Notlandung

Mayday! Die Notlandung

Tim Takeoff
19.10.2018
2 Fotos
5 Minuten

„Im Anschluss möchte Sie nun die Besatzung mit unseren Sicherheitsvorkehrungen vertraut machen…“. Spätestens ab diesem Satz erlebt man es im Flugzeug, dass der Großteil der sitzenden Gäste mental abschaltet. Eine Notlandung? Aber sicher nicht heute! Doch was läuft eigentlich genau ab, wenn der Ernstfall eintritt?

Da ein Notfall viele Gesichter haben kann, und oft aus einer Verkettung verschiedenster Umstände besteht, kann man ihn nicht pauschalisieren. Um sich aber als Besatzung darauf vorzubereiten, versucht man es trotzdem in einigen Fällen klar zu unterscheiden.

Redet man von einer „einfachen“ technischen Störung in der Luft, wird meistens im Cockpit die entsprechende Checkliste abgearbeitet. Moderne Jets sind so gut vernetzt, dass die meisten Fehler direkt elektronisch erkannt und dem Piloten aufbereitet werden. Für alle anderen Fälle stimmen sich beide Kollegen vorne genau ab und analysieren nach vorgegebenen Mustern die Situation, um eine Entscheidung zu treffen. Ist eine Ausweichlandung erforderlich? Ist das Problem zeitkritisch und muss sofort gehandelt werden?

Zeitkritisch, oder nicht?

Zeitkritische Probleme beinhalten in den meisten Fällen Feuer, Rauch oder medizinische Notfälle an Bord. Selbst ein Druckabfall, mit Herunterfallen der Masken, erfordert lediglich einen sofortigen Sinkflug. Dieser endet in einer Höhe, in der man auch ohne zusätzlichen Sauerstoff atmen kann. In der Regel ist diese unter 10.000 Fuß erreicht, also etwa 3.000 Meter. In der Höhe kann das Flugzeug aber ohne Probleme zunächst weiterfliegen, auch wenn die Reichweite durch den höheren Spritverbrauch eingeschränkt ist. Eine sofortige Notlandung ist aber nicht direkt erforderlich.

Bei Feuer und Rauch sieht die Sache natürlich anders aus. Man muss als Besatzung immer konservativ handeln, darf aber auch nicht sofort überreagieren. Ein leichter Nebel aus der Klimaanlage ist besonders bei heißen Temperaturen bekannt. Sollte man aber dennoch geruchsintensiven Rauch, Hitze oder sogar eine offene Flamme wahrnehmen, sollte man im Zweifel immer das Bordpersonal darauf aufmerksam machen. Diese geben die Informationen an die Kollegen im Cockpit weiter. Entweder sie haben ohnehin schon eine Nachricht der an Bord installierten Rauchmelder erhalten, oder können dann weiter entscheiden. Sammelt sich eine große Menge Rauch in der Kabine, wird die Crew versuchen, über verschiedene Verfahren die Luft schnell auszutauschen und den Rauch abzuführen.

Training führt zum Erfolg

Da man bei Rauch die genaue Ursache oft nicht ermitteln kann, muss immer von einem Feuer ausgegangen werden. An Bord gibt es, für die Crew zugänglich, eine Vielzahl an Feuerlöschern für fast alle Brandklassen und ein umfangreiches „First-Aid-Kit“. Die Besatzung ist entsprechend ausgebildet und muss jedes Jahr ihr Wissen in diesen Notverfahren in einem speziellen Training beweisen oder „nachsitzen“. Jeder Jet ist anders, und die Crew darf nur auf einem Muster operieren, für das sie auch das entsprechende Notfalltraining absolviert hat.

Generell verfügt, abhängig vom Typ, jedes Flugzeug über ein internes Löschsystem. Dies beinhaltet sowohl Löschvorrichtungen in den Triebwerken als auch in den Gepäckräumen. Meist wird eine Löschflasche direkt automatisch in den betreffenden Raum geschossen und eine weitere langsam bis zur Landung entladen, um das Feuer zu hemmen oder komplett zu löschen. Bei einem direkten Triebwerksfeuer kann der Pilot die Turbine zunächst vollständig entkoppeln. Das bedeutet natürlich nicht, dass man das Triebwerk abwirft, sondern dass sämtliche Leitungen wie Kraftstoff, Luft oder Elektrik vom Bordnetz getrennt werden. Sollte dies das Problem nicht lösen, kann man hier ebenfalls bis zu zwei hochwirksame Feuerlöscher in das Triebwerk entladen, um das Feuer zu löschen.

Mayday!

