Zeppelin - Friedrichshafen

Friedrichshafen – Wiege der Luftfahrt

Martina Roters
02.07.2019
4 Fotos
10 Minuten

Auf dem Wasser bauen –in die Luft abheben! Warum ausgerechnet am Bodensee Luftfahrt-Geschichte geschrieben wurde…

2. Juli 1919 – ein historisches Datum. Denn vor genau 100 Jahren gelang die erste Transatlantiküberquerung in einem Luftschiff! Um ein Haar wäre es sogar die erste Transatlantiküberquerung überhaupt geworden, wenn nicht… Doch beginnen wir am Anfang.

Wenn man an Luftschiffe denkt, denkt man an Zeppeline – und natürlich deren Erbauer Graf Ferdinand von Zeppelin.
Als junger Mann nahm er nach einer Audienz bei Abraham Lincoln als deutscher Beobachter am Sezessionkrieg teil. Dort erlebte er den militärischen Einsatz von Fesselballons und machte 1863 auch seine erste Ballonfahrt. Seither trieb ihn die Idee um, dass das Manko der Unlenkbarkeit irgendwie behoben werden müsse.

Zeppelin-Vorläufer

Der ungarische Luftfahrtpionier David Schwarz, ein vermögender Holzhändler, hatte sich der Konstruktion eines Starrschiffs mit einer Außenhülle aus einem damals neuen, leichten Werkstoff, dem Aluminium befasst.

Der für 1896 vorgesehene Jungfernflug seiner Konstruktion mit Gondel und Daimler-Motor-Antrieb musste verschoben werden, weil das gelieferte Wasserstoffgas nicht die erforderliche Qualität für den Auftrieb hatte. Es konnte erst 3 Monate später geliefert werden; tragischerweise starb er am Tag, als ihn die Nachricht über die Lieferung erreichte, an einem Blutsturz. Seiner tatkräftigen Witwe Melanie Schwarz war es zu verdanken, dass das Schiff am 3. November 1897 in Berlin Tempelhof doch noch startete. Es erreichte eine Höhe von 400 Metern, machte dann aber eine Bruchlandung.

Geldprobleme und Gegenwind

Sein späterer Chefkonstrukteur Ludwig Dürr erklärte in einem Ton-Interview:

Der Graf wollte für sein Schiff eine Halle haben, die sich stets in die Windrichtung einstellte. Er baute sie deshalb schwimmend auf dem See, die an ihrer Spitze verankert war. So konnten sie die Halle stets in die Windrichtung einstellen. Als weiterer Grund, dass der Graf sich für den Bodensee entschied, war, dass die große Wasserfläche nichts kostete. Im Frühjahr 1899 war die Halle fertig. Und sofort wurde mit der Montage des Schiffskörpers begonnen.

Ludwig Dürr, Chefkonstrukteur

Obwohl im verheißungsvollen ersten Jahr des 20. Jahrhunderts der erste Zeppelin in Friedrichshafen erfolgreich aufstieg, blieb der Graf in den Augen von Kaiser Wilhelm II. „der Dümmste aller Süddeutschen“. Aber das Volk begeisterte sich zunehmend für die „Zigarren“ am Himmel, wenn auch Graf Zeppelin – bedingt durch eine Reihe von Unfällen mit Luftschiffen – immer noch auch als „Narr vom Bodensee“ betitelt wurde.

Ein Unglück brachte die Wende

Um staatliche Gelder zu bekommen, sollte der Zeppelin seine Tauglichkeit unter Beweis stellen: durch eine 24-Stunden-Fahrt. Zu dieser startete Zeppelin am 4. August 1908 mit seinem 4. Luftschiff, der LZ4 zu einer Fahrt von Friedrichshafen über Basel, Straßburg, Mainz, und zurück nach Friedrichshafen.

