Krisenmanagement - Luftfahrt - Corona - Pandemie

Krisenmanagement in der Luftfahrt: vor, nach und beim Corona-Grounding

Reiner Hertl
03.08.2020
5 Minuten

Mit kritischen Situationen systematisch umzugehen – so lässt sich das Aufgabengebiet „Krisenmanagement“ skizzieren. Und so, wie heute bei „Krise“ jeder unweigerlich ein „Corona“ mitdenkt: Krisenmanager stehen stets vor Ungewolltem. Vorhersehbar oder nicht. Begleiten wir sie in Theorie und Praxis ein Stück bei ihrer Arbeit, am Boden und in der Luft.

Statt reibungslosem Regelbetrieb: Unterbrechungen, Störungen, Zwischenfälle

Die Anforderungen gelten in erster Linie der Sicherheit: Sicherheit der Flugreisenden, Sicherheit des Personals. Sicherung von Lieferketten und operativen Prozessen. Schutz des Unternehmens und der Unternehmensreputation. Auf den Plan gerufen wird dabei bereits bei eher kleinen Ereignissen oder Entwicklungen. Denn durch die insgesamt starke Vernetzung der Luftverkehrs-Branche löst eine kleinere Krise leicht eine größere im Netzwerk aus. Schon leichtere Zwischenfälle können schwerer wiegende Folgen nach sich ziehen.

Angefangen bei Verspätungen. Verursacht durch Standortprobleme oder Personalstreiks, durch IT-Ausfälle oder technische Störungen, z. B. beim Gepäcktransport. Über Wetterkapriolen und Witterungseinflüsse, Beeinträchtigungen des Flugverkehrs durch Drohnen oder Vögel. Gefährdete Passagiere. Bis zu den ganz großen, eskalierenden Krisen. Wie beispielsweise die Nuklearkatastrophe in Fukushima.

Erfahrungswerte und Vorhersehbarkeit, der Umgang mit Unbestimmtheit

Erinnern wir uns auch an die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, die isländischen Vulkan-Aschewolken oder die Ausbreitung des Sars-Virus. Im Rückblick auf solche Geschehnisse meinte vor Kurzem Ralph Beisel, Hauptgeschäftsführer des Flughafenverbands ADV, die deutschen Flughäfen seien nicht unerfahren im Management von Krisen. Aber die Corona-bedingte Abwärtsentwicklung übersteige alle bisherigen Erfahrungen.

Die Covid-19-Krise zeitigt Ungewissheit. Viele Faktoren, auf die es adäquat zu reagieren gilt, sind offen. Entwicklungen müssen immer wieder neu eingeschätzt und trotzdem fällige Entscheidungen getroffen werden. So hat jetzt im Juni, um am Beispiel der Flughäfen zu bleiben, der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport AG angekündigt, tausende Arbeitsplätze abzubauen. Zuvor waren zeitweise 18.000 der 22.000 Angestellte in Kurzarbeit.

Reaktiv oder aktiv, Krisenmanagement muss beides können. Und Krisenkommunikation:

Aktives und reaktives Krisenmanagement, Krisen- und Katastrophen-Kommunikation

Das aktive Krisenmanagement setzt an vor dem Ausbruch einer Krise – Krisenvermeidung. Reaktives Krisenmanagement greift nach dem Ausbruch einer Krise – Krisenbewältigung. Zwei Fallbeispiele für Krisenmanagement und Krisenkommunikation, die auch menschlichen Tragödien zu begegnen hatten:

Die Krisenkommunikation des damaligen Boeing-Vorstandsvorsitzenden Dennis Muilenburg 2019 nach dem zweiten Absturz einer Boeing 737 Max. Diese Krisen-PR wurde vielfach kritisiert. Als verschlossen, im Ansatz gar pietätlos, kaum klare Antworten bietend. Letztlich wurde Boeings Ruf dadurch beschädigt. Und Muilenburg musste erst seine Funktion als Chairman, dann auch als CEO abgeben – WingMag berichtete. Auch über die nach langem Grounding jetzt wieder gestarteten Testflüge des Modells. Für das Boeing inzwischen viele stornierte Bestellungen zu verkraften hat.

Boeing 737 MAX
Boeing 737 MAX

Ein anderer Blickwinkel: die Krisenkommunikation beim Unglück der Germanwings 2015. Die Mutter Lufthansa positionierte sich schnell (auch auf Social Media), kommunizierte ihre Anteilnahme authentisch und informierte zuverlässig. Damit wurde letztlich auch realisiert, was in der Katastrophen- und Krisenkommunikation sehr relevant ist: Die Reputation nicht zu beschädigen. Zurückgreifen konnte Tochter Germanwings hierzu auch auf ein fundiertes Krisenhandbuch. Eines der Verfahren des Krisenmanagements. Welche Methoden kommen noch zum Einsatz?

