Die Zukunft der Luftfahrt - nach Corona

Die Zukunft der Luftfahrt – nach Corona

Martina Roters
26.10.2020
6 Minuten

„Die Zukunft der Luftfahrt“, bei diesem Thema haben wir bisher meistens technische Innovationen beleuchtet, die Enthusiasten-Herzen schneller schlagen ließen, nach dem Motto: The Sky is the limit!

Doch mit Corona hat sich der Himmel „verfinstert“, und zwar weltweit schlimmer als es die größte Vulkan-Aschewolke je vermocht hätte.

Die Entwicklung der Luftfahrtbranche: V, U, W oder L?

Ganz gleich, welche Zahlen man den Kurven zugrunde legt: Flüge, Produktionszahlen, Arbeitsplätze …

Experten benennen typische Kurvenverläufe mit Buchstaben:

Während sie zu Anfang noch hofften, dass die Krise einen V-Verlauf nimmt, also einen steilen Abschwung und auch gleich wieder einen steilen Aufschwung, wurde schon im Frühjahr klar, dass nach dem fast kompletten Erliegen des Flugverkehrs allerhöchstens eine U-Form denkbar gewesen wäre.

Im Moment ist man aber auch darüber schon hinweg und hält bestenfalls eine W-Kurve für wahrscheinlich: Ein Absturz, ein Wiederaufleben, ggf. ein erneuter Abschwung durch eine zweite Infektionswelle und erst danach ein Wiederaufschwung.

Die düsterste Aussicht ist natürlich die L-Form: Nach dem krassen Einbruch dümpelt der Sektor auf einem gleichbleibend niedrigen Niveau vor sich hin. So hat zum Beispiel die Unternehmensberatung Roland Berger ein mögliches Rezessions-Szenario veröffentlicht, bei dem das „new normal“ erst mit dem Sommerflugplan 2022 erreicht wird und das Passagiervolumen nur 80 Prozent des Niveaus vor der Krise erreicht.

Millionen Arbeitsplätze gefährdet

Zwar hat dank staatlicher Hilfen noch keine Airline in Europa Insolvenz aufgrund von Corona angemeldet, aber laut IATA (Dachverband der Fluggesellschaften) sind allein in Europa und allein bei den Fluggesellschaften insgesamt knapp 6 Millionen Arbeitsplätze gefährdet, mit Deutschland als Nummer vier:

Aktuelle Prognosen – Zukunft der Luftfahrt

Die ICAO (Internationale Zivilluftfahrtorganisation der UN) hat am 16. September ihre Prognose aktualisiert und rechnet mit folgenden Rückgängen bei den Passagierzahlen (im Vergleich zu 2019):

Für 2020

47 bis 50 Prozent weniger, in absoluten Zahlen: ein Minus zwischen 2,6 und 2,75 Milliarden Passagiere.

Für das 1. Quartal 2021

19 bis 40 Prozent weniger, in absoluten Zahlen: ein Minus zwischen 302 und 554 Millionen Passagiere.

Wieder allein auf die Fluggesellschaften gerechnet bedeutet das folgende Einkommensverluste auf den verschiedenen Kontinenten:

Gerechnet in Mrd. $, Quelle ICAO
Afrika– 10
Asien– 86
Europa– 67
Lateinamerika– 19
Naher Osten– 15
Nordamerika– 61

Der Bericht der ICAO (englisch), der immer wieder aktualisiert wird, ist hier zu finden.

Der Kreis der Betroffenen ist groß: Nicht nur Fluggesellschaften, die hier exemplarisch herausgegriffen wurden, sondern auch die gesamte Flugzeugbau-Industrie und deren Zulieferer, und natürlich auch die ganzen Flughäfen neben der von ihnen abhängigen Infrastruktur werden zur Zeit in die roten Zahlen getrieben.

Hinter diesen erschreckenden Zahlen stecken Menschen, denen Lebensträume zerplatzen – oder gar nicht erst beginnen – wie bei all jenen, deren Piloten- oder Flugbegleiter-Ausbildung schon weggefallen ist.

Welche Faktoren beeinträchtigen die Entwicklung?

Natürlich ist die direkte Pandemie-Entwicklung ausschlaggebend: Wie lange wird es „Risikogebiete“ und „Einreiseverbote“ geben, die sich natürlich unmittelbar auf den Flugverkehr auswirken?