Am Morgen des 5. August war das Schiff über Stuttgart-Echterdingen. Zunächst von der Bevölkerung als Sensation bejubelt. Doch dann hieß es, der Zeppelin sei gelandet. Sofort strömten Menschenmassen zur Landestelle, einer Wiese. Was war passiert? Es hatte einen Motorschaden gegeben! Dann zog ein Gewitter auf mit starken Sturmböen, der Zeppelin riss sich los, kollidierte mit Bäumen und ging in Flammen auf.

Tote gab es keine zu beklagen, aber es wäre der Todesstoß für das Projekt gewesen, wenn nicht spontan vor Ort, wohl durch die flammende Rede eines Unbekannten befeuert, die Menschen angefangen hätten, Geld zu spenden, um einen neuen Zeppelin zu bauen. Graf Zeppelin ergriff die Gunst der Stunde, ließ das Aluminium der Außenhaut einschmelzen und es wurde für die legendäre „Zeppelinspende des deutschen Volkes“ als Löffel und Schalen verkauft.

Geburtsstunde der Zeppelinsteine

An der Unglücksstelle wurde auch der erste „Zeppelinstein“ errichtet (Im Laufe der Jahre kam es zu vielen weiteren Zeppelinsteinen an von Zeppelin-Ereignissen geprägten Orten). Es handelte sich um einen Gedenkstein mit einem Konterfei des Grafen. Die Inschrift spiegelt die damalige nationale Begeisterung wider:

Bis zum Heiligen Abend erbrachte die Zeppelinspende sechs Millionen Mark, eine für damalige Verhältnisse ungeheure Summe. Zum Vergleich: Der Kaiser hatte Zeppelins Vorhaben mit ganzen 6.000 Mark bezuschusst.

„Babykillers“

Das Geld ermöglichte Zeppelin, die Luftschiffbau Zeppelin GmbH und die Zeppelin-Stiftung zu gründen. 1913 ließ er die Zeppelin Wohlfahrt gründen, die Friedrichshafen einen eigenen Ortsteil bescherte: Das Zeppelindorf. Hier wurden 76 Wohnhäuser gebaut, mit Obst- und Gemüsegarten und geeignet zur Kleinviehhaltung. Denn die Belegschaft wuchs und wuchs.

Nachdem das Heer die ersten Zeppeline gekauft hatte, wurden sie im ersten Weltkrieg zur Aufklärung und später auch zum Bombardement eingesetzt. Da die Luftschiffe prächtige Ziele für die zunehmend besser werdenden Flugzeuge abgaben, mussten sie höher und höher steigen, um sich über der Wolkendecke verstecken zu können.

Dadurch war die Sicht nach unten eingeschränkt; manche militärischen Ziele wurden verfehlt, dafür aber zivile Einrichtungen, wie Schulen und Krankenhäuser getroffen, was den Zeppelinen in der englischen Presse den Namen „Babykillers“ einbrachte.

Später wurde dann mit Spähkörben experimentiert, in dem ein Besatzungsmitglied in einer kleinen Gondel an einem fast kilometerlangen Stahlseil herabgelassen wurde, und das Luftschiff per Feldtelefon dirigieren konnte. Oder es wurde nur noch in nicht mondhellen Nächten gestartet.

Militärisch war die Bilanz nicht sehr positiv: Etwa zwei Drittel der 88 im Krieg produzierten Zeppeline ging verloren, die Hälfte davon abgeschossen, der Rest verunfallt. Dass dennoch sehr lange an ihrer Verwendung festgehalten wurde, lag sicher auch am psychologischen Effekt der „Babykillers“. Durch das Luftschiff-Bombardement hatten die Engländer die kollektive Vorstellung von der Unverwundbarkeit ihrer Insel eingebüßt.

