Klimakiller Fliegen - Wie schädlich ist fliegen wirklich?

Klimakiller Fliegen Teil 1: Wie sehr schadet Fliegen wirklich?

Esther Nestle
12.07.2019
3 Fotos
5 Minuten

In Zeiten von weltweiten Schülerdemos und bedrohlich klingenden Klimaprognosen steht ein Klimakiller besonders am Pranger: Das Flugzeug. Genauer gesagt das Fliegen als Massenphänomen. Eben habe ich meinen persönlichen ökologischen Fußabdruck berechnen lassen. Mit meinem aktuellen Lebensstil bräuchte ich eine zweite Erde in Petto und sogar Teile einer dritten. Eine meiner größten Umweltsünden: Das Fliegen.

Flugfaszination versus Flugscham

Was ich als Ottilie Normalfliegerin hier vorhabe

Meine emotionale Gemengelage zwischen Flugscham und „Smygflyga“ (*) will ich mit Fakten unterfüttern. Fündig wurde ich bei vielen seriösen Quellen – Süddeutsche Zeitung, Zeit, FAZ, Handelsblatt, Zürcher Zeitung, außerdem auf der Seite von Atmosfair (hier geht es zu den zehn klimafreundlichsten Fluggesellschaften 2018 – nach Atmosfair) und der Wissensplattform www.klimaschutz-portal.aero. Aber bitte: NULL Anspruch auf Vollständigkeit – das Thema ist schier unerschöpflich.

Jedem herausgeschältem Minuspunkt folgt sofort ein Pluspunkt, also immer schön abwechselnd.

(*) schwedisches Trendwort mit der Bedeutung heimlich (?) doch fliegen

– Ich fliege, also schade ich dem Klima

Vorletztes Jahr flog ich von Stuttgart auf die Seychellen, hin und zurück jeweils mit zwei Zwischenstopps in Amsterdam und in Dubai. Diese Fernreise schlug in meiner Ökobilanz mit rund 14.000 kg CO2 zu Buche (Berechnung lt. Atmosfair). Damit habe ich so viel CO2 verballert wie der Durchschnittsdeutsche in einem halben Jahr – Wohnen, Essen, Autofahren inklusive. Für denselben CO2-Ausstoß kann ich sieben Jahre lang mit dem Auto 12.000 Kilometer fahren – jährlich! Ganz schön krass.

+ Nur weltweite Maßnahmen wirken spürbar

Wie bei mir nehmen in der persönlichen Ökobilanz vieler Deutscher die Flugreisen einen erheblichen Anteil ein. Also Flugverzicht? Natürlich ist ein individueller Flugverzicht alles andere als falsch, so wie auch der Verzicht auf Fleisch, Autofahren, Flugananas und Plastiktüten.

Aber noch viel mehr müssen gesamtgesellschaftliche Maßnahmen her, um die Erderwärmung auf diese im Pariser Klimaabkommen festgeschriebenen 1,5 Prozent zu begrenzen. Übergreifende Maßnahmen zum Beispiel in der Energieversorgung. In der Industrie. In der Landwirtschaft. Bei der Verkehrsplanung. Alles muss in einen großen Klimaschutzplan gegossen werden. Bundesweit, europaweit, weltweit.

Auch wenn mit dieser Erkenntnis keiner von uns einen Freibrief für sein individuelles Handeln hat: Die Verantwortung für globale Entwicklungen kann primär nicht Einzelnen aufgebürdet werden. (Zeit)

– Rasant weiterwachsende Passagierzahlen

120.000 Millionen Flugreisende hoben 2018 allein von deutschen Flughäfen ab. Innerhalb von zwanzig Jahren haben sich die Passagierzahlen in Deutschland verdoppelt. Bis 2030 sollen es sogar 170 Millionen Passagiere sein, prognostiziert das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR).

Die weltweite Anzahl an Fluggästen wuchs 2018 auf 4,1 Milliarden an, was einem Anstieg gegenüber 2017 von 7 Prozent entspricht (Süddeutsche Zeitung). Derzeit trägt der Flugverkehr weltweit – je nach Quelle – mit 2 bis 3 Prozent (Handelsblatt) beziehungsweise bis zu 5 Prozent (Zeit) zu den gesamten klimarelevanten Emissionen bei.

+ Wer steht in der Verantwortung?

Zum Vergleich (Neue Zürcher Zeitung):

Frage: Warum steht der Flugverkehr so einseitig am Pranger?

– CO2 und mehr

Es ist nicht das CO2 allein, das unser Klima schädigt. Zum CO2 gesellen sich noch einige andere Stoffe wie Stickoxide und Feinstaub. Die Emissionen von Stickoxiden und Wasserdampf führen zu Kondensstreifen, zu veränderter Wolkenbildung und zu mehr Ozon: Was wiederum die Wärmeabstrahlung von der Erde bremst und somit zur Klimaerwärmung beiträgt.

Nimmt man alle Schadstoffe zusammen, entsteht laut Expertenmeinung ein tatsächlicher Schaden, der sogar zwei bis viermal so hoch ist wie durch das CO2 allein.

+ Treibstoffverbrauch seit den 60er Jahren fast halbiert

Die Flugzeugbranche verharrt nicht in Untätigkeit. Ständige technische Weiterentwicklungen im Flugzeug- und Triebwerksbau, der Einsatz möglichst moderner, kerosinsparender Flugzeugflotten und eine durchgehend hohe Auslastung drücken den Kerosinverbrauch pro Nase immer weiter nach unten.

Fakt ist: Der deutsche Luftverkehr hat sich seit 1990 mehr als verdreifacht, der Kerosinbedarf im gleichen Zeitraum nur knapp verdoppelt. Seit den 60er Jahren wurde der Treibstoffverbrauch sogar fast halbiert. Unter Fachleuten gilt die Faustregel: Mit jeder neuen Generation von Flugzeugen sinkt der Kerosinverbrauch um 15 bis 25 Prozent. Aktuell liegt der Durchschnittswert bei 3,64 Litern pro Person und 100 Kilometern.

Zudem wird an allen Ecken und Enden an völlig neuen Technologien geforscht. So gab der neue Airbus-Chef Guillaume Faury jüngst die Parole „emissionsfrei fliegen“ aus (mehr dazu in diesem WingMag-Artikel) – ob er dieses ambitionierte Ziel per elektrischem Antrieb oder mittels des CO2-neutralen Flugbenzins „Power-to-Liquid“ erreichen will oder noch ganz anders – wir werden es hoffentlich (!) – sehen.

Ottilie Normalfliegerin zieht ihre Schlüsse

Die Flugzeugbranche scheint also ihre Klimaschutz-Hausaufgaben zu machen: Doch wie münze ich die Ergebnisse für mich um? Schwarz-weiß-Denke greift zu kurz, so viel ist mir jetzt klar. Welche konkreten Schlüsse, welche Verhaltensweisen ziehe ich als Ottilie Normalfliegerin aus den Ergebnissen? Mehr dazu demnächst hier.

von Esther Nestle

Related Posts