Drohne Gatwick - Luftfahrt

Drohen Drohnen als Gefahr für die Luftfahrt?

Reiner Hertl
26.02.2019
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„Rien ne va plus“ – nichts ging mehr am Flughafen London-Gatwick. Und das mitten im pulsierenden Weihnachtstraffic 2018. Wegen immer wieder gesehenen Drohnen in den An- und Abflugschneisen musste der Flugbetrieb gestoppt werden. Mehr als 1.000 Flüge fielen aus. Diese Ausnahmesituation befeuerte die Diskussionen weiter: Wie gefährlich sind Drohnen für „sensible Bereiche“? Wie können Airports besser geschützt werden? Und wie lassen sich Kollisionen mit Luftfahrzeugen vermeiden? WingMag berichtet zu Anti-Drohnen-Technologien und -Strategien, Drohnen-Führerscheinen und Haftungsfragen. Manche Verantwortlichkeiten und Zuständigkeiten sind noch nicht ausreichend geklärt.

Die Häufigkeit der Behinderungen durch Drohnen nimmt ständig zu

2017 waren es noch 88, 2018 schon 158 – so oft meldeten Piloten in Deutschland Behinderungen an die Fluglotsen. Die Zahlen zeigen auf, wie sich die Problematik von Quadrocoptern auf An- und Abflugbahnen verschärft. So wie ihre schiere Anzahl immer größer wird. Die Deutsche Flugsicherung schätzt bis zum Jahr 2020 die Summe der Drohnen in Deutschland auf über eine Million. Die kometenhafte Beliebtheit beziffert sowohl die privaten wie auch die gewerblichen Segmente. Hinzu kommt der militärische Einsatz. Insgesamt ein riesiger Wachstumsmarkt, der auch viele Jobs mit sich bringt. Gerade im Bereich Urban Air Mobility wird viel geforscht, worüber wir in diesem Beitrag bereits berichtet haben.

Auf die meisten Drohnen-Sichtungen kam der Frankfurter Airport, gefolgt von München. Auf die Sicht-Meldungen ist zurückzugreifen, weil Drohnen durch den normalen Radar nicht zuverlässig erfasst werden können. Viele technische Projekte laufen, um den Flugbetrieb auf anderen Wegen abzusichern. So arbeiten Deutsche Flugsicherung und Deutsche Telekom daran, Drohnen über das Mobilfunknetz erfassen zu können – wozu Drohnen mit einer SIM-Karte ausgestattet sein müssten. Die European Aviation Safety Agency EASA und Vodafone suchen nach europaweiten Lösungen für ein Schutzsystem. Zur Abwehr gefährdender UAS (Unmanned Aerial Systems) oder UAVs (Unmanned Aerial Vehicles) nimmt global die Nachfrage nach Anti-Drohnen-Systemen ebenso entsprechend zu. High-Tech geht in viele Richtungen, sowohl in der Breite als auch in der Tiefe und natürlich in die Höhe:

Netzkanonen und Abfangdrohnen, „Jammer“ und Störsender

Erfassungs-, Identifikations- und Abwehrtechnologien loten laufend neue Ansätze aus. Abzugrenzen voneinander sind passive und aktive Maßnahmen, also Detektion und Aktion. Beim sogenannten „Jammen“ wird das Signal zwischen Drohne und Fernsteuerung mit einem Störsignal unterbrochen. Drohnen fliegen dann meist, entsprechend programmiert, wieder ihren Startpunkt an oder müssen landen. Das Problem bei einem solchen Muss in den Landemodus: Diese Jammer können komplette Funkbänder stören und sind damit zum Schutz von Flughäfen nicht uneingeschränkt geeignet.

Die Technologien für harte Methoden reichen vom Abschießen, beispielsweise mit Wasserwerfern oder Schusswaffen, über Fangnetze bis zu Schallwaffen. Auch Drohnen gegen Drohnen einzusetzen, also „Kamikazedrohnen“, sind eine Option. Jede harte Abwehr bringt dabei als Eingriff in einem zivilen Umfeld selbst Gefahren und Risiken mit sich.

Wie schwerwiegend die Kollision einer Drohne mit einem Flugzeug sein kann, suchen Testreihen und Experimente zu klären.

