Magic VVV - E-Wasserflugzeug - Harbour Air - MagniX - E-Verkehrsflugzeug

Erstes E-Wasserflugzeug der Welt schlägt internationale Wellen

Esther Nestle
24.12.2019
4 Minuten

Intro – E-Wasserflugzeug

Es war ein sehr spezielles Wasserflugzeug, das am 12. Dezember in Vancouver auf leisen Sohlen abhob und über den Augen etwa hundert Schaulustiger seine zukunftsweisende Runde über den Fraser River drehte. Eigentlich sah alles aus wie immer – und doch wurden die Schauenden Augenzeugen der weltersten E-Wasserflugzeug-Luftpartie. Sie sahen, wie das altgediente Wasserflugzeug seine Feuertaufe in der Luft mit Bravour bestand. Läutet dieser ungewohnt knatterfreie Rundflug den Beginn des elektrischen Luftfahrt-Zeitalters ein?

Magic VVV – Verkehrsflugzeug-Vancouver-vollelektrisch

Auch im kanadafernen Deutschland berichteten viele Medien über magic VVV. Viele TV-Sender, Radiosender, Zeitungen ließen es sich nicht nehmen, VVV auf ihren sozialen Kanälen in bewegten Bildern zu teilen und zu kommentieren. Das bis auf wenige Ausnahmen jedoch in eher dürren Worten. Weshalb wir die allgemeine Informationsdichte gerne etwas aufpolstern.

Nordpazifische E-Doppelachse

VVV hat zwei Unternehmer-Väter, beide an der Küste des Nordpazifik.

1. Airline Vancouver. Operiert mit 42 Bibern.

Harbour Air zählt zu den weltgrößten Wasser-Fluggesellschaften. Die Lage der Airline-Base in Vancouver ist perfekt gewählt, um als Drehkreuz zwischen internationalem Flughafen und kanadischem Outback zu fungieren.

Zwischen Wäldern und Wassern. Viele Menschen an der von Wasseradern und Seen durchzogenen Westküste Kanadas sind verkehrstechnisch abgeschnitten vom Rest der Welt. Als pulsierende Lebensader versorgen 42 robuste DHC-2 Beavers (zu Deutsch: Biber) die Canadian Outbackers mit wichtigen Dingen, wie zum Beispiel Medikamenten. Jährlich 500.000 Passagiere transportieren diese Wasserflugzeuge in die Zivilisation und zurück in die Einöde.

2. Ingenieurs-Team Seattle. Ihre Spezialität? E-Antriebe.

Just auf der anderen Seite der US-kanadischen Grenze liegt Seattle. 230 Kilometer trennen die beiden Städte Seattle und Vancouver voneinander, für amerikanische Größenverhältnisse kaum mehr als ein kräftiger Steinwurf.

MagniX heißt die in Seattle ansässige Ingenieursfirma, die den E-Antrieb für ihren kanadischen Nachbarn entwickelte. Das Besondere: Mit ihrem Antriebssystem magni500 ist das Team in der Lage, bestimmte ein- bis zweimotorige Flugzeugtypen nachzurüsten, so auch die DHC-Beaver. Der Clou: In Frage kommende Fluggesellschaften können ihre sehr langlebigen Maschinen dank magni500 einer Frischzellenkur unterziehen.

Ein unwiderstehliches Angebot? Harbour Air biss an und hob mit seiner ersten magni500 umgerüsteten DHC-Beaver ab (zunächst testhalber). Der E-Prototyp des Wasserflugzeugs kann sechs Passagiere 160 Kilometer in die kanadische Pampa rein- und wieder rausbefördern; laut Firmenchef McDougall für die meisten Harbour Air-Flüge absolut ausreichend.

Es kommt nicht von ungefähr, dass ausgerechnet in Seattle eine Innovations-Welle für die womöglich nächste Aircraft Generation zur Startposition rollt: Die erste Boeing wurde hier einstens zusammengelötet. Jahrzehntelang hatte The Boeing Company als weltgrößter Hersteller von Luft- und Raumfahrtechnik seine Schaltzentrale in diesem eher beschaulichen Umfeld, bis das Unternehmen 2001 nach Chicago weiterzog. Zurück auf dem ehemaligen Boeing Field blieb das Museum of Flight, das von den Heldentaten der Gebrüder Wright bis hin zu modernster Weltraumforschung alles beherbergt, was das Fliegerherz so begehrt.

Zwei wasserdichte Vorteile

1. Kostenvorteil der Erste:

Eine E-Antrieb-Aufladung ist ungleich billiger zu haben als konventioneller Treibstoff.

2. Kostenvorteil der Zweite:

Elektromotoren sind deutlich einfacher „gestrickt“ als ihre Verbrennungsmotor-Kollegen = weniger Bauteile, weniger Komplexität. Die Folge: Weniger „runterfallende Maschen“. Und wenn doch mal, dann sind sie in den meisten Fällen schneller und leichter wieder behoben. Millionen an Wartungskosten fallen weg.

Rentabilität und Umweltfreundlichkeit reichen einander die Hand. Welch unschlagbare Kombi!

40 Verkehrsflugzeuge werden über das Wasser E-wandeln …

… und natürlich auch über Land. Harbour Airs gesamte Biber-Flotte soll nach der Test- und Genehmigungsphase umgerüstet werden. Prompt blubbern in Social Media eine Menge Unkenrufe an die Oberfläche. „Nette Spielereien ohne praktischen Nutzen“. „Mehr Stehzeug als Flugzeug“. „Publicity-Gag“. „Geht feiern, wenn ein A380 voll elektrisch von München nach New York fliegt ohne Zwischenlandung“.

Bertha Benz und ihre welterste Auto-Fernfahrt von Pforzheim nach Mannheim hat auch niemand gefeiert. Klar: Von einem generellen Umstieg des weltweiten Luftverkehrs auf Elektroantriebe kann noch nicht die Rede sein. Aber es sei die Frage erlaubt: Wem gehört die Zukunft – den Unkenrufern, Perma-Nörglern, Miesmachern oder den Mutigen, Querdenkern, Visionären?

Titelbild – Das erste E-Wasserflugzeug startete in Vancouver, Kanada / © Pixabay Chris1007

von Esther Nestle

Related Posts