Boeing 767 - Langstreckenflüge - ETOPS

ETOPS – Kleine Flugzeuge auf großer Reise

Tim Takeoff
22.10.2019
4 Fotos
5 Minuten

Im Zeitalter der Verkehrsflugzeuge ist es beinahe schon zu einer Selbstverständlichkeit geworden, größere Distanzen in immer kürzerer Zeit zu überbrücken. Über die Jahre etablierten sich immer mehr Hauptverkehrsadern der Lüfte.

Abgeschiedene Routen

Manche Routen führen allerdings über weitgehend abgeschnittenes Terrain oder große Ozeane. Die auf diesen Langstrecken eingesetzten, großen „Widebodies“ benötigen in Notfällen auch dementsprechend ausgebaute Flughäfen und Landebahnsystemen. Der Gesetzgeber gibt ohne weitere Genehmigungen vor, dass ein adäquater Ausweichlandeplatz für ein Flugzeug mit nur zwei Triebwerken vorerst nicht weiter als 60 Flugminuten entfernt liegen darf. Diese Regel beruht auf einer Vorgabe der US-Amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA und wurde weltweit etabliert.

Die Stundenkreise

Der Flugplaner, auch Dispatcher genannt, versucht so um alle Flughäfen entlang der Route einen Kreis von 60 Flugminuten zu ziehen. Dabei muss sich jeder dieser Kreise überschneiden, ansonsten dürfte der Flug erstmal nicht durchgeführt werden. Um nun beispielsweise Flüge über den Atlantik zu ermöglichen, müsste man große Umwege über Island, Grönland und Nordkanada fliegen. Dies ist oft nicht optimal, da die großen Jetstreams in diesem Bereich den Flug maßgeblich beeinflussen. Direktere Routen über 60 Minuten Flughafenreichweite mussten etabliert werden.

Der frühe Erfolg der Drei- und Vierstrahler

Auf den meisten Routen lohnte sich der Einsatz großer Jets wie der Boeing 747 oder dem Airbus A340 für die Airlines nicht. Zu geringe Auslastung ist hier nicht wirtschaftlich. Es war der Beginn des Erfolges der damaligen Dreistrahler, wie der McDonnel Douglas MD11, oder der Lockheed Tristar. Durch ihre Unabhängigkeit, selbst bei einem Triebwerksausfall, erlaubten die Luftfahrtbehörden den Verzicht auf die Stundenkreisregelung. Schlagartig reduzierten sich die Reisezeiten über die sogenannten „Remote Areas“ extrem. Flüge über Atlantik, Pazifik, weite Teile Russlands oder das Hochland von Tibet konnten über direkte Routen durchgeführt werden.

Zweistrahler siegt

Durch immer modernere Triebwerke und Flugzeuge stellten sich auch die Dreistrahler auf Dauer als nicht mehr ökonomisch heraus. Neuentwickelte Zweistrahler wie die Boeing 767/ 777 oder der Airbus A330 wurden in genauer Absprache mit den Behörden entwickelt und mussten zahlreiche Kriterien (Redundanz etc.) erfüllen, um auch mit zwei Triebwerken diese direkten Routen bedienen zu dürfen. Flugzeuge mit einer solchen Zuverlässigkeit, erhielten im Jahre 1985 erstmalig die Zulassung als ETOPS (Extended-Range Twin Engine Operation).

ETOPS will verdient werden

Um eine solche ETOPS-Zulassung zu erhalten, genügte es für den Betreiber jedoch nicht einfach einen solchen Flugzeugtyp in die Flotte einzukaufen. Der Gesetzgeber erhöht die ETOPS-Zulassung schrittweise, je nachdem wie zuverlässig die jeweilige Airline diesen Typ operiert. Dabei kommt es auch darauf an, welche Triebwerke montiert sind. Die Hersteller lassen dem Betreiber meist eine Wahl aus mehreren Herstellern.