Es ist nicht nur die Entwicklung der Pandemie selbst, die zu Buche schlägt. Es gibt auch sekundäre Faktoren:

Zukunft der Luftfahrt

Den letzten Aspekt wollen wir herausgreifen, weil dazu mittlerweile Erkenntnisse veröffentlicht wurden:

Wie hoch ist das Ansteckungsrisiko in Flugzeugen wirklich?

„Beim Kurzbesuch beim Bäcker mit 1,50 Pflichtabstand – aber in den Kabinen wie die Sardinen? – Nicht mit mir!“ – So lässt sich die Meinung vieler potentieller Flugpassagiere zusammenfassen.

Auf der anderen Seite steht die offizielle Verlautbarung der IATA (International Air Transport Association), die sich seit dem 5. Mai nicht verändert hat:

Es gibt Beweise dafür, dass das Risiko einer Übertragung an Bord von Flugzeugen gering ist. […] Das Tragen von Masken durch Passagiere und Besatzung wird das ohnehin geringe Risiko verringern.

Alexandre de Juniac, CEO IATA

Es gibt einen Bericht der IATA zur medical evidence vom 6. August 2020, der diese Einschätzung stützt.

Die Kernaussage lautet, dass es – abgesehen von Einzelfällen – bisher nur einen Fall gibt – einen Langstreckenflug von UK nach Vietnam – bei dem es Mehrfachansteckungen gegeben hat, und dass ein zweiter noch untersucht wird.

Warum ist die Ansteckungsgefahr beim Fliegen relativ gering?

Dafür gibt es mehrere Hypothesen:

Am 25. August veröffentlichte ein deutsches Forscherteam die wissenschaftliche Aufarbeitung eines Falls vom 9. März (englischer Artikel): Wahrscheinlich hatten sich zwei Personen angesteckt, die 4 Stunden 40 Minuten von Tel Aviv nach Frankfurt unterwegs waren, während eine Gruppe von 7 Infizierten an Bord war. Wichtiger Hinweis: Zu jener Zeit hatte aber noch niemand Masken getragen.

Dass das Hygienekonzept eine Rolle spielt, lässt sich nach einem Bericht des Guardian (englischer Artikel) über einen Flug vom 1. September von Griechenland nach Großbritannien belegen, bei dem es nach Presseberichten 16 Covid-19-Fälle gab, wobei sieben wohl schon vor dem Einsteigen infiziert waren. Offenbar hatten sich zahlreiche Passagiere nicht an die Hygienevorschriften gehalten und wurden von der Crew auch nicht dazu ermahnt („…nahmen die Masken runter und liefen den Gang auf und ab, um sich mit Freunden zu unterhalten“).

Wie die Berichte über diesen Urlaubs-Rückreiseflug zeigen, hätten Journalisten über weitere „Flieger-Corona-Hotspots“ sicher auch groß berichtet.

Angesichts der wenigen Fälle ist es der Streit darüber, ob die Bordluft nun OP-Qualität hat und sich alle 3 Minuten erneuert – wie die Airlines behaupten ­oder sich doch nur alle 15 Minuten komplett austauscht, wie Professor Scholz von der HAW Hamburg berechnet hat, dann doch sekundär.

So verringert man seine persönliche Ansteckungsgefahr

Die gefährlichsten Momente sind offenbar das Warten am Gate sowie das Ein- und Aussteigen (weil da der schützende Effekt der Klimaanlage noch nicht oder nicht mehr greift): Es wäre also fatal zu denken: Wozu soll ich Abstand halten, wenn ich doch gleich Schulter an Schulter sitze.

Einige Airlines bieten diesen Service jetzt an, gegen den vollen oder einen ermäßigten Preis – aber Achtung, genau hinschauen! Der Teufel steckt im Detail, denn meistens gibt es Verfügbarkeitseinschränkungen.

Gut möglich, dass die Fluggesellschaften auch ins Umdenken kommen: Delta Airlines prescht vor: Die Mittelsitze bleiben frei und noch bis 2021 werden Flüge mit geringerer Auslastung angeboten. Dabei wird flexibel auf die Buchungsdichte reagiert und ggf. ein größerer Flugzeugtyp eingesetzt, damit das Flugzeug sich nur mäßig füllt. So gewinnt man skeptische Klientel zurück und hebt sich von der Konkurrenz ab.

Sieht die Zukunft der Luftfahrt vielleicht so aus?

von Martina Roters

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