Die erste Transatlantiküberquerung per Luftschiff – kein Zeppelin (nun ja, wie man’s nimmt)

Am 23.9.1916 war ein Zeppelin der R-Klasse – die auch Superzeppeline genannt wurden – unterwegs zur Bombardierung von London. Die englische Luftabwehr landete einen Treffer in einer der Gaszellen und der Zeppelin musste in Wigborough/Essex notlanden. Die Mannschaft setzte das Luftschiff in Brand (nachdem man übrigens an diversen Bauernhäusern angeklopft hatte, um die Einwohner vor der Explosion zu warnen).

Obwohl das Luftschiff komplett ausbrannte, verriet das rußgeschwärzte Metallgerippe noch genug. Die britische Regierung beauftragte die Firma „Beardmore Inchinnan Airship factory“, es nachzubauen: So entstanden die Schwesterschiffe R33 und R34 gerade mal eine Meile vom heutigen Flughafen Glasgow.

Die R34 hatte den Spitznamen „Tiny“, was natürlich typisch britischer Humor war, denn das Schiff war 196 Meter lang (das ist die Länge von nicht ganz drei A380!) und der Rumpf hatte einen Durchmesser von 24 Metern. Es wurde 1919 – also erst nach Kriegsende – fertiggestellt. Also sollte es sich anderweitig nützlich machen – mit einer Atlantiküberquerung!

Die Jungfernfahrt ging gut, bei einem späteren Test im März kam es allerdings nach kleineren Problemen in der Luft durch Fehler der Bodenmannschaft bei der Landung zu Beschädigungen an Propellern und Tragwerk. Durch die Reparatur verschob sich der Transatlantikstart und der Titel „allererste Non-Stop-Transatlantiküberquerung“ ging an die Piloten John Alcock und Arthur Whitten Brown in einem Flugzeug: Sie flogen am 14. Juni 1919 in einer modifizierten Vickers Vimy von Neufundland nach Schottland und erreichten ihr Ziel wohlbehalten in etwas mehr als 16 Stunden trotz Beinahe-Abstürzen und anderen erheblichen Problemen, u. a. Ausfall des Stromgenerators (kein Kreiselkompass, keine Heizung…)

Die R34 brach zwei Wochen später unter Leitung von Major George Herbert Scott von East Fortune nahe Edinburgh zu ihrer Fahrt nach New York auf: Mit 27 Mann Besatzung, drei offiziellen Passagieren, einem blindem Passagier und einer Katze (Der blinde Passagier, ein ursprüngliches Crew-Mitglied, das zugunsten eines amerikanischen Beobachters zurückstehen musste, hatte das Crew-Maskottchen auch noch mit an Bord geschmuggelt.)

Nach 108 Stunden und 12 Minuten erreichten sie ihr Ziel und wurden mit heulenden Sirenen und von einer jubelnden Menschenmenge begrüßt. Für die Rückfahrt brauchten sie übrigens dank günstiger Winde nur noch 75 Stunden.

Weltumfahrung! Zeppeline rund um die Welt

Auch der erste in Friedrichshafen gebaute Zeppelin sollte eine Amerika-Reise antreten: 1925 steuerte Zeppelins Nachfolger Hugo Eckener (der Graf war 1917 verstorben) persönlich die LZ 126 nach Lakehurst bei New York. In einer Radioaufnahme nannte er es „eine Märchenfahrt mit funkelndem Zauber“. Dort wurde der „Friedensengel“ (O-Ton Präsident Coolidge) als Reparationszahlung an die Amerikaner übergeben, die es dann als „USS Los Angeles“ in ihre Flotte aufnahmen.

Der populäre Eckener – der sogar eine Zeit als Reichspräsidentenkandidat gehandelt wurde, schaffte es, 2,3 Millionen Mark einzusammeln, was dann mit Eigenmitteln (0,8 Mio.) und Reichszuschuss (1,1 Mio.) ausreichte, um die LZ 127 „Graf Zeppelin“ zu bauen. Mit der trat er dann die Weltfahrt 1929 an, über Nordsibirien, Japan, nach Los Angeles und zurück nach Friedrichshafen.