Moderne Flugzeuge wie etwa der A380 oder die B747-8 erhalten direkt vom Erstflug an ETOPS-Zulassungen von 330 Minuten oder mehr. Mit der Geburt der modernen Zweistrahler, Boeing 777/ 787 und Airbus A330/ A350 wurde eine Zulassung für ETOPS direkt in den Entwicklungsprozess einbezogen. Sie haben eine hohe technische Redundanz und wurden von den Behörden dementsprechend zertifiziert.

Voraussetzungen für ETOPS

Flughäfen, die für ETOPS-Flugplanungen in Betracht gezogen werden dürfen, müssen die unterschiedlichsten Kriterien erfüllen. Spezielle Anflugverfahren, Instrumente zur Bestimmung des Wetters, Feuerwehr und weitere Einrichtungen müssen vorhanden sein. Alle Piloten werden für ETOPS speziell geschult und jeder Bereich, der mit ETOPS beflogen wird, hat im Ernstfall eigene Verfahren, wie beispielsweise bei einem Triebwerksausfall oder anderen Problemen operiert werden muss. Dies betrifft zum Beispiel auch die Unterkunft der Passagiere und wie diese vom Ausweichflughafen an ihr Ziel kommen.

Wetterminima

Bereits bei der Flugplanung müssen im ETOPS-Bereich gewisse Aufschläge auf die Wetterminimas der Flughäfen angewendet werden. Ist die Wetterprognose zu schlecht, muss der Dispatcher einen anderen Flughafen für die Planung heranziehen. In der Luft müssen sich die Piloten dann vor dem Einflug noch einmal über das aktuelle Wetter informieren. Hier kommen dann keine weiteren Aufschläge hinzu, der Flughafen muss anfliegbar sein.

Entry-, Exit-, und Equi-Time Point

In der Luft spricht man beim Ein- und Ausflug in den ETOPS-Bereich von Entry- und Exit-Point. Diese befinden sich immer am Ende des nächsten 60-Minuten-Kreises eines erreichbaren Flughafens. Entfernt sich der Jet weiter als 60 Minuten von einem dieser Plätze, ist er „ETOPS gegangen“, wie Piloten im Fachjargon sagen. Erst wenn wieder ein 60 Minuten Kreis erreicht werden kann, hat man einen EXIT-Point erreicht. Auf der Route kann es also mehrere ETOPS-Bereiche geben, wenn man sich wieder aus einem Stundenkreis entfernt. Innerhalb der ETOPS-Area gibt es dann noch einen sogenannte ETP (Equi-Time-Point). Dieser Punkt ist vorher unter Berücksichtigung des Windes exakt berechnet worden. Er beschreibt den Punkt auf der Route, an dem beide ETOPS-Flughäfen in gleicher Zeit erreicht werden können. Überfliegt man diesen Punkt, würde man im Notfall also zum nächsten ETOPS-Flughafen weiterfliegen, anstatt umzudrehen. Im Cockpit können sich die Piloten all diese Punkte auf die verschiedensten Weisen direkt anzeigen lassen.

ETOPS-Treibstoff

Im Bezug auf den Treibstoffvorrat muss auf ETOPS Rücksicht genommen werden. Sollte der letzte ETOPS-Ausweichflughafen weiter weg liegen als der anzufliegende Zielflughafen, sprich der benötigte Sprit für so eine Ausweichlandung höher sein als der verbleibende Resttreibstoff, muss sogenannter ETOPS-Fuel dazu getankt werden. Somit ist zu jeder Zeit eine sichere Ausweichlandung gewährleistet, selbst wenn im ungünstigsten Zeitpunkt ein Problem auftritt. Moderne Zweistrahler wie die Boeing 777/ 787 oder Airbus A350 können sogar mit nur einem Triebwerk über drei Stunden zu ihrem nächsten ETOPS-Ausweichflughafen (Alternate) fliegen.

Wenn man also beim nächsten Mal in die USA oder nach Asien fliegt, ist es sehr wahrscheinlich, dass man sich auf einem ETOPS-Flug befindet. Wer mehr über die Fliegerei über dem Atlantik oder die Planung von Flugzeugtreibstoff wissen möchte, dem empfehlen wir unsere Artikel.

Mehr zum Thema ETOPS erfahrt ihr außerdem in diesem Video (Englisch):

von Tim Takeoff

Related Posts