US Postflieger

Harte Hunde und lahme Enten – Postflieger in den USA

Arnold Fischer
14.09.2018
4 Minuten

Die Luftfahrt hat in ihrer 130-jährigen Geschichte so manche Erkenntnis hervorgebracht. Zum Beispiel, dass man auf gar keinen Fall in technisch unzuverlässige Flugzeuge steigen sollte, wenn man eine Dauerbelastung anstrebt.

Postflieger – der Suicide-Club

Zu schwach dimensionierte Strukturen in Flugzeugen sind auch keine gute Idee, wenn man ständig an die Grenzen der Physik geht. Ohne redundante Systeme zu fliegen auch nicht, wenn Kompasse und Instrumente aller Art stark ausfallgefährdet sind. Bei jedem noch so schlechten Wetter mit einmotorigen Flugzeugen unbedingt sein Ziel erreichen zu wollen schon gar nicht. All diese Attribute treffen auf die US-Postflieger Anfang der 20er Jahre zu. Allein im Jahr 1921 kam es bei der US-Post zu mehr als 1.700 Notlandungen – die Hälfte davon wegen technischer Fehler, die andere Hälfte aufgrund schlechter Wetterbedingungen.

Regen, Sturm, Nebel und Dunkelheit, brennende Motoren oder einfach harte Hindernisse beim Versuch, tief fliegend den Weg zu finden – die Piloten waren echte Männer. Grenzgänger, die man heute Adrenalin-Junkies nennen würde. Sie stammten mehrheitlich aus dem Ersten Weltkrieg oder anders ausgedrückt: Sie hatten schon einiges überlebt und versuchten es weiter. Manche nannten die verwegene Gruppe von Überlebenskünstlern den „suicide-club“.

Wikimedia Commons – Urheber: Harris & Ewing, Fotografen – Mai 1918

Piloten, gefeiert wie Popstars

34 Piloten, nämlich jeder sechste Postflieger verlor zwischen 1918 und 1927 beim Zustellen sein Leben. In der amerikanischen Bevölkerung galten die harten Hunde bald als die wahren Helden ihrer Zeit. Die Flugzeuge – ausgediente Flugzeuge der Armee aus der Gebraucht-Flugzeugabteilung – waren oft nur mit Draht und Klebstoff zusammengeflickt, die Motoren nicht für Dauerbelastungen konstruiert. Andauernd vereisten die Vergaser, worauf die Motoren stehen blieben. Navigationsinstrumente außer dem Kompass gab es nicht. Im Tiefflug ging es über das Land, oft auch nachts.

Einer dieser Helden, die gefeiert wurden wie Popstars war Dean Smith. In seinen Aufzeichnungen schrieb er einige Jahre später: „Das Leben war so anregend und ausgefüllt, dass jede Alternative eintönig, prosaisch und fade erschien“. Ein weiterer Auszug aus Smith´ Leben wenige Stunden, nachdem er knapp dem Tode entronnen war: „Auf Strecke. Westwärts. Tiefflug. Motorschaden. Notlandung nur auf Kuh möglich. Kuh tot. Maschine Bruch. Ich zu Tode erschrocken.“

Mit Vollgas durch den Nebel

Den fliegerischen Alltag eines Postfliegers muss man sich wohl so vorstellen: In aller Herrgottsfrühe den ausgedienten Doppeldecker besteigen, der maximal beladen und untermotorisiert ist. Dann den Propeller anwerfen (buchstäblich) und im Morgengrauen auf die 30-stündige Tour von der Ost- zur Westküste starten. Da es oft noch neblig ist, bleibt dem Piloten erst einmal nichts anderes übrig, als einer markanten Bahnlinie oder einem Fluss zu folgen, auch wenn er nicht direkt auf Kurs liegt. Das wiederum schränkt den Aktionsradius des Flugzeugs ein und die Post braucht oft wesentlich länger als erwartet. Eine funktionierende Benzinanzeige? Nicht an Bord. Der Motor? Veraltet, verbraucht und anfällig. Das Wetter? Nie gibt es homogene oder durchgehende Wetterlagen zwischen Atlantik und Pazifik. Wetterberichte? Nicht vorhanden oder leidlich unpräzise. Also bleibt dem Piloten nichts anderes übrig, als sich der jeweiligen und ständig wechselnden Situation anzupassen und das beste daraus zu machen.

Betonpfeile als Orientierungshilfe

Nicht selten gingen die Piloten über geschlossene Wolkendecken, wenn diese auf dem Boden auflagen. Ohne zu wissen, ob sie später mit Bodensicht heruntergehen können, wenn sich der Kraftstoff oder das Tageslicht dem Ende neigte oder ein Gewitter auf dem Kurs stand. Manchmal blieb keine Alternative zum Fallschirm. Oder sie flogen ohne Sicht in wenigen Metern Höhe durch Flussbetten, in der Hoffnung, rechtzeitig Hindernisse wie Brücken zu erspähen. Oft in letzter Sekunde, mit der Frage „drunter oder drüber“.

Um den Abstürzen und Notlandungen etwas entgegenzusetzen, führte die amerikanische Post die weltweit erste zivile Navigationshilfe am Boden ein. Hierfür wurden auf den gängigsten Post-Flugrouten am Boden alle 16 Kilometer 21 Meter große Pfeile aus Beton gegossen, auf denen wiederum 15 Meter hohe Stahlmasten standen. An den Masten montierte man rotierende Lichter, die den Betonpfeil nachts und bei schlechter Sicht grellgelb erleuchteten und zudem ein Morsesignal aussendeten. Dadurch erfuhren die Piloten, welche Station sie soeben überflogen. Noch heute sieht man viele der Pfeile in den Landschaften der USA.

Wikimedia Commons – Urheber: Dppowell – 30. Juli 2014

Mit altem Gerät der Zukunft entgegen: Die Postflieger Helden lieferten die Grundlage dafür, dass später die ersten Passagiermaschinen ihren Dienst aufnehmen konnten. Auch Charles Lindbergh war Postflieger. Er sprang zweimal aus seiner Maschine ab und überlebte – um später als erster Transatlantik-Bezwinger unsterblich zu werden.

Ihr möchtet noch mehr über Helden in der Luftfahrt lesen? Dann könnte euch auch dieser Artikel gefallen.

Titelbild Wikimedia Commons – Harris & Ewing, Fotografen – 1939

von Arnold Fischer

Related Posts