Paris Air Show 2019

Highlights der Paris Air Show 2019

Martina Roters
09.07.2019
3 Fotos
8 Minuten

Vom 17. bis 23. Juni fand die 53. Pariser Luftfahrtschau in Le Bourget statt. Mit 2.453 Ausstellern bislang die Größte. Also höchste Zeit für einen Rückblick auf die Highlights:

Beginnen wir mit den zwei großen Flugzeugbauern, Boeing und Airbus.

Die Glücklosen: Boeing

Die Verantwortlichen hätten sich wohl am liebsten gewünscht, der 2-Jahres-Messe-Rhythmus hätte sie dieses Jahr verschont, dann hätten sie sich nicht hauptsächlich mit PowerPoint-Präsentationen und hehren Worten über Wasser halten müssen wie:

Unsere nachhaltigen Werte zur Sicherheit, Qualität und Integrität sind das Fundament unseres Unternehmens.

Greg Smith, CFO Boeing

und

Wir lassen nicht nach in unserer Verpflichtung, die MAX sicher wieder in Betrieb zu nehmen, und positionieren uns damit weiterhin für Wachstum.

Kevin McAllister, CEO Boeing Commercial Airplanes

Ansonsten gab es für den Branchenriesen nicht viel vorzuweisen, außer Kaufabschlüssen im Blitzlichtgewitter.

Zur Erinnerung: Seit den Abstürzen zweier Boeing 737 MAX in Indonesien (Lion Air JT 602) und Äthiopien (ET302) mit insgesamt 346 Todesopfern blieben alle Maschinen der 737MAX am Boden, da die Untersuchungen, die darauf hindeuten, dass das Flugsteuerungssystem MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) an Bord des MAX-Maschinentyps bei den Abstürzen eine Rolle gespielt hat, noch nicht abgeschlossen sind. Mehr zu den Problemen der 737 MAX erfahrt ihr in diesem WingMag-Artikel.

Die Aufarbeitung des Desasters scheint im Moment jedenfalls deutlich Kräfte bei Boeing zu binden: Der Jungfernflug für das Projekt 777X (mehr dazu hier) verzögert sich nach Motorproblemen. Auch zum lang erwarteten NMA (New Midsize Aircraft), für das schon der Name 797 gehandelt wird, wurde noch keine definitive Entscheidung verkündet.

Das einzige Boeing Verkehrsflugzeug, zu dem die Besucher ihre Köpfe auch gen Himmel recken konnten, war die wunderschön blau leuchtend bemalte Boeing 787-9 Dreamliner, die von Air Tahiti Nui in Betrieb genommen wurde: Mit neuer Kabinenausstattung, dimmbaren, großen Fenstern und neuen Sitzen – wirklich ein Traum für entspanntes Reisen. 

Boeing 787-9 Air Tahiti Nui auf der Paris Air Show

Eine Überraschung gelang Boeing dann doch noch: IAG (International Airlines Group), zu der British Airways und Iberia gehören, verkündete, gleich 200 Stück der 737MAX zu ordern (Letter of Intent). Natürlich munkelt man hinter den Kulissen, dass IAG die Flugzeuge zu günstigsten Konditionen bekam, weil Boeing die Order für den Unglückstyp so dringend braucht wie eine Rettungsweste (Kursverlust seit dem Grounding der MAX circa 20 Prozent!).

Insgesamt konnte Boeing 236 Abschlüsse verkünden.

Die Erfolgreichen: Airbus

Auch Boeing-Konkurrent Airbus feiert seine Kaufabschlüsse wirksam vor der Presse, bis Messeende werden 345 berichtet.

Der europäische Boeing-Konkurrent war auch gleich mit der gesamten Airbus-Familie vertreten, mit Ausnahme des Frachters mit dem freundlichen Walgesicht, dem Beluga XL.

Doch Airbus konnte sein 50-jähriges Jubiläum (WingMag berichtete) auch pünktlich zur Messe mit einem neuen Launch feiern: Der A321XLR (extra long range). Dank vergrößertem Tank, höherem Anfluggewicht (101 Tonnen MTOW – Maximum Takeoff Weight) und verstärktem Fahrwerk hat dieser A321 noch mal 15 Prozent mehr Reichweite als der bisherige LR (long range), insgesamt jetzt 8.700 Kilometer. Das entspricht Strecken wie London-Miami oder London-Delhi. Und das ohne die Spritökonomie zu verschlechtern, die beim A321 mit 30 Prozent „besser als die vorherige Konkurrenzgeneration“ angegeben wird.