Ab 1928 verkaufte die DELAG (Deutsche Luftschiffahrts AG), die erste Fluggesellschaft der Welt, Tickets für ihre Nordamerika-Linie, zwei Jahre später wurden die Südamerika-Linie nach Rio de Janeiro eingerichtet.

Mit der „Graf Zeppelin“ gab es auch eine Arktis- und eine Palästina-Fahrt.

Die Katastrophe

Die 1930 begonnene LZ 130 Hindenburg, „Queen of the skies“, sollte eigentlich eine Heliumfüllung bekommen – doch das unbrennbare Gas konnte nur bei den Amerikanern bezogen werden und die hatten schon ein Embargo gegen Deutschland erlassen aus Furcht, dass das Schiff militärisch verwendet werden könnte. Da nützte auch eine direkte Intervention Eckeners beim Präsidenten nichts.

Die Hindenburg fuhr zehnmal nach Lakehurst (NY) und siebenmal nach Rio, immer ausgebucht.

Am 6. Mai 1937 kam es bei der Landung in Lakehurst zu dem fatalen Unfall, bei dem das Schiff in Flammen aufging. Von 97 Personen an Bord starben 35 – durch Verbrennen oder Abspringen aus zu großer Höhe. Die emotionale Live-Radioreportage verankerte die Katastrophe im Gedächtnis der Weltöffentlichkeit.

Deutsche und amerikanische Untersuchungskommissionen kamen zu keinem eindeutigen Ergebnis. Es handelte sich vermutlich um eine elektrische Entladung in der Nachgewitterluft, möglicherweise durch die abgeworfenen nassen Landetaue, wodurch sich ausgetretenes Wasserstoffgas (vielleicht durch Reißen eines Spanndrahts) entzündet hatte.

Da Eckener niemals Helium zur Befüllung der Zeppeline bekommen konnte, bedeutete die Katastrophe das Aus für die Personenluftschifffahrt. Auch die LZ 127 Graf Zeppelin ging zwei Monate nach der Katastrophe außer Dienst.

Mehr zur Geschichte der Hindenburg erfahrt ihr in diesem Video:

Graf Zeppelins Weitsicht

Nicht nur hatte der Graf die Firmengründungen von für sein Luftschiff wichtigen Zulieferfirmen in Friedrichshafen unterstützt. Da war zum einen die Zahnradfabrik GmbH, die zusammen mit dem Schweizer Ingenieur Max Maag gegründet wurde, der ein Verfahren zur Herstellung von Zahnrädern bisher unerreichter Präzision entwickelt hatte.

Da waren auch die Maybach Motorenwerke, die zuverlässig die enorm leistungsfähigen Motoren für den Antrieb der Zeppeline lieferten.
Zeppelin hatte auch verstanden, wieviel Entwicklungspotenzial in der Fliegerei steckte.

Er ermöglichte seinem Mitarbeiter Claude Dornier 1913 den Besuch der V. Internationalen Ausstellung für Luftfahrt in Paris und förderte diesen mit seinen Ideen zu Flugbooten. Parallel betrieb er auch die Entwicklung großer Landflugzeuge.

Die Auferstehung des Zeppelins!

Heute sind nicht nur zahlreiche Zeppelin- und Eckener-Straßen Zeugen der Luftfahrt-Erfolgsgeschichte. Auch am Himmel kann man stellenweise einen Zeppelin NT erblicken. NT steht für Neue Technologie. Denn es handelt sich um halbstarre Luftschiffe. Nicht mehr so groß wie ihre Vorfahren, nur 12 Passagiere, mit einer Reisegeschwindigkeit von 70 km/h und natürlich heliumgefüllt.

Manche dienen Forschungszwecken, andere fliegen Touristen, z. B. über Paris. Einer lädt in Friedrichshafen – der Wiege der Luftfahrt – zum Einsteigen ein. Saisonal auch mal woanders.

Also wie wär’s?

von Martina Roters

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