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FACC – Cabin Interiors Teil 2: Flugzeugkabine, wohin fliegst du?

Esther Nestle
06.09.2019
3 Fotos
5 Minuten

Wo geht die Reise für Flugzeugkabinen hin? Letzten Sommer ging die FACC AG eine richtungsweisende Allianz ein, die dem österreichisch-chinesischen Unternehmen den direkten Zugang zu den Airlines ebnete. Über diese neu gegründete Plattform entwickeln die beteiligten Unternehmen die Interior-Standards von morgen.

Interview mit FACC

Zwei komplementäre Marktzugänge. Klingt nach einem pfiffigen Fertigungsverbund.

So ist es! Die zwei Marktzugänge ergänzen einander perfekt. FACC hat den direkten Draht zu den OEM, unsere Partner zu den Airlines. Gesteuert wird dieser Firmenverbund namens AVIC Cabin Systems Ltd. über die neu gegründete Holding der AVIC Gruppe. Der chinesische Flugzeugkonzern AVIC ist ja schon über viele Jahre hinweg FACC Kernaktionär. Jetzt decken wir vollumfänglich sämtliche Bereiche der Flugzeugkabine ab. Mit geballter Kompetenz vom Eingangsbereich über die Küche bis hin zur Hauptkabine.

Genug Kompetenz, um auch die Kabine der Zukunft neu zu denken?

Greifen wir als Beispiel das Thema `Sitze´ heraus. Die Fluglinien haben ein „natürliches Interesse“ an einem Maximum an Sitzen. Gleichzeitig möchten die Passagiere mehr Platz. Es geht um den richtigen Mittelweg, um die Bedürfnisse beider Seiten bestmöglich zu kombinieren.

Der Kampf um jeden Millimeter.

Nehmen wir den wenig beliebten Mittelsitz. Wie können wir den B-Sitz aufwerten? Den Komfort steigern, ohne die Wirtschaftlichkeit der Airlines aus den Augen zu verlieren? Die Effizienz muss passen, die Abgrenzung zum Mitbewerber ebenso. Derlei Konzepte entwickelt man jedoch nur, wenn die Kompetenz aus allen Bereichen mit an Bord ist und man in den unterschiedlichen Sparten zusammenarbeitet. Im Gespräch sind zum Beispiel B-Sitze, die etwas nach hinten und unten verlagert werden, für mehr Armfreiheit an den Armlehnen. Oder flexible, verschiebbare Gangsitze.

Oder nehmen wir das Gepäckfach. Viele Gäste wollen weniger Gepäck einchecken, dafür mehr Handgepäck in die Kabine nehmen. Auch dem Trend gehen wir nach: Wir entwickeln intelligente Designs, die mehr Platz bieten ohne mehr Platz zu verbrauchen. Das Ziel werden wir mit einem effizienteren Design und einer besser angeordneten Bauweise erreichen. Leichtigkeit und Kapazität müssen gleichzeitig optimiert werden.

Welche Rolle spielt die Nachhaltigkeit in Ihren strategischen Überlegungen?

Das Thema steht bei uns ganz oben auf der Agenda und prägt die FACC durch den Fokus auf Leichtbau seit 30 Jahren. Man muss ehrlich sagen: Nachhaltigkeit war für viele lange ein Feigenblatt, auch in unserer Branche. Aber man sieht jetzt eine neue Ernsthaftigkeit. Da ist eine ganze Branche am Umdenken.

Das betrifft aber nicht nur das Fliegen selbst. Was wir aktuell mit Hochdruck verfolgen: Wir haben einen noch stärkeren Fokus auf unsere Produktionsprozesse. Wir wollen noch Ressourcen-autarker werden und setzen hier auf nachhaltig produzierte Energie. Und wir wollen bislang chemisch basierte Produktionsverfahren in biologisch abbaubare Verfahren umwandeln. So haben wir unter anderem ein Prepreg (vorimprägnierte Fasern) auf Zuckerrohr-Basis entwickelt.

Die Flugzeuge werden immer leichter, weil die verbauten Materialien immer leichter werden, Stichwort Composites. Das ist eine unserer Kernkompetenzen! Leichtere Flugzeuge verbrauchen weniger Kerosin; an dieser Stelle gehen Profitorientierung und Nachhaltigkeits-Überlegungen übrigens schon länger Hand in Hand. Auch die aus unserem Haus stammenden Winglets leisten einen wertvollen Beitrag zur Treibstoffreduktion. Hier sind wir einer der größten Erzeuger der Welt.

Fakt ist: Nachhaltiges Handeln ist heute ein wichtiges Wettbewerbskriterium. Die Airlines fragen mehr und mehr danach. Da wird in nächster Zeit noch sehr viel passieren.

Im FACC Cabin Interior Portfolio steht auch die Flugzeugwartung. Klingt überraschend.

Passt aber sehr gut zusammen. Aftermarket Services sind ein neuer Geschäftsbereich, in den wir viel investieren. Unsere USP dabei ist: repair, refurbish und replace direkt vom Hersteller. Selbst arbeiten wir noch nicht am Flieger, das decken wir über unsere Partner ab. Man muss in diesem Geschäft sehr schnell sein, um die Flieger schnell wieder in die Luft zu bekommen. Auch hier spielen Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit zusammen. Reparieren ist besser als wegwerfen.

Dieses Segment wird immer wichtiger. Weltweit sprechen wir von einem Volumen von 75,5 Milliarden Dollar, rund 15 Milliarden davon fließen in die Supply Chain. Und da wollen wir unseren Marktanteil haben.

Letztes Jahr haben wir diesem Bereich ein eigenes Geschäftsfeld zugewiesen, mit eigener Struktur. Und verzeichnen seither eine hohe Wachstumsrate. Der weltweite Bedarf an Tuning, Reparatur und Refurbishment ist riesig!

Wie werden Flugzeugkabinen in Zukunft aussehen?

Vielleicht mit in Frachträumen eingezogenen Zwischendecks, zum Beispiel für Familien mit kleinen Kindern? Weitere denkbare Nutzungsmöglichkeiten für den Bereich unterhalb der Passagierkabine sind Lounge- oder Ruheabteile, die den Aufenthalt auf Langstrecken angenehmer gestaltet würden. Oder Stehbars im Businessbereich? Selbstbedienungstheken für Snacks und Getränke? Stehpulte für die Erledigung von Büroarbeit, bis hin zu transparenten Seitenwänden und digitalen Fenstern. Es gibt hier sehr viele spannende Konzepte. (WingMag-Tipp: Mehr Innovations-Infos zu Flugzeugkabinen findet ihr hier: Crystal Cabin Award)

Die Anlaufkosten für die Entwicklung innovativer Flugzeugkabinen sind hoch. Die Erwartungen aber auch. Am Ende wird der Markt entscheiden, was sich durchsetzt.

Wir sind gespannt! Danke für das Gespräch.

(*) Unser Interviewpartner: Andreas Perotti steht seit zwei Jahren dem Bereich Marketing & Communications der FACC AG vor. Der studierte Rechts- und Politikwissenschaftler ist begeistert von der Dynamik in der Aerospace-Branche, deren Themenvielfalt, die er der Öffentlichkeit präsentiert und sich nicht scheut, aus branchenüblichen Kommunikations-Mustern auch mal auszubrechen.

Hier geht es zum Imagevideo Avic Cabin Systems:

von Esther Nestle

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