Airbus bringt Boeing damit in Bedrängnis, wenn die Amerikaner nicht bald mit dem NMA nachziehen. Kein Wunder, dass Airbus stolz verkündete, es seien für den A321XLR 48 Bestellungen eingegangen, 89 Vorbestellungen und 112 „Upgrades“ von bestehenden A321NEO-Bestellungen.

Die Aufsteiger? Mitsubishi

Mitsubishi kam mit seinem Regional Jet MRJ90 (neuer Name M90) – das erste in Japan entworfene und gebaute Flugzeug, das zwar 2015 seinen Jungfernflug hatte, aber noch immer im Timing hinterherhinkt.

Mitsubishi hat darum auch gleich noch die M100 zur Messe mitgebracht, die ganz gezielt mit Rücksicht auf die „Scope Clauses“ in Nordamerika designt wurde. Die Pilotenvereinigungen der großen Airlines haben Klauseln erwirkt, die das Fliegen der Regional-Airline-Partner durch Größen- und Mengenbeschränkungen limitiert, damit die Flüge nicht an die weniger gut verdienenden Regional-Piloten outgesourct werden können. Die M100 liegt genau unter dem Grenzwert von 86.000 Pfund, rund 39 Tonnen (MTOW). Das ist ein extremer Wettbewerbsvorteil in diesem Marktsegment, wo weit über die Hälfte der Flotte älter als 12 Jahre ist und dringend ersetzt werden müsste.

Wir verändern uns just zu einem Zeitpunkt, wo sich im Markt eine Chance auftut; das Timing könnte nicht besser sein.

Alex Bellamy, Chefentwickler Mitsubishi Aircraft

Ein neuer Name ist dabei Programm: Die Flotte wurde in Space Jet umgetauft, nicht weil man damit in den Weltraum vorstoßen will; es handelt sich vielmehr um das Mehr an Raum, das den Passagieren zur Verfügung steht: Zum Beispiel mehr Kopfraum unterhalb der Gepäckfächer mit ihrer konkaven Form. Die entpuppen sich als wahre Raumwunder, weil man in ihnen ganze Rollkoffer unterbringen kann, so dass der Reisende sich das Einchecken und das nervende Warten am Gepäckband sparen kann.

„Space to reflect. Space to breathe. Space where it matters“

Gleichzeitig sollen die Space Jets die geringsten Betriebskosten in ihrer Klasse haben. Wenn den Worten Taten folgen, klingt das nach einem echten Erfolgsrezept.

Mitsubishi steht in Verhandlungen über einen Kauf der CRJ-Serie von Bombardier. Man erinnert sich: die C-Serie wurde bereits an Airbus verkauft (jetzt A220).

Die Brasilianer: Embraer

Embraer feierte 50-jähriges Jubiläum. Nun ist seit dem Frühjahr klar, dass der stolze Name in Boeing Brasil – Commercial aufgehen wird.

Die Brasilianer sorgten in Paris mit dem Regionaljet E195-E2 für Furore. Die Profit-Hunter-Serie hatte schon in der Vergangenheit ungewöhnliche „Gesichter“: Hai, Tiger, Adler. Die goldbronzefarbene Sonderlackierung namens “Tech Lion” vereinigt den Löwenkopf am Cockpit mit einer Platinen-Zeichnung, die sich über das gesamte Flugzeug hinzieht. Sie war so ein Hingucker, dass sie es aufs Cover der Messezeitschrift Flight Daily News geschafft hat.

Nicht nur am Boden, sondern auch am Himmel zog die Maschine die Blicke des Publikums auf sich. Der erst im April zugelassene Jet mit neuen Triebwerken und aerodynamischen Optimierungen hob mit dem Versprechen einer 24-prozentigen Kerosineinsparung ab.

Hier geht es zu den Highlights von Embraer:

Die Politiker

Ebenfalls auf der Paris Air Show: In Anwesenheit von Präsident Emmanuel Macron unterzeichneten gleich drei Verteidigungsministerinnen, nämlich Ursula von der Leyen (DE), Florence Parly (FR) und Margarita Robles (ES) das Rahmenabkommen für das milliardenschwere Rüstungsprojekt FCAS (Future Combat Air System). Eine Dassault-Airbus-Entwicklung, die nicht einfach aus einem neuen Kampfjet besteht, sondern aus einem integrierten System unter Beteiligung von Drohnen und Satelliten. Geplantes Datum zur Fertigstellung: 2040.

Ganz sicher wird sich das Projekt noch zum Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich entwickeln, weil die Franzosen sich an der restriktiven deutschen Waffenexportpolitik stören.

