Germanwings-Streik - Lufthansa - UFO

Vorläufiges Ende des Germanwings-Streiks: Streithähne immer noch auf Konfrontationskurs

Jennifer Weitbrecht
03.01.2020
4 Fotos
5 Minuten

Entgegen der ursprünglichen Ankündigung, möchte UFO den Streik der Flugbegleiter vorerst nicht weiter fortsetzen. Die Lufthansa-Tochter Germanwings fliegt seit Donnerstag also wieder.

Schon seit Jahren verhärten sich die Fronten zwischen der Gewerkschaft UFO und dem Lufthansa-Konzern. Vordergründig geht es um Lohnsteigerungen sowie Personalregelungen, doch das ist nur die halbe Wahrheit. Was steckt wirklich hinter dem Tarifstreit und welchen Stellenwert haben die internen Probleme von UFO dabei? Über eine festgefahrene Situation …

Das war der Germanwings-Streik

Aktuell bestreikt wurde die Lufthansa-Tochter Germanwings: Drei volle Tage und rund 200 ausgefallene Flüge, allein 70 am dritten Streiktag. Im Rahmen des anhaltenden Konfliktes hatte es außerdem bereits einen Warnstreik bei vier Lufthansa-Tochterunternehmen sowie einen zweitägigen Streik im November bei der Lufthansa selbst gegeben, mit rund 1.500 ausgefallenen Flügen und circa 200.000 betroffenen Passagieren.

Kleiner Einschub – Germanwings-Eckdaten laut Konzernangaben:

Nach Angaben von Lufthansa konnten die Auswirkungen des Streiks dadurch eingeschränkt werden, dass andere Tochterunternehmen wie Austrian Airlines eingesprungen seien. Im Gegensatz zum Lufthansa-Streik im November wären dieses Mal alle Passagiere frühzeitig informiert und umgebucht worden.

Der zündende Funken

Einer der im Tarifstreik wohl bekanntesten Namen ist Nicoley Baublies. Bereits Ende 2015 hatte er in seiner damaligen Funktion als UFO-Chef das Lufthansa-Oberhaupt Carsten Spohr herausgefordert: Mit einem einwöchigen Streik des Kabinenpersonals. Das Machtspiel zahlte sich aus. Es sprangen eine Gehaltserhöhung von fünf Prozent sowie sichere Arbeitsplätze bis 2021 heraus. Nicht verwunderlich, dass die Gewerkschaft schlagartig einen enormen Zulauf verzeichnen konnte.

Glaubt man Gerüchten, so müsse Baublies nach Vorgabe des Aufsichtsrates seit dem damaligen Tarifkonflikt das Unternehmen verlassen. Ihm sei schon mehrfach gekündigt worden, außerdem würden mutmaßlich überzahlte Bezüge zurückgefordert und er habe sich einem Drogentest unterziehen müssen.

Worum geht es im Tarifkonflikt UFO vs. Lufthansa?

Wie einführend bereits erwähnt, sind die vordergründigen Forderungen der Gewerkschaft UFO für die rund 22.000 Kabinenmitarbeiter weitläufig bekannt:

Streik trotz laufendem Schlichtungsverfahren?  

Der ein oder andere aufmerksame Leser fragt sich eventuell wie es möglich ist, dass trotz laufendem Schlichtungsverfahren gestreikt wird. Zu Recht. Nun ja, die oben genannten Forderungen sind Bestandteil der laufenden „kleinen Schlichtung“. Für diese gilt eine Friedenspflicht, sprich ein Streikverbot.

Doch UFO will noch mehr und diese Forderungen waren nicht in der „kleinen Schlichtung“ enthalten, weshalb sie auch nicht Grundlage aktueller Arbeitsniederlegungen sind:

Hintergrund des dreitägigen Streits über den Jahreswechsel seien Forderungen zur Teilzeit. Interessanterweise liege der entsprechende Tarifvertrag dazu laut Lufthansa-Konzern bereits unterschriftsreif vor. Gibt es im Tarifstreit womöglich noch ganz andere Motive?

Die weniger offiziellen Gründe des Streiks

Der eigentliche Kern des Streits bildet eine tiefgründige Auseinandersetzung zwischen dem Lufthansa-Konzern und der UFO. Diese geht so weit, dass der Konzern sogar Tariffähigkeit und Gewerkschaftseigenschaft und somit Vertretungsberechtigung von UFO gerichtlich anzweifelte.

