Wilco Design GmbH

Upcycling der Upper Class – Wilco Design GmbH alias flugzeugmöbel.de fertigt Designmöbel

Esther Nestle
07.09.2020
8 Minuten

Vom Himmel holen wollen sie die Schönheiten nicht. Sie vor dem Baggerbiss retten dafür umso mehr: Es schmerzt sie, wenn sie zu spät kommen und die Flugzeughülle schon auseinander genommen wurde. Sie – dahinter steht das sechsköpfige Team der Wilco Design GmbH, eine junge Firma mit Sitz im Saarland. Sie bewegen sich in einer winzigen Nische. Viele wissen nicht, dass es diese Nische überhaupt gibt. Umso größer der Wow-Effekt bei all jenen, die sie entdecken: aus Fliegerteilen gefertigte Flugzeugmöbel.

WingMag sprach mit Julian Schneider, einem der beiden Geschäftsführer.

Das Interview mit Flugzeugmöbel.de

Herr Schneider, salopp gesagt zweckentfremden Sie Flugzeugteile. Sie funktionieren für die Luft konzipierte Teile um in Flugzeugmöbel „für Grund und Boden“. Wie kommt man auf eine solch außergewöhnliche Idee?

Mein Geschäftspartner Marius Krämer und ich sind in die Geschichte reingestolpert. Als Flugzeug-Enthusiasten haben uns die formschönen Flieger-Konturen von jeher begeistert. Insbesondere Flügelformen sind sehr ästhetisch. So etwas Formvollendetes am Ende eines Flugzeuglebens einfach wegzuwerfen ist unglaublich schade!

So begann Marius, an ausrangierten Bauteilen zu basteln, sie „up-zu-cyceln“. Was als Hobby begann, zog immer größere Kreise. Immer mehr Menschen teilten unsere Begeisterung, ausgemusterten Flugzeugteilen neues Leben einzuhauchen, in Form ungewöhnlicher Designmöbelstücke. Und irgendwann wagten wir den Sprung ins kalte Wasser: Wir ließen unsere bisherigen Jobs hinter uns und starteten nochmal bei null.

Wilco Design GmbH - flugzeugmöbel.de

Zwei echte Traumjobs, denen Sie die Rücken kehrten.

Mein Kompagnon hängte seine Laufbahn als Verkehrspilot an den Nagel, ich eine gute Position innerhalb eines größeren Konzerns. Aber wir haben beide viel aus dieser Zeit in unser neues Berufsleben mitgenommen. Von meiner Seite kann ich sagen, dass die Außensicht auf betriebliche Prozesse sehr lehrreich war. Je größer ein Unternehmen und je regulierter, desto länger dauern Prozesse in der Regel.

… so wie in der Luftfahrtbranche.

Die Luftfahrtbranche ist gekennzeichnet durch ganz genau definierte Prozesse und Routinen, die dazu dienen, Fehlerquellen auszuschließen. Damit ist natürlich verbunden, dass Flexibilität dafür aufgegeben werden muss. Das zieht sich durch bis zum Schluss der Wertschöpfungskette, also wenn ein Flugzeug ausgedient hat und in seine Einzelteile zerlegt wird. In dieser ganzen Kette sind wir das letzte Glied. Um Flugzeugteile vor allem größerer Flieger zu ergattern, benötigt man einen langen Atem. Wir nehmen übrigens keine Teile, die noch für den Einsatz zugelassen und airworthy sind. Wir wollen nichts vom Himmel holen. Dieses No-Go ist Teil unserer Firmen-DNA.

Ihr Start war ein Sprung. Der Sprung von einer sicheren hin zu einer unsicheren Zukunft.

Der Start war hart. Man muss durch und durch für eine Sache brennen, die Leidenschaft muss da sein, sonst nehmen die Momente des Zweifelns irgendwann überhand. Besonders an zwei Fronten hatten wir anfangs hart zu kämpfen: Erstens erhielten wir manche Teile nicht in einem so guten Zustand, dass sie für ein Möbelstück noch zu gebrauchen gewesen wären. Zweitens kannte uns kaum jemand, auch unsere potentiellen Zulieferer nicht. Dort mussten wir anfangs eine Menge Überzeugungsarbeit leisten. Würden wir mit den uns überlassenen Bauteilen wirklich vertrauenswürdig umgehen, diese also nicht einfach weiter verschachern? Am einfachsten gelang der Vertrauensaufbau dort, wo wir die abgekauften Teile später in veränderter Form und Funktion – also als umgebautes Möbelstück – dem Zulieferer verkaufen oder ihm anderweitig direkt zeigen konnten.

