die Hosenbeine später erst dranzaubern könnt, da gibt es den berühmten Knitter- und Flatter-Look…

Komm schon, keine Ausrede, euch fällt sicher was ein, wie auch ihr es schafft, für die gesamte Temperaturbandbreite gewappnet zu sein. Es muss nicht jeder seine eigene Super-Travel-Decke besitzen, auch wenn das für Vielflieger eine interessante Investition – oder ein Geschenk – sein kann. Aber ein Paar extra kuschlige Socken sollten schon drin sein, denn die Faustregel der meisten Airlines lautet: Lieber zu kalt als zu warm.*

Halte deine Blutzirkulation auf Trab

Auch das soll dem Immunsystem guttun. Das ist natürlich gar nicht so einfach, wenn man in der „Holzklasse“ eingepfercht auf einem Langstreckenflug sitzt. Aber auch da kann man zum Beispiel mit den Zehen wippen, die Füße abwechselnd vom Boden anheben, kreisende Bewegungen aus den Fußgelenken heraus machen und isometrische Übungen ausführen. Das ist dann gleichzeitig auch sehr gut zur Vorbeugung gegen die Gefahr einer Thrombose.

Hier ein Video mit wertvollen Übungen für Langstreckenflüge:

Eine gesunde (!) Einstellung

Ja, dieser Artikel sollte zur Aufklärung beitragen und dazu musste er auch ein paar unappetitliche Details über Bakterien und Viren verbreiten. Und das könnte mit Teil des Problems sein.

Vielleicht hast du schon mal vom berühmten Placebo-Effekt gehört. Das Immunsystem reagiert auf die Einnahme einer Pille – in der gar kein Wirkstoff enthalten ist.

Es gibt aber auch den weit weniger bekannten Bruder des Placebo-Effekts, den Nocebo-Effekt:

Man glaubt daran, dass einem etwas schaden wird – und dann passiert auch genau das. Das ist übrigens die Wirkung, auf der Voodoo-Zauber beruht.

Und deshalb ist es überhaupt nicht hilfreich, sich jetzt das ganze Flugzeug voller Viren und Bakterien vorzustellen, die alle darauf lauern, dir eine Erkältung anzuhängen. Man muss sich klarmachen, dass das sowieso jeden Tag überall der Fall ist: Auf der Arbeit, im Bus, im Supermarkt, der Flieger ist da keine Ausnahme. Und in der Regel wird unser Immunsystem damit spielend fertig. Sei gut vorbereitet und vertrau auf dein Immunsystem! Und ja, die überwiegende Masse aller Passagiere bleibt natürlich auch auf dem Gangplatz gesund, alles andere ist nur Statistik! Wenn du willst, bewaffne dich mit ein paar zusätzlichen „Mittelchen“, die deinen Glauben an die Abwehr magisch verstärken und deren Wirkung ja, wie wir gesehen haben, nicht aus der Luft gegriffen sind.

Und was, wenn ich schon erkältet bin, wenn ich meinen Flug antrete?

Dann gelten sämtliche oben genannte Tipps natürlich erst recht!

Hinzu kommt allerdings die Abwägung, in welchem Zustand man überhaupt flugtauglich ist.

Denn an Bord eines Flugzeugs herrschen – bei Langstreckenflügen, wo die Flughöhe  aus wirtschaftlichen und (sicherheits)technischen Gründen – in 10.000 Metern Höhe erfolgt, Druckverhältnisse, wie sie auf der Erde nur in 2.000 – 2.500 Metern vorkommen, weil das gesunde Menschen gar nicht bemerken, zumal sie sich an Bord nicht körperlich anstrengen müssen. Es gibt aber Patienten, die Hypoxie-gefährdet sind. Darunter versteht man eine Unterversorgung mit Sauerstoff im Blut oder in den Organen. Auch Patienten mit Herz- oder Lungenproblemen sollten ihren Arzt befragen.

Wer nun stark erkältet ist, insbesondere bei einer Nebenhöhlen- oder Stirnhöhlenentzündung, der kann sehr schmerzhafte Probleme bekommen, besonders während des Landeanflugs und der damit einhergehenden plötzlichen Druckveränderung. Wenn da die Eustachische Röhre, auch Ohrtrompete genannt, die für den Druckausgleich zwischen Mittelohr und Umgebung sorgt, nicht frei und durchlässig ist, können heftige Schmerzen die Folge sein: Kopf-, Wangen-, Zahn- und Ohrenschmerzen. Sogar das Trommelfell kann reißen.

Um die Eustachische Röhre freizubekommen, kann man es mit Kaugummikauen versuchen, da die Schluckbewegung die entsprechende Muskulatur in Bewegung setzt. Auch forciertes Gähnen wirkt ähnlich. Wenn das nicht hilft, kann man es mit Valsalva versuchen. Da das etwas schwer zu erklären ist, lassen wir das lieber von Kollegen in einem Video erledigen:

Wenn man die Nase nicht frei bekommt, sollte man rechtzeitig vor der Landung Nasentropfen oder  abschwellende Nasensprays aus der Apotheke anwenden (ja, genau die wirksamen, vor deren längerem Gebrauch die Apotheker wegen Suchtgefahr warnen).

Noch ein medikamentenfreier Tipp, der einem schon vor der Flugreise Linderung verschaffen kann, wenn man ihn häufiger anwendet: Man kann den mukoziliären Apparat durch Akupressur anregen.

Hier ein 30-Sekunden-Video eines spanischen Arztes dazu (mit deutschen Untertiteln):

(Eigene Empfehlung der Autorin: Einfach weiter punktmassieren entlang der Nasenflügel bis hoch die beiden Augenbrauen entlang, denn das wirkt sich auch befreiend auf Neben- und Stirnhöhlen aus.)

Jetzt bleibt nur noch: WingMag wünscht allen Lesern gute Gesundheit vor und nach der Landung!

*Die niedrige Temperatur an Bord hat nicht nur Energiespargründe. Es geht tatsächlich um das Wohl der Passagiere. Zum einen können sich Krankheitskeime bei kühleren Temperaturen in der Regel weniger schnell ausbreiten und zum anderen nimmt die Sauerstoffsättigung des Bluts von 98 Prozent am Boden auf circa 92 Prozent in der Flugzeugkabine ab. Diesen milden Sauerstoffmangel nimmt der gesunde Passagier gar nicht wahr, denn der Körper gleicht das durch eine erhöhte Herz- und Atemfrequenz automatisch aus. Es hat sich allerdings gezeigt, dass es unter diesen Umständen leichter zu Ohnmachtsanfällen kommt, je höher die Temperaturen sind. Und da sind den Airlines ein bisschen fröstelnde Passagiere allemal lieber als ohnmächtige…

von Martina Roters

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