Die Trendigen

Auch auf dieser Messe setzte sich der Trend zur Elektromobilität am Himmel fort. Airbus zeigte seine flugerprobte Vahana, einen einsitzigen VTOL Demonstrator (VTOL= Vertical Take off and Landing) – also ein Senkrechtstarter, der 4 x schneller ist als ein Auto. Zum Thema „Luftverkehrsmobilität“ hatten wir bereits mehrfach berichtet.

Bezaubernd elegant war Alice von der israelischen Firma Eviation, eines der größten Flugzeuge, das rein elektrisch betrieben wird. Die Maschine ist für neun Passagiere ausgelegt und soll in den nächsten Monaten zu ihrem Jungfernflug starten. Angestrebt sind 440 km/h und eine Reichweite von über 1.000 Kilometern. Noch macht die Batterie mit 3,7 Tonnen mehr als die Hälfte des Startgewichts aus. Eine echte Konkurrenz für Propellermaschinen, denn die Betriebskosten sollen um 60 bis 76 Prozent geringer sein.

Boom Supersonic, ein US Start-Up hielt eine Pressekonferenz ab, bei der die Vision vorgestellt wurde, dass schon um das Jahr 2027 50-sitzige Passagierjets das Erbe der Concorde antreten könnten.

Die Scheich-Flüsterer

Kapitell Business-Jets: Am Himmel ließ sich die Dassault 8X bewundern, am Boden luden die 5X und die 6X zur Besichtigungstour ein. Nehmen wir die 6X: Ein lichtdurchfluteter Eingang mit Marmorboden führte in die – natürlich mit sattem Teppich ausgeschlagene – größte Kabine der Welt im Business-Jet-Bereich (2,64 Meter breit, 1,82 Meter hoch). Ferner begeistert ein Dining-Bereich mit intelligenter Sitzanordnung und im Schlafbereich ein King-Size Bett.

Die Falcon hat eine Spitzengeschwindigkeit von 0,9 Mach. Und ach ja: Diesen Luxus gibt es zum Einführungspreis von 47 Millionen Dollar, die 8X kostet noch mal 11 Millionen mehr. Kein Wunder, dass viele der Luxusjets in den arabischen Raum gehen, wo man seit jeher eine Passion für Falken hat.

Bombardier präsentierte die Global 6000 (11.300 km Reichweite).

Konkurrent Gulfstream war mit einer G650ER (extended range) vertreten (13.900 km). Diese hatte bei einem Flug von Singapur nach Tucson mit einer mittleren Geschwindigkeit von 1.007 km/h einen Rekord für Business-Jets aufgestellt.

Embraer stellte die Legacy 650 aus (Reichweite 7.223 km) für 8 Personen, die aber nur die Hälfte der anderen Großraum-Business Jets kostet.  Die neuere Praetor 600, bei der es sich um eine Long-Range-Version der Legacy 600 handelt (7.441 km), präsentierte sich auch im Flug.

Gab‘s sonst noch was?

Ja, es gab noch einiges fürs Auge.

Für Flug-Enthusiasten war natürlich der Auftritt der Flugstaffel Patrouille de France ein Highlight, die mit gekonnter Präzision vor atemlosen Zuschauern ihre blau-weiß-roten Streifen und Spiralen an den Himmel zauberten.

Auch eine Berijew BE-200 drehte ihre Kurven am Himmel und entließ eine Riesenladung Wasser wie bei einem ihrer zahlreichen Löschflüge, für die das Amphibienflugzeug eingesetzt wird.

Die meisten Kommentare auf YouTube dürfte Düsenjäger-Commander Zeeshan Baryar eingeheimst haben, wo kolportiert wurde, dass er mit 229 Kilometern im Rückenflug in der pakistanisch-chinesischen PAC/Chendu JF-17 Thunder einen neuen Weltrekord aufgestellt hätte (gegenüber der Rafale mit „nur“ 188 Kilometern).

Die Menschenmenge vor Ort dagegen dürfte die Flugkünste von Captain Sébastien Nativel, genannt Babouc, mehr begeistert haben, der seit einem Jahr im Cockpit der 2.000 km/h schnellen und wendigen Rafale C sitzt und für Flugschau-Begeisterte seine tollkühnen Manöver fliegt.

Wer selbst einmal live dabei sein möchte: Die nächste, die 54. Pariser Luftfahrtschau in Le Bourget findet im Juni 2021 statt …

Titelbild © SIAE 2017 – Anthony Guerra & Alex Marc

von Martina Roters

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