Und wie ist die Akzeptanz für Flugzeugmöbel heute? Sorry, wohl eine eher rhetorische Frage …

Wir hatten den Traum, etwas Eigenes aufzubauen, etwas bisher nicht Dagewesenes. Und ja: Wir sind auf einem guten Weg. Wir haben die Kunden gefunden, die zu uns passen, die unsere Leidenschaft teilen, die ähnlich „verrückt“ ticken wie wir. In der Anfangszeit bekamen wir viele wertvolle Anregungen über die sozialen Medien, über unseren Webshop und in vielen Telefonaten. Die Feedbacks haben wir sehr ernst genommen und vieles davon umgesetzt. Aber auch unsere potentiellen Kunden mussten begreifen lernen, dass wir Luxusprodukte anfertigen und es darum geht, für den Kunden ein Stück zu finden, das zu ihm passt und so für ihn zu gestalten, dass er lange Freude daran hat. Dieser Aufwand hat natürlich seinen Preis.

Ihre Preise sind keine Luftnummern.

Nein. Es fallen viele Kosten an, schon bevor die Flugzeugteile bei uns landen. Das geht los bei den Verwertungsfirmen, die im Zweifel die Teile lieber „in die Tonne kloppen“ als sie an uns weiterzuverkaufen. Weil ihr eigentliches Geschäft der Ausbau und Wiederverkauf von noch zertifizierten Teilen ist, und weil sie ihre Lagerkosten möglichst gering halten wollen. Weitere Kosten entstehen durch die benötigten Gerätschaften, ohne die man gar nicht an die größeren Flugzeuge rankommt. Außerdem fällt mitunter eine Menge Papierkram an für die Genehmigungen.

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, für uns interessante Flugzeugteile vor dem Baggerbiss zu retten. Hinzu kommt der aufwändige Transport zu unserer Halle, danach dann unsere eigenen Lagerkosten. Das ganze Business ist keine kleine Garagengeschichte, sondern kostet viel mehr Platz und Equipment, sprich eine Stange Geld. Und dann natürlich der eigentliche Upcycling-Prozess, bei dem wir alles in Handarbeit anfertigen. Kein Stück ist von der Stange, jedes Stück ist ein Unikat.

Ihr Geschäftsprinzip basiert auf der Herstellung und dem Verkauf von Luxusprodukten, die genau genommen kein Mensch braucht. Woraus ziehen Sie Ihre Motivation?

Das ist richtig. Was wir anbieten, braucht überspitzt gesagt kein Mensch. Es ist der Erhaltungsgedanke von etwas Schönem, gefertigt aus großartigen Materialien. Das zu erhalten, in einen neuen Kontext zu stellen und damit unsere Kunden glücklich zu machen – das ist für uns sehr erfüllend. Hinzu kommt, dass Ressourcen endlich sind. Wir verwenden etwas bereits Existierendes wieder. Und mit der Erinnerung an das Flugzeug erhalten wir durch unsere Arbeit mehr als nur die Materialien.

Ihre ungewöhnliche Geschäftsidee bescherte Ihnen im Jahr 2017 eine Auszeichnung des Wirtschaftsministeriums als „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland“.

Diese Auszeichnung kürt junge Unternehmen, die etwas völlig Neues auf den Markt bringen, was es so bis dato noch nicht gab. Unternehmerpersönlichkeiten und deren Ideen, die anders sind, nicht so konventionell, sondern die etwas riskieren. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist ein sehr wichtiger Wirtschaftszweig, von dessen Ideen und Tätigkeiten der Mittelstand und Großkonzerne gleichermaßen profitieren. Dennoch haben Jungunternehmen aus der Kreativwirtschaft oft das Problem, keine solche Lobby zu haben wie die großen, in Deutschland etablierten Wirtschaftszweige. Die Auszeichnung soll den Jungunternehmern zu mehr Rampenlicht verhelfen und kreative Köpfe vernetzen.

Sie agieren aus einer Nische heraus. Trotzdem sind Sie nicht allein mit Ihrer Geschäftsidee.

Weltweit gibt es eine Hand voll von Mitbewerbern, die solche Objekte wie wir professionell fertigen. Die Szene ist sehr überschaubar und man kennt sich. Auch wenn sich die gefertigten Produkte vom Grundtypus her alle ähneln, hat doch jeder seinen eigenen Stil entwickelt, was jedem seine inhärente Daseinsberechtigung gibt. Während manche eher auf viel Glanz und möglichst pompöse Präsentationen gehen, prägt unsere Werke ein eher zurückhaltender und reduzierter Stil, der es uns ermöglicht, den Fokus auf das jeweilige Flugzeugteil und seine Geschichte zu lenken.

