Dr. Stefan Krauss - Fliegen als Familienleidenschaft

Die zwei Leben des Dr. Stefan Krauss

Esther Nestle
11.10.2019
3 Fotos
5 Minuten

Zwei Leben sind manchmal zu viel. Nicht so im Fall von Dr. Stefan Krauss, der in seinem ersten Leben eine Anwaltskanzlei führt. Sein zweites Leben startet da, wo auch Flieger zum Leben erweckt werden, wo sie losrollen, aufsteigen, davonfliegen. Zwei Leben, die auf den ersten Blick kaum unter einen Hut zu passen scheinen. Und doch: Bei näherem Hinsehen und Hinhören werden spannende Überschneidungen sichtbar, in einem nahezu einzigartigen Profil.

Interview mit Dr. Stefan Krauss

Herr Dr. Krauss, während Ihre damaligen Altersgenossen auf Mofas ihre 25-Kilometer-Freiheit feierten, genossen Sie bereits die ganz große Freiheit über den Wolken. Allein!

Es war der 6. September 1980. Dieses Datum hat sich fest in meinem Gedächtnis eingebrannt. Das Erlebnis, zum ersten Mal allein im Segelflieger zu sitzen, war prägend, es war herausragend. Niemand hinter mir, der mir Anweisungen ins Ohr einflüstert. Niemand da, der für mich die Verantwortung trug. Ich allein trug die volle Verantwortung. Von diesem denkwürdigen Tag an gab es nur noch den Flieger und mich.

15 Jahre jung waren Sie da. Autofahren durften Sie noch nicht.

Fliegen ist ja auch einfacher als Autofahren. Fliegen ist wirklich kein Hexenwerk! Passt die Ausbildung, dann packt das fast jeder. In den nunmehr 34 Jahren, in denen ich Piloten ausbilde, waren vielleicht zwei oder drei, zu denen ich irgendwann sagen musste „horch her, es ist besser, du bleibst beim Fahrradfahren oder lernst Tennisspielen“. Dieselbe Erfahrung mache ich auch als Prüfer. Ich nehme rund 30, 40 Prüfungen pro Jahr ab, in allen Kategorien. Anders als bei der Pkw-Führerscheinprüfung ist die Durchfallquote sehr gering.

Der Erwerb der Segelflugzeugpilotenlizenz war erst der Anfang Ihrer persönlichen „Flugfahnenstange“.

Als logischer nächster Schritt stand der Erwerb der Privatpilotenlizenz an, kurz PPL. Inhaber mit dieser Lizenz sind berechtigt, Flugzeuge bis zu einem Gesamtgewicht von zwei Tonnen zu fliegen. Im Alter von 16 kann heute diese Ausbildung begonnen werden. Mit 18 hielt ich dann die PPL-Lizenz in den Händen. Es folgte die Bundeswehr, bei der ich mich für zwei Jahre als Zeitsoldat verpflichtete, was mir eine Menge Vorteile einbrachte. So durfte ich im zweiten Jahr in die Sportkompanie wechseln, machte während dieser Zeit den Segelkunstflugschein, ließ mich zum Segelfluglehrer und zu guter Letzt zum Segelkunstfluglehrer ausbilden.

Eine gewisse Logik hätte es gehabt, wenn Sie Ihr Hobby zum Beruf gemacht hätten?

Tatsächlich hatte ich das vor. Ich bewarb mich bei der Lufthansa, kam ins Auswahlverfahren – und wurde nicht genommen. Schön ist, dass sich der Kreis gerade schließt, denn unser ältester Sohn hat zu unser aller Freude sein Lufthansa Auswahlverfahren und die Ausbildung zum Verkehrspiloten erfolgreich absolviert. Aber ich ging in die Juristerei.

Dennoch ließ mich der Flugsport nicht los, schon während des Jurastudiums nicht: Dank meiner Fluglehrerqualifikation konnte ich mich während der Zeit finanziell gut über Wasser halten. In dieser Zeit flog ich viele Flugstunden und sammelte eine Menge praktischer Erfahrungen. 1999 kam der Berufspilotenschein mit der Instrumentenflugberechtigung dazu und seit 2007 habe ich die Berechtigung, zweistrahlige Jets zu fliegen. Seither bin ich auch im sogenannten Werksverkehr regelmäßig für und mit meinen Mandanten unterwegs und kann mittlerweile auf über 6.200 Flugstunden Erfahrung zurückblicken.

Im Laufe der Jahre haben Sie sich beachtliche Kompetenzen in der Luftfahrt aufgebaut. Profitieren Sie von diesen Kompetenzen auch bei Ihrer Anwaltstätigkeit?

Nun, beim Fliegen ist es anders als bei anderen Hobbys. Hier musst du IMMER überlegen, was hinten rauskommt. Du kannst nicht einfach anhalten, wenn es schwierig wird. Musst immer überlegen: Welches ist der sicherste Weg? Und: Was ist die sicherste Alternative? Wenn es nicht weitergeht, dann dreh ich um – das ist etwas, was jeder immer im Hinterkopf behalten muss! Diese Konsequenz hilft mir auch in meiner beruflichen Tätigkeit als Anwalt. So besehen weisen die Fliegerei und die Juristerei viele Parallelen auf.

Sie sind anerkannter Flugprüfer, auch für die Instrumentenausbildung. Außerdem sind Sie als Sachverständiger beim Luftfahrtbundesamt in Braunschweig gelistet. Was genau umfasst hier Ihre Aufgabengebiete?

Wer die Instrumentenausbildung absolvieren möchte, muss 30 bis 60 Stunden im Flugzeug und im Flugsimulator üben. Sind sie dann soweit fit, müssen mir die Prüflinge ihr Gelerntes in der Praxis unter Beweis stellen: Hierbei fliegen wir dasselbe Verfahren ab wie in den großen Fliegern, eben nur etwas langsamer.

In Ihrer anwaltlichen Tätigkeit hat sich als zweiter Schwerpunkt neben dem Arbeitsrecht das Luftrecht etabliert. Hier treffen Ihre zwei Leben aufeinander.

Mein Sachverstand aus der Fliegerei leistet wertvolle Dienste, wenn ich bei Flugunfällen Piloten oder deren Angehörige vertrete. Wenn Piloten kommen und sagen „im Unfallbericht steht dieses und jenes drin, ich aber habe das so und so erlebt“, dann kann ich die jeweiligen Argumentationen genau nachvollziehen und kann mir ein Urteil bilden.

Haben Sie uns ein Beispiel aus Ihrer Praxis?

Bei einem Mandanten fiel unmittelbar nach dem Start der Motor aus. Bei der Notlandung kamen zwei Menschen ums Leben. Ich konnte nachweisen, dass die Wartungsarbeiten nicht alle gemacht wurden; tatsächlich wurden nicht alle Punkte auf der Checkliste des Triebwerk-Herstellers abgearbeitet. Es liegt auf der Hand, dass bei der Beurteilung solcher Fälle ein „fliegerischer Sachverstand“ wertvolle Dienste leistet.

Im zweiten Teil dieses Interviews kommen wir auf Flugunfälle zu sprechen und auf das derzeit im Trend liegende Ultraleichtfliegen. Vor der Interview-Landung werden wir einen kleinen Loop über das Luftrecht drehen. Bis demnächst!

Alle Bilder © Dr. Stefan Krauss

von Esther Nestle

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