Tante Ju - Iron Annie

Tante Ju, Iron Annie – Adieu Ikone! Teil Eins

Reiner Hertl
07.05.2019
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4 Minuten

Benötigt ein Flugzeug für die Strecke München-Hamburg drei Tage, kann das nur heißen: Es rollt zerlegt auf der Straße. Anfang April erreichte die Grande Dame Ju 52 D-AQUI, Deutschlands bekanntester Oldtimer-Flieger, auf drei Spezialfahrzeugen via Autobahn ihre Homebase. Jetzt sind die Würfel gefallen: Die Legende bleibt auch für immer am Boden.

Nach 83 Dienstjahren geht Deutschlands wohl berühmtestes Flugzeug in den Ruhestand

Der 18 Meter lange Rumpf und die jeweils 850 Kilo schweren Tragflächen kamen auf drei Schwertransportern wieder zu Hause an, bei der Lufthansa Technik in Fuhlsbüttel. Zuvor wurde in München eine notwendige Reparatur an der Triebwerksaufhängung nicht mehr abgeschlossen. Denn zwischenzeitlich, im Januar diesen Jahres, hatte der Lufthansa-Konzern entschieden, die bislang sich großer Beliebtheit erfreuenden Rundflüge der Tante Ju auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht länger zu subventionieren.

Der Aufwand, ein historisches Fluggerät flugfähig zu halten, steigt irgendwann in Höhen, die auch für große Konzerne wie die Lufthansa untragbar sein können.

Wolfgang Servay, Sprecher der Deutsche Lufthansa Berlin Stiftung

Nicht nur nach dem tragischen Absturz einer Ju 52 im schweizerischen Graubünden im August 2018 spielen sicherlich auch Sicherheitserwägungen eine große Rolle. Und so ist jetzt eine weitere Entscheidung gefallen: Die Junkers Ju 52 D-AQUI kommt endgültig in Rente, in ein noch zu bestimmendes, renommiertes Museum. Das Flugzeug „wird in einem angemessenen Rahmen für die Zukunft bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht“, wie die Eigentümerin, die Stiftung, nun verkündete.

In diesem Video könnt ihr den Transport der Tante Ju mitverfolgen. Leider erfolgte der Transport nachts…

Freunde, Unterstützer und Sponsoren der historischen Flug- und Zeitreisen

Viele Aero-Enthusiasten und Fans des „Dinos“ wünschen sich das Propellerflugzeug weiter in die Lüfte statt ins Museum. Aber die Wartung und Restaurierung der dreimotorigen Legende mit seiner charakteristischen Wellblechbeplankung wurde immer teurer, die Stiftung Jahr für Jahr mit hohen Beträgen vom Lufthansa-Konzern bezuschusst. Denn „Wir können nicht einfach den Hersteller anrufen und ein Ersatzteil bestellen“, bringt Servay von der Lufthansa-Stiftung die MRO-Problematik auf den Punkt.

Jedes Ersatzteil musste als Sonderanfertigung hergestellt und abgenommen werden. So ist es ob des Zahns der Zeit nicht mehr einzulösen, die ursprünglich anvisierten 100 Jahre Flugfähigkeit zu erhalten. Aber 83 Jahre treue Dienste sprechen Bände für die Zuverlässigkeit des Klassikers, der in vielen Varianten gebaut wurde:

Wechselvolle Historie und bewegtes Leben der Ju 52 D-AQUI

Der Erstflug der im Junkers-Stammwerk im sachsen-anhaltinischen Dessau gebauten D-AQUI fand am 2. April 1936 statt. Nach der Übergabe an die Lufthansa gab es bereits nach drei Monaten fliegenden Wechsel: Eine Stationierung in Norwegen erfolgte, dann folgten Jahre in Südamerika, wo sie letztendlich im ecuadorianischen Quito fast als Wrack zu enden drohte. Bis der Amerikaner Lester F. Weaver das Flugzeug dort entdeckte, aufwändig restaurieren ließ und später weiterverkaufte. Als „Iron Annie“ war die Tante Ju dann acht Jahre lang Star auf zahlreichen Airshows in den USA. Dann fanden 1984 passionierte Piloten der Lufthansa die alte Lady dort und erwirkten, dass die Lufthansa sie nach Deutschland zurückholte und für alle Anforderungen des modernen Luftverkehrs wieder flott machte. Nostalgische Rundflüge wurden gesponsert und ermöglicht – was europaweit die Herzen von rund 250.00 Fluggästen in mehr als 30 Jahren höher schlagen ließ. Fast 11.500 Flugstunden war die Ju seit 1986 dafür in der Luft. Wie viele es insgesamt sind, bleibt ihr Geheimnis.

Was andere Flugzeuge in ihren circa 30 bis 40 Jahren leisten, verdoppelte die Ju 52 D-AQUI zeitlich auf 83 Jahre. Dieser legendär langen Historie werden wir in einem weiterem Beitrag noch näher nachgehen. Auf einem Zeitstrahl, den die Deutsche Lufthansa Berlin Stiftung zusammengestellt hat, könnt ihr schon mal nachfliegen und diese Geschichte überfliegen.

Fliegendes, bewegliches Denkmal

Die Ju 52 ist ein außergewöhnliches, bewegliches Denkmal. Sie steht wie kaum ein anderes Flugzeug für die deutsche Luftfahrtgeschichte.

Mit dieser Begründung stellt die Hamburger Kulturbehörde die Ju 52 im August 2015 als erstes Passagierflugzeug der Welt unter Denkmalschutz und trug sie in die Denkmalliste Hamburg ein. Jetzt im April 2019 konstatierte die Deutsche Lufthansa Berlin-Stiftung nach jahrzehntelangem Engagement und Unterstützung: „Mit der Ju 52 ist es uns gelungen, ein wichtiges Stück deutschen luftfahrttechnischen Kulturerbes in einzigartiger Weise zu erhalten.“ Thank Ju!

Titelbild – IanC66 / Shutterstock.com (redaktionelle Verwendung)

von Reiner Hertl

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