Die geheimen Helden des Reno Air Race in Nevada

Jennifer Weitbrecht
02.10.2019
25 Fotos
6 Minuten

Jedes Jahr im September strömen rund 200.000 Luftfahrtbegeisterte in die Wüste von Nevada, 15 Kilometer nördlich von Reno. Das Ziel ihrer Reise? Die Stihl National Championship Air Races auf dem Reno Stead Airport, auch Reno Air Races genannt, die weltweit zu den letzten großen Flugzeugrennen gehören. Auf alle Besucher wartet ein großartiges Event mit atemberaubenden Luftrennen verschiedenster Klassen: Biplane, Formula One, Sport-Klasse, T-6, Jet und „Unlimited Class“. Geflogen wird auf zwei verschiedenen Rundkursen, die mit Pylonen markiert sind.

In diesem Jahr ließen auch wir von WingMag uns das Spektakel nicht entgehen und waren für euch vor Ort. Mitgebracht haben wir diese Bildergalerie. Viel Spaß!

Der Ursprung des Reno Air Race

Die ersten auf einem Rundkurs ausgetragenen Pylonenrennen der Geschichte fanden 1909 beim Reims Air Meet in Frankreich statt. Für Hersteller und Piloten eine perfekte Gelegenheit, sich mit anderen zu vergleichen, was zu einem rasanten technischen Fortschritt in der Luftfahrt führte.

Der Ursprung der heutigen Reno Air Races geht zurück in das Jahr 1964. Auf der „Sky Ranch“ in Reno fanden die ersten National Championship Air Races statt. Gegründet wurde das Rennen von Bill Stead, zweifacher Hydroplane Champion und Farmer aus Nevada. Seit 1966 bis heute ist der Austragungsort die auf 1.500 Metern Höhe gelegene Stead Air Force Base. Der Gründer verunglückte tragischerweise am 28. April 1966 in St. Petersburg (Florida) mit seinem Formula-One-Flugzeug.

Und los geht’s – „Gentlemen, you have a race“

Eingeleitet wird jeder Flugtag standesgemäß mit der amerikanischen Nationalhymne. Bereits dieser Moment dürfte bei vielen Besuchern eine Gänsehaut auslösen. Doch dies wird nicht der einzige emotionale Moment bleiben. Freudentränen, Herzklopfen und euphorische Anspannung sind bei diesem spektakulären Event garantiert!

Vor jedem Rennen prickelt die Luft. Die Spannung steigt, während die Piloten sich an den Start begeben. Die Teilnehmer starten einzeln und sammeln sich in der Luft hinter dem sogenannten „Pace Plane“. Der Pilot dieses Fliegers startet das Rennen für die Teilnehmer mit den Worten „gentlemen, you have a race“.

Adrenalin pur

Wie es sich in den historischen Fliegern während eines Rennens tatsächlich anfühlt, ist nur schwer vorstellbar. Nicht jeder ist dafür geschaffen, bei teilweise mehr als 960 km/h und entsprechend hohen G-Kräften derart nah am Boden zu fliegen. Eine gewisse Mindesthöhe darf jedoch nicht unterschritten werden, da Bodenberührungen in der Vergangenheit zum Teil fatale Folgen hatten. Wenn ein Pilot mit seiner Augenhöhe den Buchstaben „R“ von Reno auf dem Start-/Ziel-Pylonen unterschreitet, führt dies zur Disqualifikation im laufenden Rennen.

Zu den besonders spannenden Momenten des Rennens zählen außerdem die Überholmanöver: Es darf ausschließlich außen überholt werden, wobei der überholende Pilot das langsamere Flugzeug nie aus den Augen verlieren darf. Dieses wiederum darf das Manöver nicht behindern.

Da es sich bei den älteren Maschinen um stark modifizierte und sehr wartungsintensive Fluggeräte handelt, kommt es nicht selten zu technischen Problemen. Wer in Not gerät, verlässt den Rennkurs, indem er zunächst aus der Reichweite der anderen Flugzeuge heraus in die Höhe steigt und sich daraufhin in eine geeignete Landeposition begibt. Je nach Problematik kann der Pilot auch Unterstützung vom nach wie vor über dem Rennkurs kreisenden „Pace Plane“ erhalten.

Die ausführlichen Regeln des Rennens findet ihr unter diesem Link.

