Rufbereitschaft - Linda Luftikuss

Die Rufbereitschaft

Linda Luftikuss
12.11.2019
4 Minuten

Wer als Flugbegleiter oder als Pilot arbeitet, der kennt die schöne Rufbereitschaft. Den Bereitschaftsdienst gibt es auch in anderen Jobs, zum Beispiel bei der Feuerwehr, im Krankenhaus und teilweise sogar unter Erziehern.

Es ist ein Dienst, der eine bestimmte Zeitspanne umfasst, bei uns sind es in der Regel zwölf Stunden. Früher waren es sogar mal 24 Stunden, aber das wurde glücklicherweise geändert. In diesen 12 Stunden muss ich für meinen Arbeitgeber erreichbar sein und bei Aktivierung innerhalb eines gewissen Zeitraums am Flughafen erscheinen. Das sind bei uns 60 Minuten. Der sogenannte Stand-by-Dienst kann zu unterschiedlichen Tageszeiten eingeteilt sein: Von 4 Uhr morgens bis 16 Uhr oder aber auch von 11 Uhr bis 23 Uhr. Besonders fies ist der Dienst von Mitternacht bis 12 Uhr mittags.

Viele Kollegen finden den Stand-by-Dienst anstrengend, weil man nicht weiß, wie solche Tage ablaufen werden. Wird man aktiviert oder nicht? Welcher Umlauf wird es? Stand-by erfordert schon eine andere Vorbereitung – vor allem im Frühdienst. Ich versuche dann schon alles Mögliche am Tag vorher zu organisieren, denn theoretisch kann ein kurzer Diensttag kommen – oder eben ein recht langer. Deshalb koche ich mir am Vortag schon etwas oder bereite mir Frühstück inklusive Snacks vor. Die Uniform lege ich beim Frühdienst auch schon mit all ihren Teilen raus: Wenn man nachts aus dem Stand-by gerufen wird, braucht man sich nur im Autopilot zurechtmachen.

Oft schlafe ich nicht so gut vor Stand-by-Nächten und bin unruhig. So stelle ich mir Ammenschlaf vor. Ich wache mehrmals in der Nacht auf und überprüfe, ob ich einen Anruf verpasst habe. Im Stand-by habe ich mein Handy immer auf laut, ansonsten ist es auf lautlos gestellt. Doch einmal kam es, wie es kommen musste: Ich verpasste einen Anruf. Ich hatte ab 6 Uhr morgens Rufdienst – bis 18 Uhr abends. Manchmal hat man am Abend zuvor schon einen Flugdienst im Dienstplan eingeteilt, dann kann man beruhigter schlafen. In diesem Fall war das aber nicht so. Am Abend zuvor ging ich früh ins Bett und stellt mir den Wecker auf 7 Uhr. Werde ich nicht aus dem Schlaf geweckt, stehe ich zu dieser Zeit auf und beginne den Tag ganz normal. Als der Wecker klingelte, war mein erster Gedanke “Ach wie schön, noch nicht aktiviert.” Ich schaute auf mein Handy und stellte sehr erschrocken fest, dass meine Firma bereits dreimal bei mir angerufen hatte! Mein Handy war auf lautlos. Ich kann euch sagen: In diesem Moment rutscht einem das Herz ziemlich in die Hose und dann schlägt es vor Aufregung ziemlich schnell. Sofort war ich wach und rief meine Firma zurück.

An diesem Tag hatte ich Glück im Unglück: Sie hatten bereits einen Kollegen gefunden, der für mich eingesprungen war. Zudem war die Zeitspanne nicht eklatant groß – es macht noch mal einen Unterschied, ob man nach 30 Minuten zurückruft oder eben nach drei Stunden. Ich bekam einen neuen Dienst. Trotzdem tat mir der Vorfall ziemlich leid, weil ich Unannehmlichkeiten für meine Kollegen natürlich vermeiden möchte. Ich hatte sogar doppelt Glück, weil es keine Konsequenzen für mich gab – warum, weiß ich gar nicht so genau. Würde so etwas häufiger vorkommen, würde man sicherlich nicht so glimpflich davonkommen.

Wie ich es schaffe, früh ins Bett zu gehen, wenn der Bereitschaftsdienst um 4 Uhr morgens anfängt? Manchmal frage ich mich das auch. Mittlerweile habe ich mir Rituale angewöhnt, die das frühe Schlafengehen und Aufstehen einfacher machen. Ich versuche, am Tag davor früh zu Hause zu sein und mich gegen 19 Uhr hinzulegen. Es hilft mir, mir vorzustellen, dass ich nur ein erweitertes Nickerchen mache. Zum Glück habe ich Rollladen in meiner Wohnung, die machen alles dunkel. Ich verabrede mich auch nicht mehr, gehe nicht an mein Telefon oder treibe Sport. Alles was zum runterkommen hilft, ist gerne gesehen. Also lese ich oder schaue eine Serie. Hauptsache, man liegt schonmal und ruht den Körper etwas aus.

Bereitschaftsdienst ist also immer ein kleines Überraschungspaket. Aber manchmal kommt ein toller Tag bei herum, weil ein Lieblingskollege mit an Bord, weil der Umlauf besonders schön ist oder aber: Man wird in Ruhe gelassen und hat nach ein paar Stunden einen ganzen Resttag zur freien Verfügung, der dann spontan geplant werden kann.

Always happy landings,

Eure Linda Luftikuss

von Linda Luftikuss

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