Thromboserisiko Fliegen

Thromboserisiko beim Fliegen – Wird die Gefahr über- oder unterschätzt?

Martina Roters
04.05.2020
5 Minuten

Noch um die Jahrhundertwende beschäftigten sich Mediziner mit den rätselhaften Ursachen, die junge, im Schützengraben hockende Soldaten oder Wöchnerinnen (Frauen, die nach der Geburt das Bett hüten mussten) in den Spitälern plötzlich tot zusammenbrechen ließen. Dank der Entwicklung der modernen Medizin steht uns heute Wissen über die Ursachen und Therapien zur Behandlung der tiefen Venenthrombose (TVT) zur Verfügung.

Immer wieder macht sie im Zusammenhang mit dem Fliegen Schlagzeilen: die Reisethrombose, auch Flugthrombose, Flugzeugthrombose oder gar Touristenklasse-Syndrom genannt.

Also schauen wir uns doch zuerst einmal an, um was es sich eigentlich handelt.

Was ist eine Thrombose?

Thrombose nennt man die Bildung eines Blutgerinnsels (Thrombos = griechisch Klumpen) im Blutkreislauf, das den ungehinderten Blutfluss verhindert. Das passiert sehr häufig in den Beinvenen. In einigen Fällen bleiben Thrombosen unbemerkt, in anderen Fällen dagegen kommt es zu einer Rötung und Schwellung in der Umgebung. Das Verklumpen des Bluts ist ein lebensrettender Vorgang, wenn wir uns verletzen, aber im Falle der Thrombose kann es lebensbedrohend werden: und zwar dann, wenn ein solcher Thrombus sich losreißt und in den Lungenkreislauf gelangt. Immerhin sterben Zehntausende Menschen in Deutschland jährlich an einer Lungenembolie.

Thromboserisiko Fliegen
Thrombose im Bein

Was sind die Ursachen für eine Thrombose?

Es gibt drei Grundursachen:

Die Blutzusammensetzung

Diese kann erblich, durch Einnahme bestimmter Stoffe, durch Flüssigkeitsmangel, durch Krankheit oder Schwangerschaft verändert sein.

Die Fließgeschwindigkeit des Blutes

Hierauf wirken sich folgende Faktoren aus: Abquetschung des Blutgefäßes, aber auch generell erzwungener oder freiwilliger Bewegungsmangel.

Die Beschaffenheit der inneren Gefäßwände

Die Elastizität und Glätte der Gefäßwände nimmt mit dem Alter ab; sie wird natürlich auch durch Krankheiten (Diabetes, Venenentzündung, Tumore) oder Verletzungen (u. a. Operationen) sowie durch Rauchen beeinträchtigt.

Blut - Arterie
Illustration weißer und roter Blutkörperchen © Pixabay Vector8DIY 4769605

Welches sind die größten Risikofaktoren?

Hohes Thromboserisiko:

Am gefährdetsten sind alle Personen mit einer Thrombose-Vorgeschichte.

Auch nach einer Operation oder Verletzung ist man noch eine Zeit lang einem höheren Thromboserisiko ausgesetzt. Nicht umsonst werden im Krankenhaus – und im Einzelfall noch danach für Zuhause Thrombosespritzen verabreicht.

Auch Krebspatienten sind erheblich gefährdet, ihr Thromboserisiko ist 4 bis 6 mal so hoch wie bei Gesunden. Die Thrombose ist bei ihnen die zweithäufigste Todesursache! Scheinbar kommt es allgemein zu einer verstärkten Blutgerinnung. In Einzelfällen wächst auch Tumorgewebe in ein Blutgefäß hinein, oder drückt es beim Wuchern zusammen. Manche Ärzte sehen Thrombosen schon als „Tumormarker“ an. Wer eine Chemotherapie bekommt, dessen Gefäßwände können durch die Medikamente geschädigt werden, aber auch die absterbenden Tumorzellen in der Blutbahn führen zu vermehrter Blutgerinnung.

