Ära Überschall

Er liebte die Königin der Lüfte – die Concorde (Teil 2)

Martina Roters
10.06.2020
8 Minuten

Der frühere Concorde-Pilot André Verhulst versetzt uns in die fantastische Ära des Überschall-Passagierflugs: Paris – New York in nur 3 ½  Stunden. Als Düsenjet-Fliegen noch teilweise echte Handarbeit war… Kennt ihr bereits den ersten Teil des Interviews?

Interview mit André Verhulst – Teil 2

Die erste Zeit nach dem schrecklichen Unfall

Die Air France war die erste, die alle Flüge abgesagt hatte, British Airways kurz darauf. Es folgten die Trauerfeiern für unsere Kollegen – ich habe sie alle persönlich gekannt:

Den Kapitän, Christian Marty, hatte ich persönlich ausgebildet. Er war ein feiner Mensch und eine außergewöhnliche Sportskanone und hatte 1981 den Atlantik von Dakar bis nach Kourou in Französisch-Guayana auf einem speziell konstruierten Surfbrett überquert, nur von einem Boot begleitet. Er hatte das Brett nie verlassen und sogar die Nächte darauf verbracht!

Der Copilot, Jean Marcot, war Ausbilder wie ich. Als ich 1998 Prüfung hatte, war er dabei. Den letzten Heilig Abend hatten wir in New York miteinander verbracht.

Mit dem Bordingenieur, Gilles Jardinaud, bin ich viel geflogen – auch auf anderen Flügen, nicht nur mit der Concorde.

Ich kannte auch die Flugbegleiter alle. Bei der Concorde gab es nicht so viele – wir sind regelmäßig miteinander geflogen. Eine Stewardess, Brigitte Kruse, war Deutsche.

Nachdem die Concorde, die noch in New York war, heimgekehrt war, fragten wir uns alle, ob sich unser „schöner weißer Vogel“ je wieder in die Lüfte erheben würde.

In Paris gab es eine Trauerfeier in der Kirche La Madeleine und eine auf dem Flughafen Charles de Gaulle, dann kamen noch die Beerdigungen unserer Freunde.

Jedes Jahr veranstaltet die APCOS, (l’Amicale des Professionels de Concorde et du Supersonique) eine Gedenkfeier an das Unglück von Flug AF4590 und besucht die Gedenkstätte am Südende des Flughafens Charles de Gaulle (Zutritt nur für Hinterbliebene und Freunde).

Concorde
Der letzte Flug der Concorde

Flugverbot! Die Zeit des Groundings

Es wurde ziemlich schnell klar, dass Hersteller und Behörden weitermachen wollten und technische Lösungen suchten, um bloß nicht nach einem Fehlschlag aufzuhören!

Der Präsident der Air France, Jean-Cyril Spinetta, teilte uns mit, dass die Flugpause mindestens ein Jahr anhalten könnte, wenn es aber 18 Monate würden, dann wäre eine Wiederkehr unmöglich. Air France wollte also seine technischen Mannschaften flugbereit halten: Wir waren 12 Kapitäne und noch mal genauso viele Copiloten und Bordingenieure. Jeden Monat hatten wir Training im Flugsimulator. Als Ausbilder kamen bei mir viele Simulatorstunden zusammen.

Wir wurden auch ständig auf dem Laufenden gehalten, über die Untersuchung, über die Anpassungen …

Folgende Anpassungen hatten die Behörden vorgesehen, so dass sich die „schreckliche Verkettung unglücklicher Umstände“ (die bei der Abnahme niemand vorhergesehen hatte) niemals mehr wiederholen sollte:

Die Firma Michelin war damals noch familiengeführt, die Leitung war sehr aufgeschlossen und konnte schnelle Entscheidungen treffen. In Rekordzeit wurden neue Produktionsformen für die benötigte Reifengröße hergestellt und dank der motivierten Michelin-Mannschaft auch rasch gefertigt. Die anschließenden Tests am Prüfstand, bei denen der Reifen über genau solch einen Metallstreifen fahren musste, wie jenen, der die Katastrophe ausgelöst hatte, zeigten, dass die Reifen standhielten. Es hieß ja schon in der Michelin-Werbung um 1900: „Der Michelin-Reifen schluckt das Hindernis!“

Schon im April 2001 war ich auf Überführungsflug zum Militärflughafen Istres, wo die Concorde F-BTSD zum Testeinsatz kam.

Im Mai erhielten wir eine Einladung nach Clermont-Ferrand, zum Michelin-Firmensitz, wo man uns alles zeigte: Die Fabrik, die Prüfstände, Filmaufnahmen der Tests etc.

Die Auskleidung der Tanks mit Kevlar-Verstärkungen schritt auch voran, obwohl das angesichts der Enge im Tank eine sehr schwierige Arbeit für die Mechaniker war.

Im Juni begannen die Re-Qualifizierungen für die Crews, am 30. August gab es die ersten Nicht-Linienflüge in Châlons-Vatry im Beisein des Verkehrsministers Jean-Claude Gayssot.

Am 5. September wurde die Wiederzulassungsurkunde ausgestellt. Mittlerweile waren wir am Flughafen Châteauroux im Trainingslager für alte und neue Piloten und Bordmechaniker. Unsere Kollegen und Kolleginnen vom Kabinenpersonal waren zu Überführungsflügen eingeladen.

Zwischen zwei Trainings-Sessions dort platzte die Nachricht vom Attentat auf das World Trade Center … Wegen des Attentats wurde die Wiederaufnahme der Concorde-Flüge auf Anfang November verschoben.

Endlich dann, am 12. November 2001, flog ich wieder: Flug AF002 von Paris nach New York.

Aerogramm - Concorde

von Martina Roters

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