Ultraleichtflieger

Ultraleichtflieger treiben die Zahl der Flugunfälle nach oben

Esther Nestle
15.10.2019
3 Fotos
4 Minuten

Wir hatten die Gelegenheit, mit einem fliegerisch sehr erfahrenen und im Luftrecht ausgewiesenen Rechtsanwalt zu sprechen, Dr. Stefan Krauss. Wir lernen, dass der Trend hin zu immer mehr Ultraleichtfliegerei einen hohen Preis hat. Und: Wo auf der Welt liegt das Segelflieger-Paradies?

Teil zwei des Interviews mit Dr. Stefan Krauss

Wie viele Flugunfälle passieren pro Jahr in Deutschland?

Die genauen Zahlen habe ich gerade nicht im Kopf. Aber die finden Interessierte auf der Seite der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen.

Die sogenannten „normalen“ Flugunfälle sind eher rückläufig. Was zum einen an der durchgängig guten Pilotenausbildung liegt, zum anderen an der Tatsache, dass der Zuwachs an sogenannten „normalen“ Piloten geringer wird. In den meisten Fällen sind Unfälle auf Pilotenfehler zurückzuführen. Fällt beispielsweise der Motor aus, hat das nicht gleich einen Unfall zur Folge. Erst die falsche Reaktion kann dann fatale Folgen nach sich ziehen. Die Qualität der Ausbildung ist das A und O!

Sie sprechen von „normalen“ Piloten und Unfällen. Geht auch „unnormal“?

Damit meine ich die Ultraleichtflugzeuge. Meinem Gefühl nach ist bei den Ultraleichtpiloten auch die Ausbildung ultraleicht. Ich sage, dass eine beträchtliche Zahl der Ultraleichtpiloten nicht wirklich fliegen kann. Bleibt denen der Motor stehen, fühlen sie sich verloren. Viele überleben in einem solchen Fall trotzdem, weil der Fallschirm aufgeht. Heikel wird es beim Start oder Landeanflug, also wenn die Fallhöhe für die Fallschirmrettung zu niedrig ist. Und diese Fälle häufen sich in den letzten Jahren leider.

Trotz dieses Trends ereignen sich im Verhältnis immer noch viel weniger Flug- als Autounfälle, auch wenn die öffentliche Wahrnehmung eine andere sein mag. Eine Notlandung auf dem Acker wirkt spektakulärer als ein Unfall auf der Autobahn – selbst wenn beim Autounfall Menschen sterben und bei der Notlandung niemand zu Schaden kommt.

Herr Dr. Krauss, Sie sind Anwalt für Luftrecht, Fluglehrer, Prüfer, Sachverständiger. In der Summe ein einzigartiger Kompetenzmix, den nur sehr wenige innehaben.

In Deutschland arbeiten ungefähr 162.000 Anwälte. Geschätzt 500 bis 1.000 meiner Berufskollegen haben einen Pilotenschein. Darunter finden Sie vielleicht ein Dutzend, die darüber hinaus als Fluglehrer, Prüfer und Sachverständiger qualifiziert sind. Man trifft also bei den entsprechenden Vorkommnissen immer auf dieselben Leute; man kennt sich und die Fälle teilen sich unter uns auf. Bei Flugunfällen sind natürlich immer auch Versicherungsgesellschaften involviert. Wir begegnen ihnen auf Augenhöhe, können deren Argumente gut beurteilen und einschätzen.

Wie wird man Experte für Luftrecht? Als Studienfach wird es nirgendwo angeboten.

Wenn ich von mir ausgehe: Mit 15 habe ich das erste Mal von Luftrecht gehört, im Theorieteil zum Segelflugschein. Vieles ist beinahe selbsterklärend, wie im Straßenverkehr auch. Man darf dem anderen nicht „die Vorfahrt nehmen“, ihn nicht schneiden.  Man lernt, welche Lichter wann einzusetzen sind. Vertieft habe ich mein Wissen, als ich mit 21 Jahren meinen Fluglehrer-Lehrgang absolvierte. Danach oblag dann immer mir die Aufgabe, Flugschülern alle wichtigen Luftrecht-Aspekte in der theoretischen Ausbildung zu vermitteln.

Wie man an meinem Beispiel sieht: Basiserkenntnisse werden in jeder Pilotenausbildung vermittelt. Darüber hinaus gehende Kenntnisse erwirbt man mittels „Learning on the job“, also durch regelmäßiges Arbeiten an und mit den Themen in der Praxis.

Was fasziniert Sie an der Fliegerei?

Die Vogelperspektive, so banal es klingen mag. Sie sehen mehr, Sie erhalten einen besseren, realistischeren Blick auf das Ganze, Sie weiten Ihren Horizont – nicht nur Ihren visuellen, den sichtbaren Horizont, sondern nicht zuletzt auch Ihren Wissenshorizont. Nehmen Sie beispielsweise die Meteorologie. Ihnen wird in der Tagesschau die Wetterkarte erklärt, und Sie sind in der Lage, Ihre eigenen, zusätzlichen Schlüsse ziehen.

Nie Angst in der Luft? Schon selbst brenzlige Situationen erlebt, zum Beispiel Gewitter?

Die Flieger, mit denen man bei schlechtem Wetter fliegt, sind alle mit Instrumenten ausgestattet, die dem Piloten Gewitterzellen anzeigen. In Gewitterzellen hat man nicht reinzufliegen. Punkt.

Eine wirklich brenzlige Situation hatte ich vor vielen Jahren. Da saß ich im Schleppflugzeug und der Pilot des Segelfliegers, den ich zog, überstieg mich. Im Motorflugzeug ging es dann abwärts, die Vorrichtung, mit der das Schleppseil gekappt wird, blieb stecken und wir hatten Glück, dass das Seil dann hinten automatisch ausklinkte. Ich habe dann anschließend mit dem Segelflugzeugpiloten so viele Schulflüge durchgeführt, bis er die Startart beherrscht hat.

Ihr persönliches Fliegerparadies?

Namibia! Die starken Aufwinde treiben die Wolken sehr weit nach oben, mit einer Wolkenbasis von vier- oder fünftausend Metern Höhe. Entsprechend hoch können Sie mit Ihrem Segelflugzeug aufsteigen und große Strecken zurücklegen. Strecken von über 1.000 Kilometer sind keine Seltenheit. Zum Vergleich: Hierzulande sitzt die Wolkendecke zumeist bei circa 1.500 Metern. Ein Höhenflug über Namibias atemberaubende Landschaft, mit Wüste und Dünen, Steppe, Wald ist das Paradies für jeden Segelflieger!

Danke für das Gespräch! Und weiterhin allzeit guten Flug.

von Esther Nestle

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