Ich persönlich habe Freude daran, wenn unsere Mitbewerber ihre Arbeit auch gut machen, eben auf ihre Weise! Warum sollten wir gegeneinander ankämpfen? Wir sind in einer winzigen Nische unterwegs. Keiner ist allein in der Lage, diese Nische signifikant zu vergrößern oder überhaupt alleine zu definieren, um mehr Öffentlichkeit zu generieren. So etwas erfordert enormen Marketingaufwand und unsere Kunden haben mehr davon, wenn wir diesen Aufwand in unsere Arbeit und somit ihre Objekte stecken. Wenn wir mehr Aufmerksamkeit für Flugzeugmöbel und andere Designobjekte aus Flugzeugteilen erzeugen wollen, dann am besten gemeinsam. Durch gemeinsames Vorgehen können wir alle voneinander profitieren. Ursprünglich wollte ich für dieses Jahr ein Treffen mit einigen unserer Kollegen organisieren. Aufgrund der gegenwärtigen Corona-Pandemie muss ich dieses Vorhaben auf einen späteren Zeitpunkt verschieben.

Was ist Ihr Alleinstellungsmerkmal?

Dem Kernobjekt im neuen Kontext neues Leben einzuhauchen, auf behutsame Weise, so dass die ursprüngliche Bestimmung nicht verloren geht. Uns ist es wichtig, dem Kunden mit jedem Möbelstück dessen Historie mitzugeben, die Geschichte dahinter mit zu erzählen.

Was war der aus Ihrer Sicht ungewöhnlichste Auftrag bis hierher?

Normalerweise fertigen wir nichts aus Flugzeugteilen, die in einen Unfall verwickelt waren. Einmal machten wir eine Ausnahme: Es war der Auftrag einer Familie, deren Vater bei einem Unfall als Pilot im eigenen Flugzeug ums Leben kam. Aus einem Teil dieses Flugzeugs wollte die Familie ein Möbelstück anfertigen lassen, als Erinnerung und zur Trauerbewältigung. Das war ergreifend und für uns eine Arbeit von besonderer Tiefe.

Wer sind Ihre Kunden? Was ist deren Motivation ?

Der gemeinsame Nenner ist die Affinität zur Luftfahrt. Menschen, die sich wie wir in die Schönheit der Formen verliebt haben und immer wieder neu verlieben. Viele schätzen auch die Exklusivität unserer Flugzeugmöbel. Vielleicht haben sie schon alles. Bei uns bekommen sie etwas ganz und gar Einzigartiges, etwas, was so kein anderer hat. Viele unserer Kunden sind bereit, für diese Exklusivität neben Geld auch viel Geduld aufzubringen: für ihr ganz persönliches individuelles Möbelteil, das sie bei uns in Auftrag geben und für das sie notfalls auch lange Wartezeiten in Kauf nehmen.

Corona zwingt derzeit die gesamte Flugzeugbranche in die Knie. Was bedeutet die aktuelle Lage für Ihr Unternehmen?

Wir stehen in engem Kontakt mit vielen Firmen aus der Luftfahrtbranche, denen es jetzt schlecht geht – da fühlen wir direkt mit; wir Flugbegeisterten sind wie eine große Familie. Unser Unternehmen ist aber auch selbst betroffen, denn das B2B-Geschäft ist uns erst mal weggebrochen. Aber auch bei unseren Endkunden spüren wir die Auswirkung der Pandemie. Was wir bieten, sind Luxusprodukte. Im Moment geht es bei den meisten Menschen um existenziellere Dinge.

Wo soll die Reise für Ihr Unternehmen hingehen? Welche strategischen Schritte stehen als Nächstes an?

Im Moment geht es immer noch darum, Schritt für Schritt voranzugehen und durch diese herausfordernde Zeit gut durchzukommen. Es gibt natürlich das ein oder andere Flugzeugmodell, welches wir gerne mal „vermöbeln“ würden, aber unser Fokus wird weiterhin an den Wünschen unserer Kunden anknüpfen.

Mögen Ihre Pläne zum Fliegen kommen. Vielen Dank für das Gespräch!

Julian Schneider hat an der Universität St. Gallen ein wirtschaftswissenschaftliches Studium absolviert und verantwortet den betriebswirtschaftlichen Teil des Unternehmens, Marius Krämer machte eine Ausbildung zum Verkehrspiloten und verantwortet bei Wilco Design den Bereich der Produktentwicklung und der Produktion.

Beide begeistern sich für die Luftfahrt und fliegen gerne als Privatpiloten, wenn sie neben dem Aufbau ihres Unternehmens die Zeit dafür finden.

Hier geht es zur Seite von Flugzeugmöbel.de.

von Esther Nestle

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