UFO-Streik Lufthansa

UFO-Streik bei der Lufthansa – nicht Sichtung, sondern Schlichtung

Manfred Mittelgang
15.11.2019
3 Fotos
5 Minuten

Mit Sicherheit haben viele Leser die Berichterstattung über den Streik des Kabinenpersonals bei der Lufthansa mit Spannung verfolgt. Vielleicht war sogar der eine oder andere von euch persönlich betroffen. Bei mehr als 200.000 betroffenen Flugpassagieren ist dies sogar ziemlich wahrscheinlich. Im Moment daher das Wichtigste: Der Streik ist vorerst abgewendet, der Kranich erhebt sich wieder in die Lüfte, Fluggäste können aufatmen! Dies verdankt sich der Tatsache, dass die Lufthansa und die Flugbegleitergewerkschaft UFO sich auf ein Schlichtungsverfahren geeinigt haben. Die Airline kehrt mit UFO als Gewerkschaft an den Verhandlungstisch zurück.

Streik des Kabinenpersonals – was war geschehen?

Der zweitägige Streik der Flugbegleiter sah die Luftüberlegenheit auf Seiten der Gewerkschaft UFO. Allein am ersten Streiktag musste der Konzern bei seiner Hauptmarke Lufthansa rund 700 der weltweit 1.100 geplanten Flüge streichen.

Wenn vor allem an Großflughäfen wie München und Frankfurt Maschinen mit dem Kranich-Logo am Boden bleiben mussten, ist das wirtschaftlich ein herber Schlag für die Airline: Ein Großteil der lukrativen Überseeflüge musste ausfallen. Annulliert werden mussten aber auch Zubringerflüge von kleineren deutschen Airports.

Wie reagierten die Betroffenen?

Doch wie gingen die Betroffenen – die Flugpassagiere – mit dieser Situation um?

Ikonische Bilder von Abflugtafeln – „CANCELLED“ – und seltsam leeren Hallen gehen durch die Medien. Dennoch: Allzu lange Warteschlangen an den Schaltern gibt es nicht zu sehen. Viele Passagiere hatten sich im Vorhinein informiert, bestätigte etwa eine Sprecherin des Flughafenbetreibers Fraport.

Allerdings verursacht so ein Streik gewissermaßen auch Kollateralschäden. In diesem Fall erhebliche Verunsicherung auch unter Passagieren anderer Airlines, die befürchteten, sie könnten ebenfalls von den Ausfällen betroffen sein.

Lufthansakunden – so war Befragungen zu entnehmen, fühlten sich durch die Kommunikation der Kranich-Airline nicht alleingelassen. Trotz der Widrigkeiten sahen sie sich gut im Vorfeld informiert. Oder sie informierten sich selbst: Jedenfalls sei das Webportal der Lufthansa an diesen Tagen schon mal wegen Überlastung kurzzeitig in die Knie gegangen. Fluggästen wurden Umbuchungen auf andere Gesellschaften und Tage sowie im innerdeutschen Verkehr auf die Bahn angeboten.

Worum es geht: Der Gegenstand des Konflikts

Worum genau geht es in dem Konflikt zwischen Lufthansa und der Flugbegleitergewerkschaft? Nun, im Grunde um mehrere Dinge gleichzeitig. Da wären zum einen die gewissermaßen klassischen Forderungen einer Gewerkschaft, für deren Durchsetzung gestreikt wird: Dies sind vor allem Anhebung von Gehältern, Anpassung der Spesen- und Zulagenregelung ans aktuelle Kostenniveau und bessere Arbeitsbedingungen, insbesondere den besseren Zugang für Saisonkräfte in reguläre Anstellungsverhältnisse.

Zum anderen geht es auch um Grundsatzfragen: Da wäre einmal die Anerkennung der UFO unter ihrem im Mai 2019 gewählten Vorstand durch die Lufthansa. Der Konzern hat die Frage aufgeworfen, ob UFO überhaupt Tarifverträge für die rund 21.000 Lufthansa-Flugbegleiter durchsetzen kann. Denn nach internen Konflikten ist bei UFO ein neuer Vorstand im Amt, den die Mitgliederversammlung im Amt bestätigt hat. Die Lufthansa war bisher der Ansicht, der bestehende Vorstand sei nicht vertretungsberechtigt.

