Tante Ju 52

Tante Ju, Iron Annie – Adieu Ikone! Teil Zwei

Reiner Hertl
14.05.2019
2 Fotos
4 Minuten

Während Mitte April mit der „Stratolaunch“ das größte Flugzeug der Welt zum ersten Mal abhob (WingMag berichtete), bleibt mit der Entscheidung der Lufthansa Ende April eines der ältesten noch fliegenden Passagiermaschinen der Welt endgültig am Boden. Zeit, die bewegte Historie der Ju 52 D-AQUI, bekannt als „Tante Ju“, Revue passieren zu lassen.

Wie man zur Legende wird

Luftfahrt-Kurator Hans Holzer vom Deutschen Museum in München, in der auch ein Exemplar der Junkers Ju 52 ausgestellt ist, fasst es so zusammen :

Die Tante Ju verkörpert das goldene Zeitalter der Luftfahrt – und steht für Pioniergeist und großes Abenteuer.

Luftfahrt-Kurator Hans Holzer vom Deutschen Museum in München

Und dieses Abenteuer wurde noch größer, wenn man es selbst erleben konnte. Seit 1986 war die Ju 52 D-AQUI wieder in Europa unterwegs und nahm jährlich circa 8.000 Passagiere mit auf die nostalgische Reise. Die auch die Crew-Mitglieder regelmäßig zu begeistern vermochte:

Die Motoren einer Ju 52 anzulassen, ist jedes Mal unheimlich schön

Chefpilot Uwe Wendt, 2016

In diesem Jahr feierte die Ju 52 D-AQUI ihr 80. Jubiläum. Tauchen wir kurz ein in diese langen acht Jahrzehnte Fluggeschichte:

Als Seeflugzeug mit Schwimmern ausgeliefert – 1936

Die Junkers Ju 52/3m mit dem historischen Kennzeichen D-AQUI wurde als eines von insgesamt fast 5.000 Flugzeugen dieses auch in Lizenz gebauten Typs im Jahr 1936 mit Schwimmkufen und 16 Sitzplätzen ausgeliefert. Am 10. April 1936 ging sie fabrikneu an die Lufthansa und erhielt dort den Taufnamen „Fritz Simon“, nach einem bei einem Absturz verunglückten Lufthansa-Piloten.

Bereits ein Vierteljahr später wird die D-AQUI nach Norwegen überlassen, wo sie den Beinamen „Falken“ trug und bis 1940 im Dienste stand. Von 1940 bis 1945 als „D-AQUI Kurt Wintgens“ ging es wiederum in den Dienst der Lufthansa.

Nach ihrem Einsatz im Zweiten Weltkrieg stand die D-AQUI eigentlich vor der Verschrottung – aber mit dem Einbau baugleicher Teile einer anderen Ju 52 entstand sie nochmals neu, um wieder auf norwegische Küstenrouten zurückzukehren.

Bis der Lufthansa-Pilot Christof Drexel 1957 das Flugzeug erwarb, um es in Oslo nicht nur grundüberholen zu lassen, sondern auch auf die Landversion mit Räderwerk umzurüsten. Zerlegt und per Schiff verschickt, wurde das ecuadorianische Kapitel aufgeschlagen:

1957 bis 1963 – Im Passagier- und Frachtverkehr den Amazonas auf und ab

Flexibilität und Vielseitigkeit war schon immer eine ihrer Stärken – von den Nordkap-Routen direkt nach Südamerika. Bei „Transportes Aereos Orientales S.A. (TAO) fliegt die Junkers von Quito aus, der Hauptstadt Ecuadors, im ganzen Amazonasgebiet. Passend mit dem Beinamen „Amazonas“ zugelassen. Als jedoch die Versorgungsprobleme mit Ersatzteilen immer größer wurden, parkte man die Grande Dame am Rande dieses Flughafens, wo sie acht Jahre lang vor sich hindämmerte.

Das amerikanische Kapitel – 1970 bis 1984

Der Bomberpilot Lester F. Weaver erweckte sie 1970 dort nicht nur aus diesem Schlaf, sondern machte sie nach dem Kauf für 5.000 USD auch in sechs Monaten wieder flugfähig für einen acht Tage dauernden Überführungsflug nach Illinois, USA. Von dort aus ging es nach dem Weiterverkauf an Cannon Aircraft und dann an den amerikanischen Schriftsteller Martin Caidin weiter nach Florida. Caidin taufte die Old Lady in „Iron Annie“ um und präsentierte sie unter diesem Namen acht Jahre lang auf Airshows. Nach der Modernisierung von Motor, Reifen und Bremsanlage wurde ihr 1976 sozusagen wieder ein neues Leben eingehaucht. Das 1984 wieder eine wichtige Wende nahm, da Lufthansa-Piloten sie entdeckten:

1984 – Rückkehr nach Deutschland und wieder zu Hause

Die Entdecker konnten den Vorstand der Fluggesellschaft dafür gewinnen, die historische Maschine nach Deutschland zurückzuholen. Der Überführungsflug des Flugzeugs mit circa 825 km Reichweite dauerte 16 Tage und führte über Grönland, Island und England. Wieder zu Hause bei der Lufthansa ging es erneut in die Restaurierung, bis sie auch die neuesten Bauvorschriften erfüllte. Und dann seit 1986 bei Rundflügen ihre Passagiere abholte. Die jetzt „Berlin-Tempelhof“ genannte Ju war auch die letzte Maschine, die vom Flughafen Berlin-Tempelhof abhob, bevor dieser 2008 offiziell geschlossen wurde.

2019 ist nun auch Schluss für die Junkers Ju D-AQUI: Der Flieger, der in 83 Jahren so viel unter so vielen Namen und in so vielen Nationen erlebte, darf sich zur Ruhe setzen. Wie die Deutsche Lufthansa Berlin-Stiftung nun Ende April bekannt gab und wir im Teil 1 dieses spannenden Sujets erwähnten, wird diese Tante Ju nicht mehr abheben und für die museale Ausstellung vorbereitet. Dort wird die Ju D-AQUI von viel Flughistorie zu erzählen wissen und wieder nicht die Flügel hängen lassen bei ihrer stolzen Spannweite von 29,25 Metern. Die „Stratolaunch“, geeignet als neue Legende, bringt es derweil auf superlative 117 Meter Breite.

von Reiner Hertl

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