Nach der Einschätzung des Lufthansa-Vorstandes, Detlef Kayser, sei die Motivation hinter dem Streik mehr als die offiziellen Forderungen. Er sieht darin einen Missbrauch für persönliche Interessen. Laut Kayser sei der Konflikt in der momentanen Lage kaum lösbar, da die Gewerkschaft sich seit Wochen weigere, konkrete schriftliche Forderungen mitzuteilen.

Der Lufthansa-Konzern spricht von unzulässigen Vorbedingungen und ist daher nur zu einem separaten richterlichen Güteverfahren bereit. Dieses könnte parallel zur laufenden Schlichtung laufen.

Warum der Konzern die UFO so deutlich angreift wird deutlich, wenn wir rückblickend die diversen Skandale um die Vorstandsmitglieder von UFO betrachten. Lufthansa kommentiert hierzu: „Sowohl die Gewerkschaftseigenschaft der UFO als auch die Vertretungsbefugnis des UFO-Vorstands sind nach wie vor ungeklärt“. Der Konzern argumentiert auf Basis dieser Grundlage, dass UFO kein Verhandlungspartner sein könne.

Interne Reibereien schürten den schwelenden Konflikt

Wie in unserem letzten Beitrag kurz angeschnitten, schwächte sich die Gewerkschaft über Monate hinweg selbst mit internen Kämpfen. Dabei ging es um Vorwürfe des Betrugs und der Untreue gegen mehrere Gewerkschafts-Funktionäre. Konkret ging es bei den gegenseitigen Vorwürfen um die Zweckentfremdung von Geldern, um überhöhte Gehälter sowie um falsch abgerechnete Privatreisen. Spannende Themen für diverse Staatsanwälte …

Die Vorwürfe führten schließlich dazu, dass Baublies Strafanzeige gegen Alexander Behrens, seinen Nachfolger als UFO-Vorsitzenden, sowie zwei weitere Vorstandsmitglieder Strafanzeige erstattete. Die Vorwürfe: Angeblich hätten sich die derzeitigen Vorstände gegenseitig vorteilhafte Arbeitsverträge ausgestellt.

Dem Vorwurf trat Behrens‘ Anwalt sofort entgegen, dennoch wurde ermittelt. Was schließlich dazu führte, dass letztendlich auch gegen Baublies ermittelt wurde. Nach allen Querelen traten schließlich alle in Verdacht geratenen Funktionäre von ihren Ämtern zurück.

Versucht sich UFO selbst zu retten?

Es werden Vermutungen laut, dass die Gewerkschaft sich derzeit mit Arbeitskämpfen vor allem versucht selbst zu retten. Bei der großen Schlichtung des Streiks im November hatte die damalige Personalvorständin von Lufthansa, Bettina Volkens, UFO als Mehrheitsgewerkschaft anerkannt.

UFO selbst befürchtet jedoch, dass ver.di künftig bei Lufthansa an Wichtigkeit zunehmen könnte, insbesondere da diese Gewerkschaft der UFO bei Eurowings schon ordentlich Konkurrenz macht.

So geht es weiter zwischen Lufthansa und UFO

Wie es mit den Auseinandersetzungen weitergeht, werde voraussichtlich am Sonntag besprochen, so UFO-Sprecher Baublies. Er kündigte ein gewerkschaftsinternes Treffen an, um das weitere Vorgehen zu erörtern. Mit dem Lufthansa-Konzern gab es noch keine Gespräche.

Die benannten Schlichter Matthias Platzeck (für UFO) und Frank-Jürgen Weise (für Lufthansa) sind streng genommen nur für die „kleine Schlichtung“ zuständig. Da sich jedoch über die Jahre hinweg einige Themen angestaut haben, die dringender Klärung bedürfen, werden voraussichtlich weitere Themen bei den Gesprächen berücksichtigt werden. Dazu gehört sicherlich auch die harte Strategie, mit der Lufthansa in den letzten Monaten gegen UFO vorgegangen ist – unter anderem mögliche Schadenersatzforderungen, Kündigungen und interne Personalverfahren gegen Funktionäre der Gewerkschaft.

Nach Angaben des Lufthansa-Konzerns gäbe es sogar bereits eine unterschriftsreife Fassung zu einer „großen Schlichtung“. Doch die Schlichter engagieren sich über ihre Pflicht hinaus sehr stark, damit ein Ende des Hahnenkampfes in Sichtweite kommen kann, und boten einen neuen Gesprächstermin im Januar an.

von Jennifer Weitbrecht

Related Posts