Thomas Cook Insolvenz

Pauschaltourismus-Erfinder pleite: Sogwirkungen der Thomas Cook-Insolvenz

Reiner Hertl
28.09.2019
6 Minuten

Die Auswirkungen des Niedergangs des Reise-Riesen sind so gravierend, dass viele Medien Liveticker schalteten. Denn betroffen sind circa 600.000 gestrandete Touristen und 21.000 Beschäftigte, Tochtergesellschaften und Airlines, Flughäfen, Piloten, Urlaubsregionen und Hoteliers, Reisebranche und Flugmarkt, Banken, Versicherungen. Schalten wir uns kurz zu den Ereignissen und Entwicklungen, Krisenbewältigung, Rückholaktionen, Condor und Co.:

Geplatzte Urlaube, gestresste Urlauber und die „Aktion Matterhorn“

Für hunderttausende Kunden standen nicht nur gebuchte Hin- und Rückflüge plötzlich in Frage, als die Thomas Cook Group plc in der Nacht vom 22. zum 23. September die Insolvenz beantragte. Verständlicher Verdruss bei den Urlaubern – statt Ferienstimmung kamen Ärger und Ratlosigkeit auf. Aber auch Solidarität: Wie ein Passagier berichtete, wurde sogar Geld gesammelt für die Besatzung, als der letzte Flug des insolventen Konzerns am 23.09. in Manchester zur Landung ansetzte.

In Großbritannien sah sich die Regierung in der Verantwortung. Pauschaltouristen heimzufliegen ist Staatssache. So wurde gleich die „größte Rückholaktion in Friedenszeiten“ angekündet und umgesetzt. Unter dem Codenamen „Matterhorn“ werden die britischen Urlauber von 55 Zielen heimgeflogen.

In Deutschland sind die Versicherer im Insolvenzfall zuständig, die Kosten für die Heimholung von Pauschaltouristen zu tragen:

Wer zahlt, wenn mich mein insolventer Reiseveranstalter nicht mehr heimfliegen kann?

Kann der Anbieter die Rückreise nicht mehr gewährleisten und ist zahlungsunfähig, springt für deutsche Pauschalreisende über den sogenannten Sicherungsschein eine Reiseversicherung ein. Erst zum Juli 2018 wurde das Reiserecht neu geregelt.

Die Reiseinsolvenzversicherung der Thomas Cook GmbH hat eine Haftungssumme, beschränkt auf eine Gesamtsumme von 110 Millionen Euro. Sollte diese nicht ausreichen – was beim Volumen, das hier nötig sein könnte, möglich wäre – könnte es auch sein, dass Rückreisende ihre Kosten nur anteilig erstattet bekommen.

Es wurden schon früher Forderungen laut, die Insolvenzversicherung und Absicherung bei Pauschalreisenden mit einem deutlich höheren Höchstbetrag zu deckeln.

Deutsche Thomas Cook-Töchter wie Condor hatten bis zum 25.09. noch keine Insolvenz beantragt. Condor selbst hatte zwischenzeitlich Hinflüge für Urlauber, die bei Thomas-Cook-Veranstaltern buchten, ausgesetzt. Rückflüge von Destinationen seien aber gewährleistet.

Am 25.09 hat dann auch der deutsche Reiseveranstalter Thomas Cook den Insolvenzantrag gestellt. Damit ist der Insolvenzversicherer in der Pflicht, Reisende zurückzuführen. Wofür verschiedene Wege offen stehen können.

Mit dem Insolvenzantrag wird die Insolvenzversicherung aktiv

Jetzt, nachdem auch die deutsche Thomas Cook GmbH Insolvenz angemeldet hat, haben auch deren Urlauber die Gewissheit, dass sie Entschädigung beantragen können.Wer bei dem deutschen Veranstalter mit den Marken Thomas Cook, Öger Tours, Neckermann, Air Marin und Bucher Reisen gebucht hat, wird vom Insolvenzversicherer zurückgebracht.

Den Insolvenzantrag zu stellen sah die deutsche Tochter deshalb auch notwendig, um sich aus den „finanziellen Verflechtungen und Haftungsverhältnissen“ mit dem Mutterkonzern zu lösen. Wie Condor hat sie zudem einen Antrag auf Überbrückungskredit gestellt:

Gewährte und nicht gewährte Staatshilfen, Überbrückungskredite und Engpässe

Nachzuweisende „Zukunftsfähigkeit“ ist eine der Grundbedingungen für staatliche Finanzhilfe. Die deutsche Airline und Thomas Cook-Tochter Condor ist zwar angeschlagen, an sich aber profitabel und operativ gesund. Sie hat nun mit einem staatlichen Rettungsplan einen Überbrückungskredit von 380 Millionen Euro zugeschlagen bekommen. Einen Teil trägt das Bundesland Hessen, dort hat Condor seinen Sitz, den anderen der Bund. Condor kann dann mit seinen Maschinen unter dem sogenannten Schutzschirmverfahren, einer Besonderheit des deutschen Insolvenzrechts, weiterfliegen.