Simulationen als Werkzeug des Krisenmanagements: das Beispiel Rettungslogistik

Die Erstellung von Krisenplänen beweist sich. In einem effizient bestückten Instrumentenkoffer haben auch Szenarien ihren festen Platz. Ein Fallbeispiel für Simulation: der Einsatz des DLR, des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, bei einer Erdbeben-Katastrophenschutzübung in Österreich letztes Jahr. Geführt vom EU-Projekt DRIVER + (Driving Innovation in Crisis Management for European Resilience): Um die Situation nach einer Katastrophe ohne Verzögerungen zu erfassen und Hilfseinsätze planen zu können, wurde ein UAS-Demonstrator eingesetzt. Zum Überflug schwer zugänglicher Gebiete. Um Rettungskräften entscheidende Echtzeit-Informationen zu liefern.

Übungsszenarien für wirtschaftliche Krisen und flugbetriebliche Krisen

Um Krisensituationen zu analysieren, Strategien zu entwickeln und Gegenmaßnahmen einleiten zu können, sind für ein Krisenteam Übungsszenarien mit Feedbacks immer wieder wichtig. Ein Krisenstab, der auf relevante Szenarien trainiert wurde, hat notwendig werdende Abläufe bereits verinnerlicht und ist vorbereitet. Auch für die Zusammenarbeit mit Organisationen:

Autoritäten und Adressaten: weisungsgebende Institutionen

Ein Krisenstab hat sich kurzzuschließen mit Entscheidungsträgern auf vielen Ebenen im Luftverkehrssystem. Wer hätte also in einem ganz neuen Krisenfall im deutschen Raum Entscheidungshoheiten? Oder Leitlinien und Empfehlungen auszusprechen? Zu nennen sind hier das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, das Luftfahrt-Bundesamt, die Deutsche Flugsicherung GmbH. Die Europäische Agentur für Flugsicherheit EASA (European Aviation Safety Agency), die ICAO. Ginge es wieder um eine neue gesundheitliche Gefährdung: das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC).

Die EACCC (European Aviation Crisis Coordination Cell) wurde seinerzeit aufgebaut nach der großen Vulkanasche-Krise der Jahre 2010 und 2011. Unserem letzten Fallbeispiel aus der Vergangenheit. Auch damals sprach man von „bisher ungekannten Herausforderungen“ – wie heute zu pandemischen Zeiten. Es gibt immer wieder eine neue Dimension:

Krisenmanagement in der Luftfahrt - Vulkanausbruch

Eyjafjallajökull und Grimsvötn – wenn der Weltluftverkehr getroffen wird

Betroffen von den Vulkanausbrüchen war zu jener Zeit der Luftverkehr nicht nur zwischen einzelnen Ländern, sondern zwischen Kontinenten. Ein solches Krisenmanagement erforderte damit eine enge Abstimmung und Dialog mit den nationalen Flugsicherungsbehörden. Das BMVI koordinierte dabei die Krisenstäbe der Deutschen Flugsicherung und des Deutschen Wetterdienstes. Die ICAO, die Internationale Zivilluftfahrtorganisation, entwickelte Handlungsempfehlungen für bereits bestehende Maßnahmenpakete. Dabei beteiligte sich das BMVI mit Experten in der internationalen Arbeitsgruppe der ICAO.

Die Befragung und Konsultation von Experten und Sachverständigen bewährt sich als Stützpfeiler eines Krisenmanagements. Ein möglicher weiterer Träger:

Katastrophen- und Krisenmanagement in spezialisierte Hände

Dienstleister bieten der Luftfahrtbranche im Krisenfall auch Lösungen von extern an. Pakete von einer passgenauen Alarmierung, über Kommunikationsprozesse wie die Einrichtung von Call-Centern, bis hin zu Disaster Recovery Services und Disaster Human Services im Katastrophenfall. Dienste, die Airlines im Regelbetrieb nicht beanspruchen. Und dafür weniger Infrastrukturen unterhalten. Ein Pool also an Ressourcen, auf den Unternehmen im Krisenfall zugreifen können, um das eigene Krisenmanagement zu unterstützen.

Zwischen Gefahr und Chance – die nicht nur negative Seite einer Krise

„Krise“ steht von der Herkunft des Wortes für „Wendepunkt“, vor allem aber: „Entscheidung“, und (möglichst revisionssicher) Entscheidungsgrundlagen zu schaffen, darauf hebt Krisenmanagement ab. Wobei Krise nicht gleich Krise ist – jede ist als Einzelfall anders. Es gibt kein One-Size-Fits-All, aber Standardlösungen. Flexibilität ist erforderlich. Und Früherkennung und vorab: Einübung. Auf Vorhersehbares können Handlings trainiert werden. Auf Unvorhersehbares wie Covid-19 muss sich Krisenexpertise beweisen. Krisenmanagement in der Luftfahrt ist immer auch ein: Navigieren, Pilotieren.

Titelbild © Juraj Varga auf Pixabay 

von Reiner Hertl

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