Generationen-Klischees

Generationen-Klischees

Linda Luftikuss
15.04.2020
3 Minuten

Des Deutschen liebstes Reiseziel im Winter sind die Kanaren. Vor allem bei Menschen älteren Semesters, von uns liebevoll die Silbermöwen genannt.

Nennen wir ein typisches Pärchen einmal Erna und Herbert. Erna und Herbert fliegen also nach Gran Canaria, “um der kalten Winterszeit zu entkommen” wie es so schön im Reiseprospekt hieß. Sie sind für den vierstündigen Flug gut vorbereitet. Das Gepäck ist aufgegeben und sie kommen mit leichtem Handgepäck an Bord. Sie sind ordentlich angezogen, nicht „Team Jogginghose“.

Die Kategorie “gut angezogene Rentner” unterteilt sich in zwei Lager. Die schicken und die pragmatischen. In Team “schick” trägt Erna ihre neueste Bluse und Herbert hat sich einen feinen Zwirn übergestreift. Team “pragmatisch” kauft die Outdoorjacken im Partnerlook, passend zur beigen Outdoorhose. Man kann sich ausmalen, dass das gesamte Kleiderschrankkonzept nach dem Prinzip “Fifty Shades of Grey” unterteilt ist.

Haben wir die Reiseflughöhe erreicht, geht es mit der mitgebrachten Verpflegung los. Die selbst geschmierten Butterbrote von Erna werden aus der Tasche geholt und die fünf Euro für den Kaffee an Bord herausgekramt. Aus Erfahrung weiß man: Erna und Herbert trinken ihren Kaffee gleich. Bestellt sie ihn mit Milch und Zucker, antwortet er auf die Frage mit “Ich nehme das gleiche”.

Nach dem Service sieht man Erna und Herbert, wie sie Kreuzworträtsel lösen, Karten spielen oder in der regionalen Tageszeitung lesen. Nur selten sieht man sie mit Smartphones und Tablets oder Ohrstöpseln im Ohr. Obwohl die Umläufe auf die Kanaren für uns lange Arbeitstage bedeuten, sind es oftmals sehr angenehme Arbeitstage, die durch die Gäste entstehen: Das entspannte Publikum ist in guter Urlaubslaune, meist sehr höflich und geduldig.

Anders sieht es bei Wochenendflügen nach Prag, Budapest oder Dublin aus. Hier sind oftmals viele jüngere Menschen an Bord: Junggesellenabschiede, Kegelclubs oder andere Vereine. Zusammen verreisen sie, um ein kurzes aber intensives und oftmals feucht fröhliches Wochenende zu machen. Das fängt schon am Flughafen an, wo mit dem ein oder anderen Bier oder Sekt angestoßen wird. Angeschwipst und hibbelig kommen die Grüppchen an Bord, wo es mit dem Trinken und Vorfreudig sein weitergeht. Oft werden beim Bording schon die ersten Getränkebestellungen aufgegeben.

Die Musikbox ist auch am Start, wir erinnern sie kurz daran, dass sie nicht die einzigen an Bord sind und müssen leider den Spielverderber spielen, mit der Bitte die nächste Stunde ein bisschen ruhiger zu sein. Immerhin geht die Party ja vor Ort weiter. Meistens ist das Verständnis dafür da, aber ab und zu schlägt das auch schon mal um.

Einmal musste ich eine Gruppe von sechs Männern, alle um die 30 Jahre alt, umsetzen. Die waren einfach so laut, dass es für andere Gäste beängstigend wurde. Ich: “Das läuft jetzt hier in der Schule, ich setze euch auseinander!” Die Jungs: “oooch, menno”. Trotz Gemaule, gehorchten sie. Die anderen Gäste fanden es amüsant. Irgendwie war es auch lächerlich, doch in dem Moment für uns die einzige Möglichkeit, mit der wir uns zu helfen wussten. Und ich bin mir sicher, die Jungs brüsteten sich nachher mit dem Erlebnis im Freundeskreis: “Hehehe, wir waren so laut, wir sind auseinandergesetzt worden.”

Mit beiden Gästetypen kann man seine wahre Freude erleben, weil sie einen unterschiedlich fordern und in andere Situationen versetzen. Zum Beispiel, wenn ein angehender Bräutigam als Stewardess verkleidet an Bord kommt. Natürlich wird der mit einem Augenzwinkern von uns zum Service berufen und muss mitmachen. Sehr zur Freude seiner Freunde und der anderen Gäste.

In der nächsten Episode werde ich euch von meiner Begegnung der etwas anderen Art erzählen. Bleibt gespannt!

Always happy landings,

eure Linda Luftikuss

von Linda Luftikuss

Related Posts