Und hat Luft für die Suche nach einem neuen Eigentümer. Interesse bekundet hat, wie berichtet wird, beispielsweise der Nürnberger Investor Hans Rudolf Wöhrl. Auch die ehemalige Muttergesellschaft Lufthansa, die Condor einst veräußerte, prüft eine Beteiligung. Vorstellbar wäre dazuhin eine Annäherung an den einstigen Thomas Cook-Rivalen TUI, dessen TUI-Fly-Flugzeugflotte noch zulegen will. Ebenfalls im Gespräch ist der US-Investor Indigo Partners.

Bevor die Entscheidungen für die Bürgschaft für diese Tochter fielen – wie verhielt es sich zuvor für die britische Mutter bei ihrer Insolvenz?:

Die Regierung in London hatte eine Hilfe an die britische Thomas Cook abgelehnt, u. a. mit der Begründung, nicht mit Steuergeldern fahrlässiges Verhalten begünstigen zu wollen. „Ich fürchte, das hätte sie nur für eine sehr kurze Zeit über Wasser gehalten“, zitierte der Sender BBC den britischen Verkehrsminister Grant Shapps. Auch die Beschaffung einer Finanzspritze von privaten Investoren scheiterte.

Wie kam es also zum Kollaps des nach TUI zweitgrößten Reisekonzerns Europas? Mehr zum „tief traurigen Tag“, wie er von Konzernchef Peter Fankhauser genannt wurde:

Schuldfragen und Ursachensuche

Als ein Einflussfaktor auf die Pleite der Pauschaltourismus-Größe dürfte der Trend zum Individualtourismus zu sehen sein. Sowie der unerbittliche Preiskampf und knallharte Wettbewerb in der ganzen Reiseindustrie. Auch Aktienverluste machten es dem Touristik-Konzern schon lange nicht einfacher. Hinzu kam: Thomas Cook stand schon einmal, 2011, kurz vor der Insolvenz und musste für die Rettung seitdem viele Schulden begleichen – die beständige Abzahlung drückte. Dazu gab es jahrelange Zukäufe von Unternehmen.

Dann kam noch der heiße Sommer und dazu die Unsicherheit zum Brexit, was viele Briten schlichtweg zum Daheimbleiben bewog, statt sich in den Urlaubsflieger zu setzen (Großbritannien war ein wichtiger Absatzmarkt). Dazuhin habe der Reisekonzern nach Ansicht der nationalen Luftfahrtbehörde CAA die Modernisierung der Branche verschlafen.

Auch nicht mehr ganz modern ist zwar die Flotte von Condor, kann aber als Unternehmen neu durchstarten. Was viele in der Branche begrüßen und unterstützen:

Die Airline ist systemrelevant für Freizeitreisen.

Michael Buller, Vorstand des Verbands Internet Reisevertrieb (VIR)

Condor, Air Berlin und Germania

Auch wenn man diese Fälle eigentlich nicht vergleichen kann (vgl. Condors positive Ergebnisse und Air Berlin und Germanias Verluste), zwei Streiflichter:

Blicken wir zurück:

Die Germania Fluggesellschaft mbH, bis dato viertgrößte Fluglinie, beantragte die Insolvenz am 4. Februar diesen Jahres und stellte sofort den Flugbetrieb ein. Andere Fluggesellschaften sprangen dann ein, die Urlauber zurück nach Deutschland zu holen.

Air Berlin, bis dato zweitgrößte Fluggesellschaft, beantragte am 15. August 2017 Insolvenz. Und eine Bundesbürgschaft. Damit konnte sie noch kurze Zeit fortgeführt werden. Den Millionenkredit hat sie komplett zurückgezahlt. Die letzte Rate wurde jetzt getilgt. (Über Air Berlin hatten wir bereits ausführlich berichtet.)

Condor mit seinen fast 5.000 Arbeitsplätzen blickt nach vorne. Dass der Flugbetrieb mit der Bürgschaft für den sechsmonatigen Überbrückungskredit bestehen bleiben kann, begrüßten auch Gewerkschafter und Industrie. Die Condorianerinnen und Condorianer bedanken sich „von Herzen bei der Bundesregierung und der hessischen Landesregierung für die Sicherung unserer Zukunft“.

Die Ära Pauschaltourismus

Die Zukunft in den Urlaubsregionen und wichtigen Cook-Destinationen wie Spanien, Griechenland, Portugal oder Tunesien ist durch die Thomas Cook-Insolvenz ungewisser geworden. „Das ist ein Erdbeben der Stärke sieben, und der Tsunami kommt erst noch“, so beispielsweise der Präsident des kretischen Tourismusverbands.

Millionen von Kunden brachte der Touristikkonzern weltweit in die Hotels und auf Pauschalreisen. Und hat in den letzten Monaten manche Hotels wohl schon auch nicht mehr bezahlt. Eine der inakzeptablen Folgen: Einige Hoteliers gehen aus Angst vor Zahlungsausfall im Ausnahmefall sogar soweit, Thomas Cook-Urlauber damit zu behelligen, ihren aktuellen Aufenthalt nochmals vor Ort zu bezahlen – bevor sie abreisen können.

Mit vielen Anreisen ist zunächst Schluss: Alle gebuchten Reisen mit Antrittsdatum bis zum 31. Oktober mussten von der deutschen Thomas Cook jetzt gestrichen werden.

Ganz zum Schluss ganz zurück zum Anfang: 1855 organisierte Thomas Cook die erste Europa-Rundreise für britische Touristen. Damit begann sie, die Ära des Pauschaltourismus.

von Reiner Hertl

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