Flugsport zum Anfassen

Es sind nicht nur die sportlichen Leistungen, die das Reno Air Race so besonders machen. Allem voran ist es die Gemeinschaft der Enthusiasten: Rivalen auf der Rennstrecke, Freunde am Boden. Man kennt und hilft sich. Die Veranstaltung erinnert schon beinahe an ein großes Familientreffen – Tradition wird gelebt und Geschichte wiederbelebt.

Aus dieser Familie werden auch die Fans nicht ausgeschlossen. Wer möchte, kann sich den fliegenden und zweibeinigen Stars hautnah gegenübersehen. Die Boxen der Rennteams sind für Besucher zugänglich und man kann den Mechanikern bei ihrer Arbeit auf die Finger schauen – eine ganz besondere Ehre, die einem als Luftfahrtbegeisterter nicht oft zuteilwird. Man freut sich über das Interesse der Zuschauer und beantwortet gerne alle Fragen. Mit etwas Glück kann man am Boden sogar selbst in die ein oder andere Maschine steigen und sich das unbeschreibliche Gefühl in der Luft vorstellen.

Die Helden hinter den Kulissen

Die historischen und zum Teil sehr seltenen Flugzeuge, die zumeist aus den 30er-, 40er-Jahren stammen, wurden häufig innerhalb der Familien vererbt und sind nicht selten mehrere Millionen wert. Jeder ist stolz auf seinen eigenes fliegendes Schmuckstück – und stellt es natürlich gern zur Schau. Ein sehr zeitintensives Unterfangen.

Daher ist es nicht überraschend, dass jeder Teilnehmer mit einem großen Team anreist. Alle Mitglieder kümmern sich schon fast liebevoll um die besonderen Flugzeuge: Putzen, polieren, reparieren, warten. Selbstgestrickte Hüllen und das ein oder andere Kuscheltier schmücken die fliegenden Schätze und verhindern das Eintreten von Schmutz durch die verschiedensten Öffnungen. Faszinierend, wie viele Stunden oder besser gesagt Tage in die Pflege und Wartung der Flugzeuge gesteckt wird. Insbesondere wenn man bedenkt, dass sie nur wenige Minuten in der Luft sind.

Bei so viel Einsatz haben sich alle Helfer einen Platz im Spotlight redlich verdient. Und den bekommen sie auch! Jeder Mitwirkende wird namentlich auf „seinem“ Flugzeug verewigt. Wer das Glück hat, zum Gewinnerteam zu gehören, darf sogar gemeinsam mit dem Piloten auf einem alten Feuerwehrfahrzeug an den Zuschauern vorbeifahren und ebenfalls den Moment des Ruhmes genießen. Die geheimen Helden im „Rampenlicht“ der heißen Sonne von Nevada.

Piloten und Showcases

Neben dem Hauptevent werden viele weitere Attraktionen geboten: Verschiedenste Flugshows, Militärdemonstrationen, Displays von seltenen, zivilen und militärischen Flugzeugen sowie diverse Verkaufsstände – der Stead Airport verwandelt sich jedes Jahr zu einem gewaltigen Volksfest und sorgt für Begeisterung für die ganze Familie.

Zum Rahmenprogramm gehört unter anderem die Vorführung von Jim Peitz mit seiner Bonanza. Dieses Flugzeug ist eigentlich als kleines und schnelles Reiseflugzeug bekannt. Nur wenige dieses Typs sind für Kunstflug zugelassen. Umso spektakulärer wirkt seine Show bei den Insidern: Heiße Loops, Hammerhead Turns und schnelle Low Passes zeichnet Jim mittels „smoke“ an den Himmel. Der Sprecher warnt die Piloten unter den Zuschauern immer wieder: „Don’t do that with your own Bonanza…“

Als Vorgeschmack für nächstes Jahr wurden STOL-Flieger (Short Take Off and Landing) der verschiedensten Typen und Farben präsentiert. Sie werden ab 2020 in einer neuen Klasse beim Reno Air Race an den Start gehen.

Besondere Spannungsmomente erfuhren die Zuschauer außerdem bei der Flugvorführung der US Air Force mit ihren „Thunderbirds“. Dieser Vorführung werden wir einen eigenen Beitrag mit Bildstrecke widmen.

Alle Bilder © SFS

von Jennifer Weitbrecht

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