Mittleres Thromboserisiko:

Es versteht sich fast von selbst, dass Menschen mit Herzerkrankungen ebenfalls häufiger eine Thrombose erleiden. Das gleiche gilt auch für Schwangere und für Frauen, die Hormonpräparate nehmen.

Auch nach einer Entbindung ist das Thromboserisiko noch eine Zeit lang erhöht, und zwar nicht nur bei Frauen, die durch Kaiserschnitt entbunden haben. Scheinbar wirken sich hormonelle Umstellungen generell negativ auf die Blutgerinnung aus.

Rauchern dürfte bewusst sein, dass sie ihre Blutgefäße schädigen und daher ihr Thromboserisiko steigt.

Bei Übergewichtigen ist der Zusammenhang vielleicht nicht so klar, denn selbst Ärzte können den Mechanismus für die erhöhte Thromboseneigung noch nicht genau erklären.

Wer von Krampfadern geplagt ist, der wird vermutlich schon mit Kompressionsstrümpfen Bekanntschaft gemacht haben. Krampfadern sind schon ein sichtbares Zeichen für vermehrten Blutrückstau.

Genau so, wie eine sitzende Tätigkeit die Entstehung von Krampfadern begünstigt, verstärkt Immobilisation natürlich auch das Risiko.

Zuletzt noch ein etwas kurioses Faktum: Menschen mit einer Körpergröße über 1,90 Meter haben – unabhängig von anderen Risikofaktoren ebenfalls etwas häufiger Thrombosen. Warum ist unklar; eine mögliche Erklärung wäre, dass größere Menschen einfach eine viel größere Fläche an Blutgefäßinnenwänden haben, an denen ein Thrombus entstehen kann.

Wie hoch ist jetzt das Thromboserisiko überhaupt?

Das zu bewerten ist offenbar eine schwierige Aufgabe, denn Studien zum Thema kommen zum Teil zu sehr widersprüchlichen Ergebnissen. Zum Glück haben ein paar Fachleute die Widersprüche zum Anlass für eine Metastudie genommen. Dabei fanden sie heraus, dass die Ergebnisse stark von der Auswahl der Kontrollgruppe abhingen. In ihrem Fazit halten sie es für eine seriöse Annahme, dass sich das Risiko der venösen Thromboembolie (VTE) auf Reisen knapp verdreifacht.

Pro zwei Stunden längere Flugreisedauer erhöht es sich um 26 Prozent.
In absoluten Zahlen ausgedrückt: 1 Fall auf knapp 6.000 Flugreisen.

Grundsätzlich kann man also sagen, dass sich gesunde Menschen nicht vor der Thrombose fürchten müssen, Personen mit einem oder gar mehreren Risikofaktoren hingegen tun sich durchaus gut daran, ein paar präventive Maßnahmen zu ergreifen.

Wer sollte vor Reiseantritt mit seinem Arzt sprechen?

Gefährdet sind Menschen mit Risikofaktoren (s. o.). Gerade dann, wenn mehrere Risikofaktoren zusammenkommen, ist natürlich Vorsicht besser als Nachsicht. Und die Wahrscheinlichkeit ist doch recht hoch. Hier ein paar fiktive Fälle:

Solche Menschen sollten vor einer Flugreise natürlich mit ihrem Arzt sprechen. Im Einzelfall kann er ihnen dann ein vorbeugendes Medikament verschreiben und/oder das Tragen von Thrombosestrümpfen empfehlen. Von einer Selbstmedikation mit Aspirin (Acetylsalicylsäure) ist laut Expertenmeinung abzuraten.

Was tun gegen Reisethrombose?

Auch während der Reise kann man selbstverständlich vorbeugen:

Und vor allem das A und O: Egal wie spannend das Buch oder wie fesselnd der Film, immer wieder die Beine bewegen!

Inspiration dafür gibt es in diesem Video mit rhythmischen Übungen im Sitzen zur Mobilisierung der Muskelpumpe. Diese eignen sich auch Zuhause für den Schreibtisch, dann kann man’s später auch im Flieger…

Wenn wir schon beim Thema Gesundheit sind, kennt ihr schon unseren Artikel zum Thema „Erkältung nach dem Fliegen„?

von Martina Roters

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