Sollten alle Bemühungen der Besatzung, oder die Selbstschutzfunktionen des Flugzeuges, erfolglos sein, wird die Notlandung eingeleitet. Hier läuft nun einiges schnell, professionell und parallel ab. Während das Cockpit mit dem Absetzen des Notrufes „Mayday, Mayday, Mayday…“ mit dem Fluglotsen die Lage bespricht und entsprechende Hilfe anfordert, bereiten die Flugbegleiter die Kabine vor. Es werden noch einmal sämtliche Notfallkommandos ins Gedächtnis gerufen. „Emergency Landing in two minutes“, gefolgt von „Brace, Brace!“, dem Kommando zur Einnahme der Sicherheitsposition. Statistiken beweisen, wie wichtig diese sein kann.

Geht die Notlandung gut aus, ist die Cockpitcrew stets bemüht, die Landebahn für weiteren Verkehr frei zu machen. Das Flugzeug wird dann auf dem Vorfeld oder sogar an einem Finger abgestellt. Der vorherige Alarm hat ohnehin bereits sämtliches Rettungsgerät von Polizei, Feuerwehr über Krankenwägen und umliegende Krankenhäuser informiert. Man ist in wenigen Minuten auf den Ernstfall vorbereitet. Es ist immer leichter, die „Alarmstufe“ zu senken, als sie zu erhöhen. Bei medizinischen Notfällen wird stets der schnellste Weg gewählt, um den betroffenen Fluggast ärztlich versorgen zu können.

Evacuate!

Sollte es doch zu einem Schaden kommen oder sich die ohnehin zeitkritische Situation nicht bessern, wird sofort evakuiert. Bei Stillstand des Flugzeuges erfolgt das Kommando „Evacuate, Evacuate!“. Die Flugbegleiter werden keine Sekunde verlieren und nach Lösen der Gurte die Notrutschen betätigen. Eventuell gibt es hier aufgrund von Feuer oder Schäden noch Einschränkungen, falls die Türen in manchen Bereichen des Jets besser geschlossen bleiben sollten. Es ist unbeschreiblich wichtig, den Anweisungen des Personals Folge zu leisten. Nur sie haben im Notfall, in Rücksprache mit dem Cockpit, einen Überblick über die Situation. Sämtliche Gepäckstücke bleiben an Bord. Materielle Dingen können ersetzt werden, vom Leben haben wir nur ein einziges zur Verfügung.

Die Notrutsche

„Sully“ macht es vor

Spätestens jetzt erinnert man sich an Captain „Sully“ Sullenberger, welcher in seiner Not den Airbus A320 sicher auf dem Hudson River vor Manhattan notwassern musste.

Hier seht ihr den Trailer der Verfilmung dieser spektakulären Notlandung:

Ein solches Manöver birgt viele Gefahren. Vorbildliches Verhalten, sowohl von der Crew als auch von den Passagieren, haben letztlich zum Erfolg geführt. Es ist essentiell wichtig, die Schwimmwesten erst nach (!) Verlassen des Flugzeuges aufzublasen. Sollte Wasser in den Rumpf eindringen, schafft man es womöglich mit vorher aufgeblasener Weste nicht mehr durch die Tür oder behindert alle anderen Passagiere.

Die Notrutschen sind wasserdicht und funktionieren als eine Art Floß. Mithilfe eines simplen Verschlusses wird das Boot vom Flugzeug getrennt. In diesem Fall bleibt es noch durch eine letzte verbleibende Leine (sogennante „mooring line“) mit dem Flugzeug verbunden. Außerdem gibt es an der Rutsche ein Notfallkit. Hierin befindet sich neben einem Messer (zum Trennen der Leine) auch diverses Überlebensmaterial. Frischwasservorräte, Lebens- und Leuchtmittel sowie viele andere nützliche Dinge. Beispielsweise enthält das Kit hochwirksames Pulver, um umgebendes Wasser großräumig einzufärben. So können Rettungskräfte das Boot einfacher ausfindig machen.

Sollte die Notlandung wirklich auf hoher See stattfinden, verfügen die Rutschen moderner Jets sogar über eine Art Dach, das über Pylonen aufgebaut wird. Es schützt die Insassen vor Sonneneinstrahlung und rauhen Wetterbedingungen. Bei extremer Kälte sollte man sich frühzeitig wie die „Pinguine“ aneinander lehnen, um Wärme zu stauen und nicht in Panik zu geraten. Die Rettungskräfte sind bereits unterwegs!

Niemand möchte in eine solche Situation geraten. Dennoch ist es absolut wichtig und sinnvoll sich damit auseinanderzusetzen. Es wäre tragisch, eine Notlandung zu überleben, aber dann womöglich bis zur Rettung in Schwierigkeiten zu geraten oder sich dabei im Nachhinein zu verletzen. Haben Sie noch Fragen? Nicht zögern diese bei ihrem nächsten Flug zu stellen!

von Tim Takeoff

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