Das kaspische Seeungeheuer - Ekranoplan

Ekranoplan, das kaspische Seeungeheuer

Arnold Fischer
09.01.2018
4 Minuten

01. April 1969. Ein Fischer ist gerade dabei, ein Fischernetz ins kaspische Meer hinunterzulassen, als er ein metallisch kreischendes Geräusch am Horizont wahrnimmt, das Meer schien plötzlich zu beben. Sekunden später, ist der Lärm ohrenbetäubend und es kommt etwas auf ihn zu, was er nur als Monster bezeichnen kann. Es ist das gefährlichste, hässlichste und lauteste Ding, was er je gesehen hat. Es jagt ihm Angst ein. Von anderen Fischern hat er gehört, es ginge das „Kaspische Seeungeheuer“ um. Das unglaublich laute Monster kommt näher, riesige Wasserfontänen begleiten es. Nein, das ist kein Ungeheuer denkt er, dazu sieht das „Ding“ viel zu technisch aus. Wenige Sekunden später ist es weg, als wäre es nie dort gewesen, es bleibt nur die kochende Gischt übrig.

Das kaspische Seeungeheuer und der Bodeneffekt

Seit den Anfängen der Fliegerei haben immer wieder schlaue Köpfe versucht, etwas Bedeutendes oder grundlegend Neues zu erfinden. Mehr oder weniger erfolgreich. Bereits früh war den Konstrukteuren und Ingenieuren auf der Welt klar, dass es so etwas wie einen „Bodeneffekt“ geben musste. Sie beobachteten, dass Flugzeuge in Bodennähe wesentlich länger schwebten und eben hier ihren geringsten Energieverlust hatten. Mit Bodeneffekt ist allerdings die direkte Bodennähe, also wenige Meter gemeint. Hier Flugzeuge fliegen zu lassen, verbietet sich schon alleine aufgrund vielfältig auftretender Hindernisse von selbst. Außer auf dem Meer natürlich.

Der russische Schiffs- und Flugzeugkonstrukteur Rostislaw Alexejew überlegte Anfang der 60er Jahre, ob man diese Tatsachen nicht mit dem Vorteil kombinieren könnte, unter dem Radar zu fliegen. Mithilfe dieses gewaltigen Flugobjekts wollte die Sowjetunion die Machtverhältnisse im Kalten Krieg gegen die USA zu ihren Gunsten wenden. Regierungschef Nikita Chruschtschow hatte dem Entwickler unbegrenzte Mittel gewährt. „KM“, abgekürzt für „korabl-maket“: Schiffsentwurf, lautete die Bezeichnung für das neuartige Gefährt. „KM“ brachte es auf eine Länge von über 90 Metern und bei 22 Metern Höhe, 37 Metern Spannweite sowie einem Startgewicht von weit über 544 Tonnen auf knapp 500 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Auch die USA bekamen Angst vor dem kaspischen Seeungeheuer

Knapp ein Jahr nach dem ersten Testflug überflog ein US-Spionagesatellit das Kaspische Meer. Wenig später werteten Analytiker die Aufnahmen aus und starrten ähnlich schockiert wie der Fischer auf ein stark vergrößertes Foto von einer sowjetischen Basis – und einem riesigen unbekannten Objekt. Auch sie bekamen Angst bei diesem Anblick. Angst vor dem, was sie sahen und Angst vor einem gravierenden Fortschritt des russischen Militärs. Schließlich waren die Russen in der bemannten Raumfahrt anfangs schneller gewesen.

Nach dem ersten Entwurf folgte noch eine zweite, kleinere und eine dritte, wieder größere Version mit Abschussrampen für Raketen. Dieses „Lun“ genannte Ekranoplan sollte im Ernstfall die amerikanischen Flugzeugträger-Verbände vernichten. Eine Zukunft war dem „Kaspischen Seeungeheuer“ allerdings nicht beschieden. Zwar flog es mehrere Geschwindigkeitsrekorde, hatte jedoch mit unruhigem Flugverhalten bei Seegang zu kämpfen und verunfallte schließlich bei einem Testflug, bei der sich die Besatzung noch rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Wer weiß, vielleicht hat sie ein Fischerboot gerettet.

Auch wenn dem Ekranoplan zunächst keine Zukunft beschieden war, so könnte sich das nun ändern, denn Russland arbeitet an einem Nachfolger – das kaspische Seemonster lebt wieder … 

von Arnold Fischer

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