Zudem geht es – man erinnere sich an die Streiks der Lokführer vor einigen Jahren – um handfeste Machtfragen. Vor allem um die, welche Gewerkschaft zukünftig die Tarifverträge für die Mitarbeiter im Kabinenpersonal aushandelt und unterzeichnet. Neben der UFO melden da nämlich auch die Gewerkschaft Verdi und die erst kürzlich gegründete Cabin Union (CU) Ansprüche an – letztere gegründet von der Industriegewerkschaft Luftverkehr als deren offizielle Kabinen-Sparte. Mit dem Vertretungsanspruch für Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter tritt die Cabin Union in direkte Konkurrenz zu UFO und Verdi.

Es gibt natürlich den Grundsatz der Tarifeinheit, dem zufolge in einem Betrieb eigentlich die mitgliederstärkste Gewerkschaft die Tarifbedingungen vereinbaren soll. Hier kann UFO für sich wohl in Anspruch nehmen, mehr als die Hälfte der Lufthansa-Flugbegleiter zu vertreten.

UFO – schon länger bekanntes Flugobjekt

Runden wir diesen Artikel mit einem kurzen Blick in die Geschichte und die Ziele der UFO ab. Das Kurzwort, das für Unabhängige Flugbegleiter Organisation steht, wird medial (in dieser Bedeutung!) erstmals 1992 gesichtet. In diesem Jahr wird die UFO gegründet.

Die Fachgewerkschaft für das Kabinenpersonal in der deutschen kommerziellen Luftfahrt hat heute über 10.000 Mitglieder.

Einer der Hauptgründe für die Gründung – so entnimmt man es der UFO-Webseite – war „die Unfähigkeit der damaligen Großgewerkschaften DAG und ÖTV, die Interessen der Kabinenkollegen angemessen zu vertreten. Die spezifischen berufs- und tarifpolitischen Fragestellungen von Flugbegleiterinnen und Flugbegleitern wurden von diesen Gewerkschaften nicht ausreichend oder gar nicht beantwortet. Um die individuellen Probleme für diese Berufsgruppe aufzuzeigen und sich speziell für die Interessen des Kabinenpersonals einzusetzen, wurde die Idee der UFO geboren.“

Seit Gründung der UFO war die Anerkennung des Berufsbildes für Flugbegleiter eines der wichtigsten Themen. Vor allem für Kollegen, die dauerhaft fluguntauglich werden oder aus anderen Gründen die Kabine wieder verlassen, galt die Arbeit in der Kabine am Arbeitsmarkt bisher nur als angelernte Tätigkeit. UFO schuf gemeinsam mit IHK und Lufthansa sowie einem externen Bildungsträger, einen anerkannten Beruf, der als so genannte IHK-Aufstiegsfortbildung in dem Abschluss zum „Fachberater Servicemanagement“ mündet. In vielen Artikeln hier auf WINGMAG könnt ihr lesen, was alles zum anspruchsvollen Beruf der Flugbegleiter gehört, unter anderem in der Kolumne von Linda Luftikuss.

UFO hatte sich 1992 von den Vorläuferorganisationen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi abgespalten. UFO hat ihren Sitz in Mörfelden-Walldorf bei Frankfurt am Main. Die Gewerkschaft hat nach eigenen Angaben einen Organisationsgrad von über 70 Prozent. Die Gewerkschaft ist seit Juli 2002 Tarifpartner der Lufthansa und weiterer Fluggesellschaften wie Condor Flugdienst, Eurowings, Germanwings und Lufthansa CityLine.

Bereits in früheren Jahren war die Gewerkschaft mit effizienten Streikmaßnahmen hervorgetreten. So organisierte sie vom 31. August bis zum 4. September 2012 einen deutschlandweiten Streik bei der Lufthansa. Forderungen damals: mehr Lohn und keine Auslagerungen von Betriebsteilen, keine Beschäftigung von Leiharbeitern in der Kabine. Nachdem die DLH ihrerseits erklärte, auf Leiharbeit in der Kabine verzichten zu wollen, erfolgte eine Einigung.

Für Historiker und „UFOlogen“: Der im Jahre 2015 von UFO bei der Deutschen Lufthansa durchgeführte Streik war mit acht Tagen Arbeitsniederlegung der bislang längste Streik in der Lufthansa-Geschichte Auch 2016 zeigte sich das UFO wieder am Himmel: mit Warnstreiks bei Germanwings und Eurowings – gewissermaßen jeweils 24 Stunden „UFO-Alarm“!

Titelbild © SFS

von Manfred Mittelgang

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