Boeing 737 Max Grounding

Boeings Bestseller auf Halde – ein Jahr 737 Max Grounding (Teil 1)

Reiner Hertl
13.03.2020
5 Minuten

Jetzt Mitte März jährt sich das weltweite Flugverbot für den Krisenjet, sein Produktionsstopp kam zum Januar. Und damit kommt es für den US-Flugzeugbauer auch zur größten Produktionsunterbrechung seit 20 Jahren. Bis dieser bestverkaufte Flugzeugtyp wieder abhebt – Mitte 2020? – bleibt vieles am Boden. Eine kurze Chronik.

Boeing in der Bredouille und das Modell aus dem Flugverkehr gezogen

Die 737 Max erhält seit März 2019 keine Starterlaubnis mehr. Auch ein Auslieferungsverbot wurde weltweit verhängt. Seit bei zwei Abstürzen in Indonesien und Äthiopien 346 Menschen zu Tode kamen. Eine fehlerhafte Steuerungssoftware (MCAS) gilt als Hauptursache für die Unglücke von Lion Air und Ethiopian Airlines. Und nährte den Verdacht, dass die 737 Max im Wettbewerbsdruck zu übereilt auf den Markt gebracht wurde – für die Quartalszahlen. Boeing wies dies zurück, räumte aber Fehler ein:

Wenn wir damals alles gewusst hätten, was wir heute wissen, hätten wir eine andere Entscheidung getroffen.

Dennis Muilenburg – Damaliger und jetzt zurückgetretener Chief Executive Officer von Boeing bei einer Anhörung auf dem Capitol Hill im November 2019
Boeing 737 MAX
Boeing 737 MAX

Spannungen mit der FAA – die als Regulierer auch in der Kritik steht und unter Druck stand

Die US-Luftfahrtaufsicht FAA muss sich zum einen auch mit der Kritik auseinandersetzen, das Flugverbot nach dem ersten Flugzeugabsturz zu zögerlich veranlasst zu haben. Zum anderen sich gegen den Druck verwehren, den der damalige Boeing-Chef Muilenburg mit öffentlichen Äußerungen zur baldigen Wiederzulassung der 737 Max auszuüben versucht haben könnte. Bis sich FAA-Chef Steve Dickson im Dezember 2019 weitere Stellungnahmen von Boeing hierzu verbat. Auch soll das amerikanische Verkehrsministerium im Rahmen der Wiederzulassung der Boeing 737 Max die Schulungsanforderungen der FAA für die 737-Piloten überprüfen. Ein Simulatortraining für die Max-Piloten wird dabei schwierig, da es nur begrenzt Simulatoren für die 737 Max gibt. Dass für alle Piloten der Boeing 737 Max Simulatortrainings nötig sind, hat Boeing erst zu Jahresbeginn entschieden.

Und fast ein Jahr nach dem zweiten Absturz hat gerade jetzt Anfang März ein Untersuchungsausschuss des US-Kongresses zur Boeing 737 Max in einem vorläufigen Untersuchungsbericht schwere Anschuldigungen und heftige Vorwürfe erhoben: sowohl an Boeing als auch gegen die FAA. Ersterer wird unter anderem ein Mangel an Transparenz vorgeworfen. Zweitere habe ihre Pflicht bei der Erkennung entscheidender Sicherheitsprobleme im Rahmen der Zertifizierung des Flugzeugs nicht erfüllt.

Die FAA wiederum fordert von Boeing ein Millionen-Bußgeld, weil in die Jets der 737-Baureihe offenbar Sensoren verbaut wurden, die noch gar nicht zugelassen waren.

Rekapitulieren und rekonstruieren wir noch einmal: Mit einem Blick zurück auf das 737-Hauptwerk in Renton in Seattle, wo 12.000 Beschäftigte arbeiten. Und wo sich die produzierten, wartenden Max sogar schon auf Mitarbeiterparkplätzen stauen, in Warteschleife stehen. Auch diese Bilder gingen um die Welt.

In diesem Video seht ihr Luftaufnahmen der auf den Boden verbannten Flugzeuge Boeing 737 MAX auf dem Boeing-Feld in Seattle:

Geparkt und gewartet: die fast 400 fabrikneuen Exemplare

Es ist nicht nur der Platzmangel in Renton. Alle vor dem Produktionsstopp noch gefertigten Flugzeuge werden laufend inspiziert. Der MRO-Bereich (Maintenance, Repair and Operations – Wartung, Reparatur und Betrieb) ist für die zwischengelagerten Maschinen ständig im Einsatz. Dabei tauchen auch immer wieder neue, zu lösende Probleme auf. Erst ein potenzielles Problem in der Verkabelung. Dann wurden jüngst im Februar in den Treibstofftanks einiger Maschinen Fremdkörper gefunden. Was Boeings 737-Produktionsmanager Mark Jenks als „absolut inakzeptabel“ apostrophierte und darauf Betriebsabläufe aktualisierte.

Während die Max groundet, liegen viele Hoffnungen boeingseits jetzt auf dem größten zweistrahligen Flugzeug der Welt. Das eigentlich schon im Sommer 2019 hätte erstfliegen sollen, jetzt im Januar 2020 verspätet startete – und auf das Erstkunden bauen:

Neuer Hoffnungsträger Boeing 777x, die Boeing 737 Max-Krise wird zur Belastung

Über den Jungfernflug des Nachfolgermodells der Boeing 777 hatte WingMag euch ja im Januar schon berichtet. Und das Modell der nächsten Generation und Superlative profund porträtiert, auch im Zusammenhang mit dem Bruchtest. Erstkunden wie die Lufthansa oder Emirates haben sich aber noch in Geduld zu üben, Boeing hat die ersten Lieferungen auf 2021 verschoben. Hunderte Bestellungen liegen insgesamt schon vor.

Boeing 777X
Boeing 777-9X über den Wolken

Während insgesamt im ganzen Januar 2020 die Verkehrsflugzeugsparte des Konzerns laut Mitteilung nicht eine einzige Bestellung verbuchen konnte. Das meistgefragte Modell Boeing 737 Max, mittlerweile vom Bestseller zur Belastung geworden, hat Bestellungen im vierstelligen Bereich: rund 5.000 737 Max-Flugzeuge wurden von 107 Kunden geordert.

In der Summe musste Boeing aber auch aufgrund der Auswirkungen des Startverbots der 737 Max den Titel der Weltmarktführerschaft mittlerweile wieder an den europäischen Rivalen Airbus abgeben – erstmals seit 2011. Aber kann Airbus wirklich davon profitieren?

Auswirkungen des Groundings – wie die Krise Kreise zieht

Im zweiten Teil unseres Beitrags (coming soon) zu einem ganzen Jahr Boeing 737 Max-Startverbot resümieren und rekonstruieren wir weiter: Welche Auswirkungen hatte und hat das Grounding bislang auf Zulieferer, die Boeing-Supply-Chain? Auf Fluggesellschaften und Fluglinien, auf die Luftfahrtindustrie insgesamt, auf Passagiere und Piloten? Und konkret auch auf den Boeing-Konzern selber und seine Belegschaft. Und mit welchen Maßnahmen und Anstrengungen konnte und kann hier verlorenes Vertrauen zurückgewonnen werden? Das Vertrauen der Aufsichtsbehörden, das Vertrauen der Lieferketten und das Vertrauen der Fluggäste. Boeing bewegte in diesem Max-Grounding-Jahr sehr viel. Und wird noch mehr Aufwand betreiben müssen. Bis die 737 Max wieder Aufwind bekommt und abhebt.

Titelbild © Wikimedia Commons SounderBruce

von Reiner Hertl

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