Gefährdungspotenzial für Piloten und Passagiere

So wie Vögel die Außenwand eines Flugzeugs beschädigen können, bringt auch die Kollision mit einer Drohne Gefahren mit sich. Noch gefährlicher als die unmittelbaren Kollisionsschäden können die Folgeschäden sein – etwa, wenn Teile aus der Außenwand oder von Motor oder Batterie der Drohne in die Triebwerke gelangen. Forscher der University of Dayton Research Institute haben 2018 simuliert, wie eine 1.000 Gramm schwere Drohne, also ein oft eingesetzter Quadrocopter, die Tragfläche eines kleinen Privatflugzeugs mit durchschnittlicher Reisegeschwindigkeit trifft. Der Schaden war nicht unerheblich, der Holm wurde beschädigt. Der zum Vergleich abgeschossene Vogel-Dummy riss auch das Blech, ließ aber den Holm ganz. Hubschrauber tragen dabei ein noch größeres Risiko, da sie zum einen niedriger fliegen als Flugzeuge und ihre Rotoren zum anderen ungeschützter sind.

Wenn der Flugzeug-Zusammenstoß mit einer Drohne mehr Schaden verursachen kann als eine Vogelkollision, welche präventiven Möglichkeiten sind dann praktikabel?

Sollbruchstellen in der Drohnenkonstruktion und Aufprallphysik

Kevin Poormon von der University of Dayton, der das Experiment mit dem Flugzeugflügel kommentierte, geht davon aus, dass Drohnen immer schwerer und größer werden. Schon allein, um mehr Masse zu transportieren. Man könnte aber „Drohnen so bauen, dass sie bei einem Aufprall leichter zerbrechen oder sie unterhalb eines bestimmten Gewichts halten“, so einer der Lösungsansätze.

Drohnen wachsen und schrumpfen mit ihren Möglichkeiten

Nicht nur der Transportsektor wie Paketdienste wird wirtschaftlich immer interessanter. Mit der Luftbildfotografie spielt die Aufklärung massiv mit, z. B. zur Kontrolle von Pipelines oder der Lageerkundung im Katastrophengebiet. Aber Drohnen sind mit ihren Möglichkeiten auch großer Freizeitspaß und Freizeit-Sport – an dem sich bestimmt auch einige WingMag-Leser begeistern. Einige Hobby-Drohnen können hochkomplexe Flugmanöver durchführen, in Formation fliegen oder den Piloten mit einer FPV-Brille aus der Sicht der Kamera seiner Drohne sehen lassen.

Wie sind dabei die Haftungsfragen geregelt, wenn aus Spaß Gefahr für andere werden kann?

Drohnen-Führerscheine für Flugkünstler und Drohnenversicherung

Seit Oktober 2017 müssen in Deutschland Steuerer von Geräten, die mehr als 2 kg Startmasse aufweisen, technische und rechtliche Kenntnisse nachweisen. Im gleichen Zuge dieses „Drohnen-Führerscheins“ wurden auch die Kennzeichnungspflichten novelliert: Jede Drohne, die mehr als 0,25 kg Abflugmasse hat, muss mit einem feuerfesten, sichtbaren Schild ausgestattet sein, um in einem Schadensfall den Drohnenhalter eindeutig ermitteln zu können. Deutsche Luftverkehrsverbände fordern hier weitaus schärfere Regeln. Lufthaftpflichtversicherungen sind in Deutschland, in Österreich und der Schweiz ab einem bestimmten Drohnengewicht abzuschließen.

Bei den gesetzlichen Regelungen geht es immer auch um den Überflug und das unerlaubte Eindringen in die sogenannten „sensiblen Zonen“ wie Flughäfen, Menschenansammlungen oder Anlagen zur Energieerzeugung:

LuftVG und LuftVO: Sensible Zonen – für Drohnen verboten

Drohnenflüge über Flughafengelände und deren Umkreis von 1,5 Kilometern sind in Deutschland untersagt und ein Straftatbestand. Der Sperrradius in Großbritannien wurde nach den Vorfällen von Gatwick auf fünf Kilometer ausgeweitet.

War es also Fahrlässigkeit oder gezielte Störung in London, um den Flugverkehr dort lahmzulegen? Das Risikopotenzial der Drohnen liegt natürlich auch in ihrem Missbrauchspotenzial für kriminelle oder terroristische Ziele.

Tatsache ist, dass Drohnen relativ billig sind – und entsprechend eingesetzt teuersten Millionenschaden anrichten können. Wie der Ausfalltag im Verkehrsknotenpunkt Gatwick belegt.

Über Zuständigkeiten, Gesetzesanpassungen und Reglementierungen, um den Drohnenverkehr für den Luftverkehr sicherer zu machen, wurde jüngst auch auf dem Fachkongress Drone Insights in Berlin intensiv debattiert. Und die Debatten gehen weiter. So fordert schon lange die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen eine Drohnen-Registrierungspflicht.

Hier haben wir zum Abschluss noch einen Bericht für euch zum Drohnenalarm in Gatwick:

von Reiner Hertl

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